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Ausstellung erinnert an die Mauer und die bewegenden Geschichten der Menschen

Als Ungarn seine Grenzen öffnete, ist Daniel Callwitz aus Meißen einer der DDR-Flüchtlinge, der über die ungarisch-österreichische Grenze den Weg in die Freiheit fand.

Fotos: Westenberger

Kronberg (mw) – Gerade als die Stadtarchivarin Susanna Kauffels dachte, mit den Vorbereitungen für die Ausstellung zur Maueröffnung am 9. November 1989 vor 25 Jahren fertig zu sein, kam ein Kronberger Bürger auf sie zu. „Auch er regte an, dieses Jahrestages zu gedenken“, erzählte sie den im Foyer versammelten Gästen zur Eröffnung der Ausstellung „25 Jahre Mauerfall“. Vor allem aber hatte er seine ganz persönliche Geschichte mit im Gepäck, die sie spontan noch in die leicht abgewandelte Ausstellung, die der Stadt seitens der „Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ zur Verfügung gestellt worden ist, integriert hat. Susanna Kauffels weiß, dass Stadtgeschichte gerade durch ihre vielen Facetten und bunt überliefert durch Sammlungen, durch persönliche Vor- oder Nachlässe der Bürger erst interessant wird. „Daniel Callwitz hat uns seine sorgsam gehüteten privaten Dokumente zur Verfügung gestellt und geduldig erzählt“, freut sie sich. Es ist die Geschichte seiner Flucht – drei Wochen vor dem Mauerfall. „Das wusste damals aber noch keiner“, betonte Callwitz, der zusammen mit seiner Frau Konstanze Callwitz zur Ausstellungseröffnung gekommen war. Wie viele DDR-Bürger, flüchtete er damals in dem Bewusstsein, dass er dabei sterben könnte, ihm mindestens aber hohe Haftstrafen drohten und mit dem Wissen, seine Familie auf unbestimmte Zeit nicht wiederzusehen. „Es ging mir nicht um ein materiell besseres Leben im Westen, sondern um die Grundwerte wie Gedanken- und Reisefreiheit.“ Sein Freund war gerade aus einem angeblichen Urlaub in Ungarn nicht zurückgekehrt. Und ihm selbst stand der Armeedienst bevor, bei dem ihm als einzige Möglichkeit, keinen Dienst an der Waffe zu tun, der Antritt als „Bausoldat“ blieb. Gut in Erinnerung und ein weiterer Beweggrund für seine Entscheidung, über Ungarn zu fliehen war Daniel Callwitz zu diesem Zeitpunkt auch noch der 50. Geburtstag seiner Tante (der Schwester seines Vaters) aus Kronberg, zu dessen Geburtstagsfeier man seine Schwestern, aber nicht ihn, hatte reisen lassen. Diese Willkür und Einschränkung in seiner Bewegungsfreiheit war ihm noch gut in Erinnerung. Rückendeckung für seine Flucht hatte er in der Familie, der er seine Pläne anvertraut. Als Christen standen sie bei der SED bereits auf der Negativliste. „Wir haben beispielsweise auch als Kinder die Jugendweihe verweigert, die eigentlich Standard war“, erzählt er aus seiner Jugend in der DDR. So bereitete er mit ihnen gemeinsam bis ins letzte Detail, mit Kaffee als Mitbringsel, den entsprechenden rumänischen Lei, ungarischen Forint und tschechischen Kronen als Tarnung im Gepäck, die Flucht vor. „Ich hatte aber auch drei Mal 10 Deutsche Mark im Gepäck, die ich auch brauchen sollte“, erzählt Callwitz Einzelheiten, die er wohl nie vergessen wird. Der damals 22-Jährige aus Meißen rafft in Budapest erst in den letzten zwei Halteminuten sein offensichtlich ausgebreitetes Reisegepäck zusammen und verlässt den Zug. Er ist äußerst aufgeregt und weiß nicht so recht, was er dem Taxifahrer antworten soll, der ihn ansieht und fragt: „Du wollen in Westen?“ „Misstraue jedem“, lautet in der DDR schließlich das Credo. Aber ihm wird klar, hier müssen schon mehr Menschen mit den gleichen Absichten ausgestiegen sein und so gibt er die ersten 10 Deutsche Mark für die Taxi-Fahrt zur Deutschen Botschaft aus. Von dort fuhr er sofort, unruhig wie er war, mit dem Taxi ins sogenannte Pionierlager, in dem das Österreichische Rote Kreuz sich um die Neuankömmlinge kümmerte. Mit dem letzten Geld ging es schließlich mit dem Bus von Ungarn über die Grenze nach Passau. Drei Tage hat die Flucht gedauert. In Siegen kommt Callwitz bei Verwandten unter, nach drei Wochen zieht er zu seiner Tante nach Kronberg, die während seiner Flucht noch im Urlaub war und findet dort bald Arbeit. Bis heute ist er Kronberg treu geblieben.

