Die Zeitmaschine der Plaschis reißt alle mit

Voller Dynamik und handwerklich hervorragend inszeniert: Der Eröffnunsgtanz mit 39 Mitwirkenden aus allen Gruppen, einstudiert von Helen Dawson.

 

Königstein (as) – Der Frohsinn und die Narreteien der Fastnacht verbinden alle Generationen. Das macht sie zum Faszinosum, deshalb gilt sie ja auch als fünfte Jahreszeit. Der Königsteiner Narrenclub „Die Plasterschisser“ hat in der aktuellen Kampagne mit dem Motto „Eine Reise durch die Jahrzehnte“ die verschiedenen Generationen geschickt abgeholt, um mitzumachen und mitzutanzen. Hinter der Musik, den Outfits und dem Lebensgefühl der jeweiligen Zeit konnte sich einfach jeder wiederfinden.

Um den Sprung in die Vergangenheit und zurück in die Gegenwart nicht nur unbeschadet, sondern auch bei bester Stimmung zu meistern, hatten die Plaschis am Samstagabend bei ihrer GroPlaSi (Große Plaschi-Sitzung) im mit 280 Besuchern ausverkauften Bürgerhaus Falkenstein ganz einfach eine Zeitmaschine angeworfen. Und die schöne Idee umgesetzt, der Moderatorin Ela van der Heijden einen Professor in weißem Kittel und mit futuristischer Brille zur Seite zu stellen. Die berühmte Rolle von Doc Brown aus dem Hollywood-Blockbuster „Zurück in die Zukunft“, der Pate gestanden haben mag, verkörperte Prof. Dr. Samu – der mit Nachnamen Jacobs heißt und der neunjährige Sohn eines der Senatoren des Clubs ist – ganz souverän und abgeklärt. Also ganz anders als der überdrehte Doc Brown.

Und schon konnte es losgehen zur klassischen Zeit um 18.31 Uhr mit dem Intro-Showtanz, an dem nicht weniger als 39 Aktive zwischen sieben und 74 Jahren aus allen Gruppen der Plaschis mitwirkten – generationenübergreifend eben. Alle waren in einen „Blaumann“ gesteckt worden, denn schließlich galt es, schraubend, hämmernd und sägend pantomimisch und tänzerisch die Zeitmaschine, die das riesige Bühnenbild zeigte, richtig in Gang zu setzen.

Moderatorin Ela van der Heijden hatte im Übrigen die feinere Handarbeit eines Chirurgen benötigt. Nach einem Knöchel- und Wadenbeinbruch samt Bänderriss, den sie sich bei einem Ausrutscher auf Glatteis bei der Generalprobe für die Plaschi 11en-Sitzung zugezogen hatte, war sie erst fünf Tage vor der GroPlaSi operiert worden und stand tapfer mit einer dicken Orthese am rechten Bein auf der Bühne. Da machte sie als der eine Part des „Duos Gnadenlos“ ihrem Namen alle Ehre. Die Krankheits- und Verletztenwelle in diesem kalten und schneereichen Winter hatte die Plaschis generell heftig erwischt. Während der Vorsitzende Daniel Georgi es gerade noch schaffte, organisatorisch und als Tänzer der „Kronjuwelen“ dabei zu sein, mussten einige Aktive das Bett hüten. Auch ihnen galt gleich zu Beginn neben den verschiedenen Ehrengästen – von Bürgermeisterin Beatrice Schenk-Motzko und 1. Stadtrat Jörg Pöschl über große Abordnungen anderer Karnevalvereine wie dem HBV Schneidhain und dem SCC Steinbach bis hin zu den Freunden des Kerbevereins Fischbach, der den Thekendienst übernommen hatte – ein dreifach donnerndes Helau. „Das klappt schon mal“, lobte die Moderatorin. Es sollte sich dutzende Male wiederholen an diesem Abend, denn zu bejubeln gab es wirklich viel bei dem Programm mit offiziell 25 Nummern über fünf Stunden hinweg.

