Hochtaunus (sis) — Sie wurden ausgesetzt, abgegeben oder verloren. Manche haben ihre Besitzer durch einen Todesfall verloren, andere wurden unüberlegt angeschafft oder entwickeln Verhaltensauffälligkeiten, mit denen ihre Halter überfordert sind. Im Tierheim Hochtaunus bekommen sie eine zweite Chance. Wer das Tierheim Hochtaunus besucht, begegnet nicht nur Hunden, Katzen oder Kaninchen. Er begegnet Geschichten. Geschichten von Abschieden, Hoffnung, Geduld und manchmal auch von einem glücklichen Neuanfang.
Unter dem Titel „Auf vier Pfoten ins Glück“ stellt die Oberurseler Woche künftig einmal im Monat gemeinsam mit dem Tierheim Hochtaunus ein Tier oder Tierpaar vor. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur Fotos, sondern vor allem die Geschichten hinter den Tieren – verbunden mit der Hoffnung, dass sie schon bald ein liebevolles Zuhause finden. „Nicht jedes Tier findet sofort ein Zuhause. Aber jedes Tier verdient die Chance, gesehen zu werden. Genau dabei kann diese neue Serie helfen“, sagt Roland Seel, Vorstand des Tierheim Hochtaunus. „Ohne Herz geht es in diesem Job nicht“, sagt Manuela Henninger, stellvertretende Tierheimleiterin. Ein Satz, der den Alltag im Tierheim wohl besser beschreibt als jede Statistik.
Beweggründe
Denn dort landen Tiere aus den unterschiedlichsten Gründen: weil ihre Besitzer verstorben sind, weil Familien überfordert waren, weil eine unüberlegte Anschaffung zum Problem wurde oder weil sich über Internetplattformen einfach kein neues Zuhause mehr finden ließ. Besonders große oder verhaltensauffällige Hunde stellen das Tierheim immer wieder vor große Herausforderungen. Rund 70 Prozent der Hunde gelten als verhaltensauffällig – Tiere, die Zeit, Erfahrung und Geduld brauchen. „Unsere Aufgabe ist nicht, Tiere möglichst schnell zu vermitteln, sondern für jedes einzelne das passende Zuhause zu finden. Das braucht Zeit – und die nehmen wir uns“, betont Seel. „Dafür gibt es aber auch wundervolle Momente“, erzählt Henninger. „Gerade dann, wenn Tiere vermittelt werden, bei denen wir die Hoffnung schon fast aufgegeben hatten.“
Das Wohl der Tiere steht dabei immer an erster Stelle. Deshalb gibt es vor jeder Vermittlung intensive Gespräche. Hunde werden nicht einfach übergeben, sondern Mensch und Tier lernen sich kennen. Das zukünftige Umfeld muss passen, bei Listenhunden sind zusätzliche Genehmigungen erforderlich. Bei Katzen wird genau unterschieden, ob sie Freigänger sind oder als Wohnungskatze leben können. Kaninchen und Meerschweinchen werden grundsätzlich nur paarweise vermittelt und benötigen ausreichend Platz für eine artgerechte Haltung. Die Schutzgebühren liegen – je nach Tier – zwischen 20 und 500 Euro. Für Kleintiere werden in der Regel 20 bis 50 Euro erhoben, für Katzen rund 200 Euro und für Hunde zwischen 300 und 500 Euro.
Aktuell leben im Tierheim Hunde, Katzen, Kaninchen, Meerschweinchen, Schildkröten, Vögel, Rennmäuse, Hamster sowie Fund-, Sicherstellungs- und Pensionstiere. Gerade in der Ferienzeit werden auch Pensionstiere betreut. Für ihre Versorgung sorgen acht Vollzeitkräfte, eine Teilzeitkraft, zwei Auszubildende, drei Minijobber sowie rund 20 ehrenamtliche Gassigänger und Katzenschmuser. Weitere Helfer sind jederzeit willkommen. Gesucht werden vor allem Menschen, die regelmäßig Zeit für die Versorgung der Kleintiere oder Reinigungsarbeiten am Morgen mitbringen. Für die verhaltensauffälligen Hunde werden erfahrene Gassigänger gesucht.
