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Zehn Jahre Schulsozialarbeit an der Altkönigschule

Prof. em. Dr. Wilma Aden-Grossmann hielt ein flammendes Plädoyer für Schulsozialarbeit

Schönberg (pu) – „Sie haben, um es mit einem Bild auszudrücken, das Kind aufgefangen, damit es nicht in den Brunnen fällt“, brachte die emeritierte Professorin für Sozialpädagogik, Dr. Wilma Aden-Grossmann, die präventive Leistung der Betreuer Mickey Wiese und Jakob Friedrichs auf den Punkt, die der mittlerweile vor zehn Jahren zunächst von Lehrern eingeführten Schulsozialarbeit an der Altkönigschule mehr Leben einhauchten und sie fest im Schulalltag verankerten.

Im Rahmen einer Feierstunde wurde dieser Tage sowohl auf die schwierigen Anfänge zurückgeblickt als auch die dringende Notwendigkeit der Fortführung mit Nachdruck hervorgehoben.

Neue Handlungsoptionen

Diplom-Theologe Mickey Wiese und Schulsozialpädagoge Jakob Friedrichs erinnern sich noch an ihren ersten Tag, als sie den versteckt liegenden Trainingsraum nur mit Mühe fanden. Was anfangs als Projekt gedacht war, um an der 1.400 umfassenden Gesamtschule im Unterricht störenden Jugendlichen eine Auszeit zu geben, sei inzwischen, so Wiese, zu einem umfangreichen Projekt der Schulsozialarbeit, einer Anlaufstelle für Schüler, Lehrer und Eltern geworden, die Rat und Hilfe für alle Lebenslagen suchen. „Anfänglich kamen 80 Prozent der Schüler wegen einer Ordnungswidrigkeit und lediglich 20 Prozent freiwillig, um mit uns auch über Probleme aller Art zu reden wie Konflikte in der Familie, persönliche Probleme, Liebeskummer, selbst verletzendes Verhalten, Mobbing und vieles mehr. Mittlerweile ist das Verhältnis umgekehrt“, resümierten die beiden Schulsozialarbeiter mit Stolz. Den Schülerinnen und Schülern wird dabei geholfen, ihr Verhalten zu reflektieren, Auswege zu finden und gezielt neue Handlungsoptionen mit ihnen trainiert. Weiterentwicklung und Professionalisierung des Projekt spiegeln sich seit Sommer letzten Jahres im neuen Namen „Rathaus“ treffender wider, dieses befindet sich an prominenter Stelle in der Eingangs- und Pausenhalle mit einsehbarer Glasscheibe. Träger der Schulsozialarbeit an der Altkönigschule sind das Evangelische Dekanat Kronberg und das Förderforum der Altkönigschule, unterstützt vom Hochtaunuskreis und den Städten Kronberg und Steinbach.

Mitarbeiter werden überall gebraucht

Schulleiter Stefan Engel, Stadtrat Detlef Tinzmann (KfB), das langjährige Mitglied des Förderforums Walther Kiep und Axel Heitmann vom Lions Club Kronberg bekräftigten unisono die Wichtigkeit und positiven Erfahrungen mit der Schulsozialarbeit. „Die Mitarbeiter werden überall und mit erweiterter Aufgabenstellung gebraucht, da die Anforderungen an Schule durch die gesellschaftlichen Veränderungen steigen“, unterstrich der Direktor der Gesamtschule. Groß war daher die Freude über einen Scheck über 1.500 Euro, den Heitmann stellvertretend für vier Clubmitglieder überreichte, die in jüngerer Vergangenheit anlässlich ihres Geburtstages statt Geschenke Geld für die Schulsozialarbeit erbaten. Passend zum Reformationsjubiläum wies Dekan Dr. Martin Fedler-Raupp in seinem Grußwort auf den Zusammenhang zwischen der Reformation und Bildung hin, da Martin Luther die Katechismen als Schulbücher geschrieben habe, um überhaupt Menschen in Bildung zu bringen. Ihm sei es wichtig gewesen, dass sie erfahren, worum es im Leben geht. Für die Evangelische Kirche sei es daher ganz klar, dass Bildung nicht nur das Anhäufen von Wissen, sondern den ganzen Menschen mit all seinen Bedürfnissen meine. Das Engagement in der Schulsozialarbeit sei dem Dekanat gerade deshalb so wichtig, weil Schülerinnen und Schüler in diesem Rahmen außerhalb des Unterrichts anders wahrgenommen werden könnten und eine andere Sicht auf ihr Leben bekämen.

