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Verabredung mit „Slava“ und der Musik, die immer gegenwärtig ist

Die Bravo-Rufe des Publikums kamen spontan und von Herzen nach dem fulminanten Finale der drei Solisten, Walter Delahunt, István Várdai und Fans Helmerson (v.l.n.r.).

Foto: Lutz Sternstein

Kronberg (aks/pu) – Der Brunnen ließ sich nicht beirren und plätscherte munter weiter, auch dann als sich viele hundert Menschen im Schulgarten einfanden, um der „Verabredung mit Slava“ zu folgen und des großen Cellisten Rostropovich zu gedenken, der auf ewig in die Musikgeschichte eingegangen ist. Nur ein paar Schritte weiter konnte man – ohne Wassergeräusche – dem Gesang des Mädchenchores „Liepaites“ aus Vilnius lauschen, das den Festgesang aus „Iphigenie in Aulis“, ein litauisches Volkslied, mit zarten Stimmen vortrug. Das Publikum erwartete, wie jedes Jahr, sehnsüchtig die ergreifende Bachsuite Sarabande 2. Solosuite, diesmal gespielt von Frans Helmerson, der selbst Schüler Rostropovichs war und zu den berühmtesten Cellisten der Welt zählt.

Auch der Wettergott schien gute Laune zu haben, denn auf einen schauerreichen Tag folgten pünktlich für die Veranstaltung im Freien strahlender Sonnenschein und milde Temperaturen. Die Inszenierung an Slavas Büste im Freien war damit perfekt.

„Slava“ rührte nicht nur zu Lebzeiten die Menschen mit seiner Musik, seiner vorbildlichen Geisteshaltung, seinem politischen Engagement und dem besonderen Einsatz für junge Künstler, auch am Sonntagabend schien er anwesend im Schulgarten unter den Menschen, die zu seinem Todestag gekommen waren. „Der ganze Mensch hat uns herausgefordert, das Richtige für die Musik zu tun“, und das Richtige, betonte Trenkler, sei heute das Engagement für junge Künstler, die in Kronberg, der „Welthauptstadt des Cello“ im Sinne Rostropovichs, studieren. Sobald Musik erklingt, ist auch der Komponist anwesend. Egal, ob es sich um alte oder neue Musik handelt, Musik ist immer neu. Diese schöpferische Kraft Mstislav Rostropovichs wirke sich auch sieben Jahre nach seinem Tod auf Entscheidungen aus, als täglicher Ansporn in der ständigen Überprüfungsphase, wohin die Reise für die Musik und die jungen Musiker, deren Förderung sich die Kronberg Academy verschrieben hat, gehen soll. „Immer, wenn wir uns an Slava erinnern, soll uns das bewegen und anstacheln, heute das Richtige zu tun.“ Rostropovich selbst hatte keine Berührungsängste, er war neugierig und furchtlos und begeisterte sich für die zeitgenössische Musik. Dr. Harald Eggebrecht, Redakteur der Süddeutschen Zeitung, war es vergönnt, den zu den bedeutendsten Cellisten der Geschichte zählenden Weltenbürger persönlich kennenzulernen. „Ich habe vorher nicht für möglich gehalten, dass man so Cello spielen kann“, erinnerte er sich an den auch politisch äußerst engagierten Mann, dessen Leidenschaft, Neugier und Furchtlosigkeit ihm besonders imponierten. „Ich bin mir sicher, er würde sich zur momentanen Lage in der Ukraine deutlich äußern.“ In die Annalen eingegangen ist der Sohn eines Cellisten und einer Pianistin, der sein Talent schon in die Wiege gelegt bekam, jedoch weniger durch seine politischen Positionierungen als durch seine umfangreichen Verdienste um die Musik. Wie Eggebrecht in Erinnerung rief, war Vordenker Mstislav Rostropovich trotz seines fortgeschrittenen Alters bis zuletzt ganz nach der Maxime „Musik ist immer neu, wenn sie erklingt“ neuen Interpretationen gegenüber aufgeschlossen.

Den Worten von Harald Eggebrecht, der den Sinn der Musik darin sieht, dass sie immer gegenwärtig ist, folgten Töne, die berührten. Frans Helmerson, erweckte Bach, der seit 264 Jahren tot ist, zu neuem Leben.

Das Benefiz-Konzert im Anschluss in der Stadthalle war ausverkauft. Viele Freunde und Förderer der Kronberg Academy, darunter auch Freunde und Förderer der Alten Oper, ließen sich diesen musikalischen Leckerbissen nicht entgehen. Der Erlös des Abends ging an die Rostropovich Cello Foundation, die Musiker spielten ohne Gage.

Helmerson widmete sich der Suite für Cello Solo Nr. 1 op.72 von Benjamin Britten, die dieser 1964 für Rostropovich komponiert hatte, so intensiv und bewegend, dass er für Momente hinter den Klängen verschwand. Die neun Sätze spielte er ohne Pause und mit ganzem Körpereinsatz. Er benutzte seinen Bogen nicht nur, um über die Saiten zu streichen, sondern schlug auf sein Cello ein, zupfte und klopfte und entlockte ihm so auch schräge Töne, bis es dann nur noch kaum hörbar summte. Einem sirenenhaften Crescendo, das fast bedrohlich klang, folgte ein leises Flüstern, das wieder anschwoll zu dunklen, flatternden Klängen, die vor sich hin brummelten und von Frans Helmerson mit großer Geste beendet wurden. Tosender Applaus als Dank für sein leidenschaftliches, über jeden Zweifel erhabenes Spiel.

István Várdais Interpretation von Schuberts Sonate in a-Moll für Violoncello und Klavier „Arpeggione“ ging sofort unter die Haut. Es ist ein Vergnügen, den 29-jährigen Ungarn spielen zu hören – und zu sehen, seine Bewegungen sind elegant und doch kraftvoll. Der junge Musiker erfüllte den hohen Kunstanspruch dieser Sonate, die für ein Instrument geschrieben wurde, das heute nicht mehr gespielt wird, der „Arpeggione“.

Er wurde mit Verve und feinster Präzision begleitet vom kanadischen Pianisten Walter Delahunt, der an verschiedenen Universitäten unterrichtete und heute Korrepetitor bei der Kronberg Academy ist. Typisch für die Zeit der Salons, in der diese Komposition von 1824 gespielt wurde, sind die teils sentimentalen, schmeichelnden und sehnsuchtsvollen Klänge, die Várdai seinem Cello entlockte, dessen Saiten er ab und zu wie eine Gitarre zupfte. Mit der „Humoresque“ von Rostropovich bewies Várdai seine Vielseitigkeit und erhöhte sein Spieltempo noch einmal.

Das Finale der drei Virtuosen war atemberaubend und kurz: Das Duett für zwei Celli und Klavier von Shostakovich, dem Lehrer Mstislav Rostropovichs, brauste heran, erfüllte den Raum bis in den letzten Winkel und war genauso schnell wieder vorbei.

Die Bravo-Rufe des Publikums kamen spontan und von Herzen: Ein rasanter, engagierter Musikvortrag, der jeden einzelnen Solisten auszeichnete, war viel zu schnell zu Ende!

Ein Gedankenaustausch bei einem Gläschen Sekt war anschließend beim Empfang der Freunde und Förderer der Kronberg Academy sehr willkommen.

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