Los ging es mit den jüngsten Tanzgruppen der Plaschis. Tamu hatte die Zeitmaschine auf die Jahre zwischen 1975 und 1985 eingestellt, und schon hüpften die Gummibärchen zu Nenas 99 Luftballons über die Bühne, direkt gefolgt von den etwas älteren Smarty’s – bei „Fernado“ und „Honey, Honey“ unverkennbar in glitzernde Abba-Kostüme gehüllt und mit einem breiten Grinsen im Gesicht. „Es geht darum, auf die Bühne zu gehen und Spaß zu haben. Ein bisschen links und rechts und dazu klatschen“, da kann jeder einsteigen in der Gruppe von Nadia „Naddel“ Sya – der Ordensspenderin in diesem Jahr – und Christa Kroneberg, ermunterte Ela van der Heijden.

Und dann füllte sich die Bühne weiter: Denn erstmals stellte der Verein einen Elferrat, der mit sechs Männern und fünf Frauen sogar fast paritätisch besetzt war. Aber dabei blieb es nicht, durch die diversen Einsatzzeiten in den verschiedenen Tanzgruppen und in der Bütt wurde hier eifrig durchgewechselt. Insgesamt nahmen 22 verschiedene Ratsmitglieder an diesem Abend im närrischen Parlament Platz, weitere verdiente Kandidaten waren wegen organisatorischer Verpflichtungen „befreit“. Den Plaschis scheint das Personal so schnell jedenfalls nicht auszugehen. Was auch Wolfgang Riedel in seinem „Protokoll“ anerkennend feststellte. Fast keinen der 96 Vereine vergaß er in seiner Würdigung des Vereinslebens in der Stadt. „Der Narrenclub für Klein und Groß – für mich ist er der Vorzeigeverein … (und dann alle) in unserem Königstein“. Sonst war der Protokoller aber weniger gnädig in seinem politischen Vortrag. Die Großen auf der Welt- und der Berliner Bühne bekamen genauso ihr Fett weg wie in Königstein, insbesondere die beiden politischen Gruppierungen, die mit einem großen A beginnen.

Und dann immer wieder tolle Tanzdarbietungen bei der weiteren Reise in der Zeitmaschine: Die Silberfunken, eine Gardetanzgruppe in ihrem zweiten Jahr, war in den 80er Jahren und bei Michael Jackson gelandet, die Showtanzgruppe Sweet Candys verschlug es mit einer fantasievollen Choreografie in den Kirschbaumweg 17, die Adresse, in der Mary Poppins im berühmten Film aus den 60er Jahren den Familienfrieden wiederherstellte.

Dazwischen mischten sich immer wieder launige Vorträge, im weitesten Sinne Büttenreden. Michael Eller kam gerade von 14 Tagen Karibikurlaub zurück, und Christoph Visone steigerte auf Drängen der schwarz-roten Berlin-Koalition das Bruttosozialprodukt. Und das Fastnachtsurgestein Pfarrer Fulder, bürgerlich Steffen Jobst, ließ sich für seinen trockenen Humor feiern. Sie alle einte eines: Vergnügungssteuerpflichtig ist es nicht, im Winter 2025/26 in Deutschland zu leben. Dem „Irrsinn der Welt“ könne man nur noch Narretei entgegensetzen, meinte Pfarrer Fulder.