Mit Herz und Leidenschaft
Dass die Arbeit oft weit über den Feierabend hinausgeht, gehört für das Team dazu. „Man schaltet nicht einfach ab und nimmt die Geschichten mit nach Hause, die teilweise sehr belastend sind“, sagt Henninger. Besonders bewegend seien Fälle, in denen ältere Menschen versterben und ihre oft ebenfalls betagten Hunde plötzlich im Tierheim landen. „Das hat kein Tier verdient. Deshalb liegt uns die Vermittlung dieser Tiere besonders am Herzen.“ Gleichzeitig appelliert sie an Tierhalter, frühzeitig schriftlich festzulegen, wer sich im Ernstfall um ihr Tier kümmern soll. Solange Eigentumsverhältnisse ungeklärt seien, seien dem Tierheim häufig die Hände gebunden – zum Nachteil der Tiere.
Gerade bei großen oder verhaltensauffälligen Hunden ist das Tierheim oft die letzte Anlaufstelle. „Wenn über Internetplattformen nichts mehr geht, kommen die Tiere häufig zu uns“, beschreibt Henninger die Situation. Eine Einschläferung komme ausschließlich infrage, wenn sie medizinisch notwendig sei oder in seltenen Fällen eine Resozialisierung nicht mehr möglich sei.
Mehrmals täglich dürfen die Hunde auf großzügige Auslaufflächen. Je nach Charakter alleine oder gemeinsam mit Artgenossen. Im Sommer sorgen Wasserbecken für eine willkommene Abkühlung.
Sach- und Geldspenden
Auch wirtschaftlich steht das Tierheim vor großen Herausforderungen. Allein die tierärztlichen Behandlungskosten bewegen sich inzwischen im niedrigen sechsstelligen Bereich. Deshalb freut sich das Tierheim über jede Unterstützung. Besonders benötigt werden derzeit Futterspenden. Sachspenden können aufgrund der begrenzten Lagerkapazitäten momentan nur eingeschränkt angenommen werden – willkommen sind jedoch funktionstüchtige medizinische Geräte, beispielsweise Röntgengeräte. Geldspenden helfen dabei, die stetig steigenden Behandlungs- und Versorgungskosten der Tiere zu stemmen. Spenden sind auf das Konto des Tierheim Hochtaunus bei der Frankfurter Volksbank, IBAN: DE20 5019 0000 0301957181 willkommen.
Gleichzeitig blickt das Tierheim nach vorne. Im Herbst soll der Neubau eröffnet werden. Moderne Technik mit Wärmepumpe, neue Behandlungsräume sowie ein Verwaltungsgebäude sollen die Arbeitsbedingungen deutlich verbessern. Zudem gibt es Überlegungen, sich künftig gemeinsam mit einem weiteren Tierheim einen Tierarzt zu teilen, um die stetig steigenden Behandlungskosten besser bewältigen zu können. „Mit dem Neubau schaffen wir bessere Bedingungen – für unsere Tiere genauso wie für die Menschen, die sich jeden Tag um sie kümmern. Das ist eine wichtige Investition in die Zukunft des Tierheims“, sagt Seel.
Auch organisatorisch stehen Veränderungen an. Im November übernimmt turnusgemäß die Stadt Königstein für zwei Jahre den Vorsitz des Tierheim Hochtaunus. Nach Angaben von Seel laufen hierzu bereits erste Gespräche mit Bürgermeisterin Beatrice Schenk-Motzko, um den Übergang gemeinsam vorzubereiten.
Getragen wird das Tierheim Hochtaunus von den zwölf Kommunen Bad Homburg, Friedrichsdorf, Glashütten, Grävenwiesbach, Königstein, Kronberg, Neu-Anspach, Oberursel, Schmitten, Steinbach, Usingen und Weilrod. Gemeinsam erfüllen sie ihre gesetzliche Aufgabe, Tieren in Not ein vorübergehendes Zuhause zu geben, bis sich eine neue Familie findet.












