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Von großen Gesten, präziser Technik und einem Ohr für junge Talente

Die 16-jährige Birgitta Oftestad aus Norwegen begegnet dem Meister Frans Helmerson, der ihr zu großen Gesten rät (am Klavier begleitet von Megumi Hashiba).

Foto: Patricia Truchsess

Kronberg (aks) – Am Montag war die „Audition“ von 165 Cello-Schülern, die sich um einen Meisterkurs bei den weltberühmten Meistern ihres Fachs Frans Helmerson, Gary Hoffman, Jens Peter Maintz und Wolfgang Emanuel Schmidt bewarben. 60 von ihnen werden diese Woche höchstpersönlich unterrichtet. Sie müssen hart arbeiten für die Ehre, zu den Auserwählten zu gehören. So lautete auch Gary Hoffmans Trost für alle, die nicht zu den Aktiven gehören: Sie hätten als passive Teilnehmer viel mehr Zeit bei den Workshops dabei zu sein und die Konzerte genießen zu können. Die Cello Meisterkurse der Kronberg Academy sind eine Begegnung von Schülern und Meistern und keine Proben für ein gemeinsames Konzert. Die sieben Konzerte finden mit namhaften Solisten statt. Eine Hommage gilt dem 2004 verstorbenen Boris Pergamenschikow, der dieses Jahr 70 Jahre alt geworden wäre, mit sieben seiner ehemaligen Schüler, die alle als Studenten in Kronberg waren.

Kronberg ist in diesen Tagen wieder das Zentrum großer Musik und Treffpunkt berühmter Cellisten, die das Stadtbild wohltuend durcheinanderwirbeln. In der Stadthalle herrscht am Dienstagnachmittag ein flatterndes Kommen und Gehen. Studierende aus aller Welt, Musikliebhaber von nah und fern, Journalisten und Fotografen wollen live dabei sein, wenn Frans Helmerson, Wolfgang Emanuel Schmidt und Jens Peter Maintz junge Cellisten im Alter von elf (so jung ist der jüngste Cellist) bis Ende 20 unterrichten. Der Eintritt ist frei und der Feldbergsaal gut gefüllt in froher Erwartung, den schwedischen Cellisten Frans Helmerson, der überall auf der Welt mit den renommiertesten Orchestern spielt und für seine Einspielungen hervorragende Kritiken erhält, als Lehrer zu erleben. Die 16-jährige Birgitta Oftestad aus Norwegen spielt den letzten Satz von Elgars Concerto in T-Shirt und Sneaker – und ohne Noten. Am Klavier begleitet sie die erfahrene Pianistin Megumi Hashiba, die eine verständnisvolle und geduldige Klavierbegleiterin ist. Frans Helmerson hört andächtig zu und klatscht wie alle im Raum lebendigen Beifall. Die beiden verständigen sich auf Englisch und die Schülerin versteht sofort, wenn der 71-jährige Meister ihr vorschlägt den Bogen zu öffnen. Sie soll lernen, nicht so nah am Steg zu spielen. Es ginge nur um Millimeter, aber es sei wichtig, den Bogen frei zu spielen, denn der sorge für die Emotion. Sein Rat: „Find the place on the string to move a little freer.“ Die Frage an sich selbst laute stets: „Welchen Ton möchte ich spielen und was tue ich dafür.“ Birgitta, so darf Frans Helmerson sie nennen, lächelt ein sorgloses fast noch kindliches Lächeln: „Good“. Es fällt ihr nicht schwer, die Kritik ihres Lehrers anzunehmen, der betont, wie majestätisch Edgar Elgars Musik und wie emotional das Diminuendo in diesem Satz ist. Diesen Bruch und diesen Zweifel auszudrücken sei die Kunst -–wie bei einem Schauspieler, der großartig deklamiert und dann doch in sich zusammensinkt, weil die Unsicherheit siegt: „Your face is in the bow!“ Helmerson weist auf die ganz eigene Sprache Elgars hin, die finde man weder bei Brahms, noch bei Schumann oder Wagner. Er ermutigt die blutjunge Elevin zum Lockerlassen, schließlich würde nicht ihr Arm „Expressions“ erzeugen, sondern der Bogen. Sich zu sehr auf die Spieltechnik zu fokussieren wirke maschinell, große Gesten dagegen verhinderten zu starke Anspannung. Das sind viele Ratschläge, doch Birgitta Oftestad wirkt nie mutlos oder verunsichert und verliert auch in keiner Sekunde ihre Konzentration. Ein Höhepunkt ist das gemeinsame Cellospiel mit Frans Helmerson, das den Raum mit einem wahrhaft majestätischen Klang erfüllt. Genau das möchte der Lehrer: „Feel the movement – don’t be careful“, also unbedingt loslassen! Das Publikum erlebt in einer Dreiviertelstunde, wie lernfähig und expressiv die junge Norwegerin ist – und ist zutiefst gerührt.

Das mit den großen Gesten fällt dem 22-jährigen französischen Cellisten Jérémy Garbarg schon leichter. Er spielt eine Debussy Sonate sehr gefühlvoll und er selbst wirkt wie ein anmutiger Tänzer, der seinem Instrument neben Pizzicato auch seltsame Laute wie Schwirren und Sirren entlockt. Frans Helmersons Kommentar nach dem Vorspielen: „Be more precise!“ Das Cello solle nicht singen, in der Komposition stehe ein „Forte“. Spontan steht der Meister auf und hält den Kopf seines Schülers fest, damit sein Spiel fester und entschlossener werde. Jérémy sei sehr „musical“, aber es gehe darum, „consistent“ zu spielen. Er gibt ihm noch den Tipp, Debussys Musik spanischer zu spielen, vor allem beim Pizzicato solle es klingen wie eine Gitarre – „like Flamenco!“ und: „There is a logical way to play the triplets.“ Das Publikum hält den Atem an, so spannend ist diese Lehrstunde in Sachen Cello-Musik. Als erfahrener Pädagoge mit einem geschulten Gehör und einer sehr gelassenen und gütigen Ausstrahlung rät er der jungen norwegischen Schülerin zum Lockerlassen und großen Gesten und dem französischen Schüler zu einem präziseren entschlossenerem Spiel. Es ist faszinierend zu beobachten, wie heiter gestimmt die jungen Talente Kritik annehmen und sich sofort hörbar verbessern. Es scheint so, als gäbe es mit diesen genialen Lehrern, den größten Cellisten weltweit, und deren wohlwollender Hilfestellung, und mit den vielen Inspirationen und Erfahrungen dieser Tage in Kronberg nun kein Halten mehr auf dem Weg ganz nach oben zum Cello-Olymp.

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