Signal an die Politik

Umso unverständlicher ist Trägern, Schulgemeinde und Elternschaft die nach wie vor auf tönernen Füßen stehende Finanzierung des Projekts. Als Expertin richtete Prof. em. Dr. Aden-Grossmann mittels fundierter Fakten eine deutliche Grußadresse an die Politik. Sie führte vor Augen, die tradierte Arbeitsteilung, wonach die Schule für die Bildung zuständig ist und die Familie durch ihre Erziehungsarbeit die notwendige Voraussetzung für erfolgreiche Teilnahme ihrer Kinder am Unterricht schafft, entspreche in zunehmendem Maße nicht mehr den heutigen Gegebenheiten. Die Gründe für die veränderte Situation, die etwa fehlende Hausaufgabenunterstützung, mangelhafte Fürsorge und vieles mehr zur Folge habe, seien unterschiedlicher Natur: Alleinerziehend, beide Eltern voll berufstätig, Familien mit Migrationshintergrund, Familien aus einem bildungsfernen Milieu. „Folglich muss der erzieherische Rahmen in der Schule gestärkt werden“, so Aden-Grossmann, wohlwissend, dass die Bildungsanstalten unter den bisherigen Rahmenbedingungen lediglich „sehr begrenzte personelle und zeitliche Möglichkeiten haben, diesem nachzukommen, insbesondere bei verhaltensauffälligen Schülern“. Parat hatte sie außerdem die Ergebnisse der jüngsten Pisa-Studie, derzufolge immerhin fast 20 Prozent der befragten 10.000 15-jährigen Schüler von seelischen oder körperlichen Misshandlungen (Mobbing) durch Mitschüler betroffen sind. Gleichwohl hänge in Deutschland wie in keinem anderen Industriestaat der Bildungserfolg von der sozioökonomischen Herkunft des Kindes ab. Im Unterschied zur Schule sei Schulsozialarbeit keinem Lehrplan verpflichtet, die Ziele seien allgemeiner Art wie etwa die Stärkung des Selbstwertgefühls, der Teamfähigkeit, des Durchhaltevermögens, der Konzentrationsfähigkeit, der Kritikfähigkeit und der sozialen Kompetenzen. „Mickey Wiese und Jakob Friedrichs orientieren sich an dem von Professorin Sigrid Tschöpe-Scheffler entwickelten ‚Fünf-Säulen-Modell für eine entwicklungsfördernde Erziehung‘. Die fünf Säulen sind: Liebe, Achtung, Kooperation, Struktur und Förderung“, betonte Aden-Grossmann.

Als Leiterin der wissenschaftlichen Begleitung des Projektes Schulsozialarbeit in der Frankfurter Ernst-Reuter-Gesamtschule vor etwa 40 Jahren direkt schon beim Modellversuch beteiligt, verwies sie auf nachhaltige Erfolge durch Reduzierung von Vandalismus, Bewältigung von Entwicklungskrisen oder Bereicherung durch Pausen- und Freizeitangebote. Dennoch habe Schulsozialarbeit mitnichten den Stellenwert, den sie verdiene, vor allem in der Politik, kritisierte Aden-Grossmann. Nachdem 2013 das Bundesgesetz ausgelaufen war, hätten einige Bundesländer in ihren Haushalten Mittel für die Weiterführung von Schulsozialarbeit eingestellt, Hessen dagegen habe 2015 die direkte Förderung eingestellt. „Gegenwärtig ist die Reform des Kinder- und Jugendhilfegesetzes geplant, und dabei setzen sich alle Wohlfahrtsverbände wie auch die Gewerkschaften dafür ein, Schulsozialarbeit im Gesetz zu verankern. Ich hoffe sehr, dass deren Bemühungen erfolgreich sind und dass es damit auch gelingt, Schulsozialarbeit in Hessen finanziell abzusichern, damit auch an der Altkönigschule die Schulsozialarbeit weiterhin zum Nutzen von Schülern erfolgreich tätig sein kann“, gab sie dennoch abschließend ihrer Hoffnung auf Besserung Ausdruck.

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