Was folgte, wurde mit unfassbarer Freude und Begeisterung gefeiert und sich in diesen Novembertagen daran erinnert: an den Fall der Mauer. So konnten auch die Callwitz-Eltern ihren Sohn bald wieder in die Arme schließen. „Und mein Vater konnte später als Bürgermeister von Meißen seine politische Wertevorstellungen noch in die Tat umsetzen.“

Die Ausstellung zeigt nun bis zum 23. November zu den Öffnungszeiten der Stadthalle den Bürgern das, was damals Geschichte wurde: die Mauer selbst, von der drei Teile als Mahnmal, auch für die unzähligen Opfer, die bei Fluchtversuchen ihr Leben verloren haben, neben der Stadthalle steht. Die tödlich gesicherte innerdeutsche Grenze war 1.400 Kilometer lang. In beeindruckenden Bildern – Mütter, deren Kinder sich über den Grenzzaun hinweg verabschieden, ein Soldat, der in die Freiheit springt – und erläuternden Texten lebt die Geschichte auf, die Susanna Kauffels für die Gäste ebenfalls noch einmal Revue passieren lässt. Sie erinnert an die Berlin-Blockade mit der West-Berlin für die westliche Welt zum Symbol des Freiheitswillens unter opfervollen Bedingungen wurde. An den ersten Aufstand im Ostblock 1953, der sich von Berlin in der gesamten DDR ausbreitete und von sowjetischen Truppen blutig niedergeschlagen wurde und an den Bau der Mauer selbst ab 1961. „Am 13. August riegelte die Volkspolizei die Grenzen der DDR zum Westen – und den Ostsektor Berlins gegen West-Berlin mit Stacheldrahtverhauen ab, die in den folgenden Tagen durch eine feste Mauer aus Steinen ersetzt wurde“, blickte sie auf die Zeit der deutschen Teilung, in der viele Lebensläufe „ruiniert“ wurden. Sie wurde zum Symbol für die Teilung Deutschlands, aber auch der Welt. „Wir sind uns bewusst, dass der 9. November in Deutschland kein ungeteilter Gedenktag sein kann“, betonte Bürgermeister Klaus Temmen in seiner Begrüßungsansprache. „Die Erinnerung an die Tage voller Glück über den Fall der Mauer am 9. November 1989 geht einher mit dem Gedenken an die schrecklichen Ereignisse des Pogroms gegen die jüdische Bevölkerung am 9. November 1938. Das dürfen und werden wir nicht vergessen.“

Vergessen in Kronberg sei auch nicht, wie schwierig die ersten Kontakte mit der DDR-Stadt Ballenstedt im Harz waren, zu der es 1988 durch die Kontakte des Kronberger Bürgers Dr. Walter Leisler Kiep zum damaligen Staatsratsvorsitzenden der DDR, Erich Honecker, gekommen war. „Hochpolitisiert waren die Verhandlungen zum Partnerschaftsvertrag damals.“ Das habe sich auch in den menschlichen Begegnungen wiedergespiegelt. „Man war sich fremd, man wurde nicht recht warm miteinander.“ Doch nach dem Fall der Mauer reisten nicht länger die Funktionäre, sondern die Bürger aus Ballenstedt kamen, blickte der Bürgermeister zurück. „Die Freude über den Fall der Grenzen einte in diesen Tagen Kronberger und Ballenstedter auf sehr spontane Weise. Es gab eine Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft.“ Viele der Freundschaften, die damals entstanden, haben bis heute Bestand. Temmen begrüßte in diesem Zusammenhang auch die Vorsitzende des Partnerschaftsvereins Kronberg-Ballenstedt, Dr. Ursula Philippi, herzlich, dessen Gründung ebenfalls in diese besonderen Wochen vor 25 Jahren fällt. „Dem Verein ist es gelungen, die Begeisterung dieser Tage weiterzutragen und in den folgenden Jahren partnerschaftliche Verbindung und Verantwortung mit unermüdlichem Einsatz zu leben und zu pflegen“, betont er hocherfreut.

Bei einem Glas Sekt wurde die Ausstellung auf von der Rheinberger-Stiftung gespendeten wieder verwendbaren Schautafeln schließlich in aller Ruhe betrachtet, samt zweier von allen Seiten bewunderten Trabis vom Trabi-Club Frankfurt auf dem Berliner Platz. Den Abschluss bildete die feierliche Kranzniederlegung des Bürgermeisters gemeinsam mit Dr. Ursula Philippi vor dem Mahnmal.

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