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„Munin oder Chaos im Kopf“ beim Kronberger Lesefestival

Zwei literarische Hochkaräterinnen: Monika Maron (li.) im Dialog mit Eva Baronsky

Foto: Diel

Kronberg (die) – „Wussten Sie, dass eine Krähe so klug wie ein Schimpanse ist und damit zu den intelligentesten Tieren unserer Erde zählt? Im jüngst erschienenen Roman „Munin oder Chaos im Kopf“ zeigt eine sprechende Krähe die Veränderung unserer Gesellschaft auf. Die bereits durch ihren ersten Roman „Flugasche“ bekannt gewordene Autorin, Monika Maron, unter vielen anderen Preisen auch Preisträgerin des Kleist-Preises 1992, war eigens aus Berlin angereist, um beim Lesefestival in der Stadtbücherei am vergangenen Donnerstagabend mit Eva Baronsky über ihren Roman zu sprechen.

Maron macht sich die Intelligenz der Tiere literarisch zunutze. Erst hat sie sich lange Zeit für ihr Werk mit den Krähen beschäftigt, wurde sogar zu Fachtagungen eingeladen, dann hat sie ihre Romanrecherche unter dem Titel „Krähengekrächz“ veröffentlicht und jetzt kann die Krähe Munin der Protagonistin des Romans und damit uns allen helfen, den Zustand Deutschlands zu erkennen und kritisch zu hinterfragen. Maron malt damit gleichsam ein Stimmungsbild zur Lage der Nation. Und die wird von ihr eher düster und pessimistisch geschildert. So spricht sie davon, dass wir in einer „Vorkriegszeit“ leben und von einer Ahnung, dass unser „gutes Leben“ bald ein Ende haben könnte. Als literarische Partnerin dieses Abends agierte keine Geringere als die Schriftstellerin Eva Baronsky. Sie ist Autorin unter anderem des sehr bekannt gewordenen Romans „Herr Mozart wacht auf“.

Unbequem und kritisch äußert sich Maron zu der Deutschen „nervösen, leicht explosiven Stimmung“, spricht von Parallelen zu der Zeit unmittelbar vor dem Dreißigjährigen Krieg. „Junge Männer, die nichts mit sich anfangen können“ seien damals wie heute eines der Probleme. Auf Nachfrage Baronskys erklärte sie, auf die Krähe sei sie gekommen, weil sie von ihrem Blickwinkel den „archaischen Teil der Menschen“ aufzeigen wollte. Maron trug sodann prägnante Stellen aus dem Buch vor, führte die Zuhörer behutsam und gut verständlich in das Werk ein, ohne mit Hintergrundinformationen zu sparen.

Ihre virtuose Sprache ist brisant und präzise. Maron begann ihre Lesung des Romans mit der Passage über eine Frau, die jeden Tag auf dem Balkon steht und laut und unmusikalisch singt (Maron hierzu: „Die Frau singt und kanns nicht, die gab es wirklich und die einzige Art für mich sich zu wehren war, etwas über sie zu schreiben!“). Maron bezeichnet diese Frau als Verrückte – sie wird im Verlauf des Romans zu einem wahren Zankapfel für die übrigen Bewohner der Straße, so sehr, dass sich der ganze Straßenzug mehr und mehr in zwei Lager spaltet. Die Journalistin Mina Wolf lebt in dieser Straße in Berlin und soll einen Aufsatz über den Dreißigjährigen Krieg schreiben, hat aber wegen der Singerei ihre Schwierigkeiten. Sie klinkt sich deshalb aus, arbeitet nur noch nachts, um dem Dauergesang zu entkommen. Sie macht die eigentümliche Bekanntschaft der Krähe Munin, die sogar in ihre Wohnung kommt und schließlich zu sprechen beginnt. So erfährt Mina, was um sie herum geschieht und es entsteht ein literarisches Bild unserer Gesellschaft. Die Fragen Baronskys, der Dialog mit den oft pointierten Antworten Marons („die Pathologisierung der Charaktere im Buch – die mache ich nicht mit!“) waren fundiert, in die Tiefe gehend und dennoch höchst unterhaltsam. Die Auflösung der Geschichte am Ende des Romans durch Maron konnte Baronsky zwar nicht erreichen, das machte aber nichts, denn die Zuhörer zeigten durch anschließende Nachfragen die Neugierde auf die Autorin und ihren Roman.

Das Lesefestival wurde auch dieses Jahr vom Freundeskreis der Stadtbücherei Kronberg, der Kronberger Bücherstube, den Kronberger Lichtspielen sowie der Stadtbücherei Kronberg ausgerichtet.

Zum Auftakt des Lesefestivals genossen die Kinder die Herbststimmung vor der Bühne im Victoriapark. Gebannt lauschten sie ihren „Vorlesern“ und tauchten ab in die fantasievollen und spannende Geschichten, die ihnen offeriert wurden.
Foto: Westenberger

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