Die Cookies, eine noch junge und kleine Formation trainiert von Leonie Stefanski und Christian Knöß, waren technisch auf dem neusten Stand und tanzten auf die 2010er Jahre mir SocialMedia, Tik-Toc und Co. Und die mittlere Garde „Out of the Line“, die auch beständig wächst und in der seit Kurzem mit Eric auch ein Mann mittanzt, führten hin zu einem besonderen Höhepunkt des Abends: den Auftritt von Lascivia. Älteren und den Kennern der Königsteiner Fastnacht ist diese Tanzgruppe, die sich einst durch einen Freundeskreis bildete, noch in bester Erinnerung. Nach 15 Jahren Pause geben sie in dieser Kampagne ein wohl einmaliges, aber umso stärker gefeiertes Comeback mit Hits wie „Radio Gaga“ und „Thriller“. „Es sollte eine Überraschung zum runden Geburtstag meiner Mutter werden“, erzählte Björn Kroneberg. Die war gelungen – und zwar für alle Gäste! Mit neun Frauen und drei Männern standen die Freunde auf der Bühne, großteils in Originalbesetzung. Die Allzweck-Vereinstrainerin Julia Becker hatte auch Lascivia ein ganzes Jahr über wieder fit bekommen. „Der Körper hat sich an alte Schritte erinnert“, erzählte Björn, und wer das konspirative Grüppchen auf dem Weg zum Training doch entdeckt hatte, hörte als Ausrede „Wir gehen zum Yoga“. Erstaunlich, was man mit Atem- und Dehnungsübungen hinterher so alles auf die Bühne bringen kann ...

Eigentlich war dieser emotionale Höhepunkt der GroPlaSi als idealer Abschluss vor der Pause geplant. Da aber das Programm schon um mehr als 20 Minuten in Verzug geraten war und die MuShoBa am Abend noch einen zweiten Auftritt in Neuenhain hatte, ging es dann doch erst nach Pauken und Trompeten in die 2x11 Minuten – Beine vertreten beziehungsweise Blase entleeren.

Wer von kultigen Tanzdarbietungen und jeder Menge Gaudi noch nicht genug hatte, kam beim zweiten Teil des Abends noch voll auf seine Kosten. Die Resi-Dancers, die Frauen in den besten Jahren und gleichzeitig die tragenden Säulen des Vereins, entführten mit dem Lied „Ein Tag wie Gold“, das bei Babylon Berlin berühmt geworden ist, ins Berlin der 30er Jahre.

Auch echte Ehrengäste, Tollitäten der Fastnacht, gaben sich in Falkenstein die Ehre. Der Orscheler Prinz Steffen I., der als „der kleinste Prinz mit dem größten Herzen“ sofort die Herzen des närrischen Volks eroberte und auch gerne als Halloween-Darsteller nach Königstein kommt; und Melanie, als 78. Prinzessin auf Sodenias Thron, die mit einem beeindruckenden Hofstaat die Bühne mehr als ausfüllte. Und dann war die Zeit der Profitänzer gekommen. Die große Garde der Königstänzer (mit Christian Knöß) und die Showtanzgruppe Goldstücke, die mit Zugang Florian Bowitz seit dieser Kampagne ebenfalls die Ein-Mann-Strategie betreibt, rissen das Publikum wieder zu Standing Ovations hin. Was die Kronjuwelen bei ihrem Ausflug in die Zeit der Boybands in den 90er Jahren fast noch toppen konnten. Mit jedem Hit verwandelte sich einer der Männer in einen neuen Hauptdarsteller – und Daniel Georgi schoss dabei als Britney Spears bei „Baby One More Time“ einmal mehr den Vogel ab.

Zum großen Finale mit allen Gruppen zog mit den Starbreakern aus Frankfurt dann nochmal eine Brassband lautstark ins Bürgerhaus ein, Freunde der MuShBa, keine Konkurrenten, wie deren Chef Dieter Giese versicherte.

Das Abschlussbild mit Konfetti, Luftschlangen und vielen glücklichen Fastnachtern bleibt hängen bis zur nächsten Kampagne. Die wird dann im Zeichen der Märchenwelt stehen. Dieses Motto setzte sich gegen „Reise ins All“ und „Maskenball“ durch. Die Fastnachter hatten wie immer selbst abgestimmt, jeder mit seinem persönlichen orangefarbenen Ball, und die am höchsten gefüllte Glassäule machte das Rennen. Das erinnerte viele an das Kinderquiz „1, 2 oder 3“, die Zeitmaschine hatte ganze Arbeit geleistet.

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