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Der Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste für Rechtshistoriker Michael Stolleis

Prof. Michael Stolleis vor den Werken der Weltliteratur Foto: Westenberger

Oberhöchstadt (mw) – Am Schreibtisch, umgeben von Büchern – zwei große Regale voller eigener Werke – fühlt Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Michael Stolleis sich am wohlsten. Einige seiner Bücher wurden schon in viele Sprachen übersetzt, andere zählen für angehende Juristen zu viel gelobten Standardwerken, an denen sie nicht vorbei kommen, allen voran die vierbändige Geschichte des öffentlichen Rechts, von 1600 bis 1990, an der er über 20 Jahre bis 2012 gearbeitet hat. Seit 2014 gibt es auch eine einbändige Zusammenfassung davon. Mit dem Studium der Rechtswissenschaften entdeckte der Pfälzer, der schon als junger Mann wusste, dass er was „mit Büchern und mit Schreiben“ machen wollte, seine Leidenschaft für die Rechtsgeschichte und die Literatur, die ihn bis heute nicht losgelassen hat. Sein neuestes Werk, „Margarethe und der Mönch“, liegt fertig, aber noch als Loseblattsammlung in seinem Arbeitszimmer. Am 19. September, wenn er in der Reihe „Lesen&lesen lassen“ zum Gespräch über „Menschliches im Recht“ mit der F.A.Z.-Redakteurin Sandra Kegel gebeten wird, hofft er, dass das im C.H. Beck Verlag veröffentlichte Werk dem Publikum druckfrisch vorliegt. Darin versammelt sind einige „mehr oder weniger amüsante Rechtsstudien“, wie er verrät. Auch seine Lieblinge, Jean Paul und Johann Peter Hebel kommen darin vor und wer Stolleis legendäre Stärken kennt, schwierige rechtsgeschichtliche Entwicklungen verständlich darzustellen sowie menschliche Geschichten um eigene kluge Kommentare zu ergänzen, darf gespannt auf die neue Sammlung seiner Geschichten sein. Darin enthalten zum Beispiel der Streit zweier Hofdamen, einer kuriosen Begebenheit aus dem 18. Jahrhundert, der tatsächlich zu einem Krieg, dem „Wasunger Krieg“ geführt hatte.

Stolleis schreibt kontinuierlich, wie er sich ausdrückt: „Damit kann man einfach nicht aufhören! Ab 1991 war er Direktor des Max-Planck-Instituts für europäische Rechtsgeschichte in Frankfurt, nach seiner Emeritierung 2006 leitete er das Institut weitere vier Jahre kommissarisch. „Ich habe an der Lehre genauso viel Spaß wie an den Büchern“, erzählt er. „Beides hat mir eine gute Balance gegeben. Ich bin gern mit jungen Leuten zusammen und habe viele gefördert, einige von ihnen sind heute längst selbst Professoren.“ Nach wie vor kümmert er sich um seine Doktoranden, leitet Sommerkurse und sein Seminar „Wie schreibe ich eine Doktorarbeit.“

Habilitiert hatte er sich 1973 mit „Gemeinwohlformeln im nationalsozialistischen Recht“. Ein Thema, das ihm damals nicht nur Freunde machte, zwar war es Thema seiner Generation, doch damals wurde darüber noch geschwiegen. 1975 wurde Stolleis an der Johann Goethe-Universität Professor für öffentliches Recht. Ebenso ausführlich beschäftigt hat er sich – und damit ein weiteres Buch veröffentlicht – mit der „Geschichte des Sozialrechts“. „800 Milliarden Euro werden jährlich für unseren Sozialstaat ausgegeben, es ist der höchste Posten im Bundeshaushalt“, weiß Stolleis. Und er erinnert daran, dass Deutschland nicht nur über einen stabilen Sozialstaat verfügt, sondern nach wie vor zu den reichsten Ländern der Welt gehört. Das Rechtssystem in den verschiedenen Epochen zu beleuchten, ist für ihn ein spannendes Abenteuer, und zwar in jeder Epoche gleichermaßen: „Ich war lange Zeit vom 17. Jahrhundert begeistert, natürlich auch vom 20. Jahrhundert, da es mein eigenes ist, aber ich habe keinen Favoriten, der Dreißigjährige Krieg war ebenso spannend“, sagt der Rechtsgelehrte. Dass er als Historiker mehr über die Zukunft voraussagen kann als andere, daran glaubt er nicht. „Vielleicht sind wir offener für die Differenzierung, aber keineswegs Priester, die wissen, wie es weitergeht.“ Es sei falsch, die Zukunft über die gemachten Erfahrungen beurteilen zu wollen, denn keine Situation gleiche bis ins Detail der neuen. 1978 ist er wegen seiner zwei Kinder aus Frankfurt ins grüne Kronberg gezogen, weiß Prof. Stolleis um die Vorteile einer idyllischen Kleinstadt, mehr noch weiß er aber um die Wohltaten des deutschen Rechtsstaates: Die Normen-Flut sei der Preis, den die Deutschen für die Wohltaten ihres Rechtsstaates mitzutragen hätten. „Missen möchte ich den Rechtsstaat jedenfalls nicht.“ Denn das bedeute wortwörtlich: „einen kurzen Prozess zu machen. Wie das aussieht, kann man in der Welt an den 20 verschiedenen Punkten, an denen es brennt, begutachten. Da wähle ich doch lieber den langen Prozess“, sagt Stolleis. Apropos, eine Verschlankung des Rechtswesens sei immer wieder gefordert worden, gleichzeitig entstehe jedoch in Brüssel täglich ein neues Gesetz. „Ich denke, das ist ein Stück weit der Spiegel unserer Gesellschaft. Wir Deutschen wollen eben alles geregelt haben, wir wollen die Helmpflicht beim Motorrad fahren und das gesunde Essen.“

Den vielen Flüchtlingen, die inzwischen unsere Gäste sind, mit Respekt zu begegnen, steht für den Rechtsgeschichtler als politisch denkender Mensch außer Frage. „Allerdings tun wir uns als wohlhabende Gesellschaft noch schwer mit spontanen Aufnahmeprogrammen. Aber mit Stacheldraht können wir das auch nicht regeln.“ Für den Historiker sind Flüchtlingsströme bis hin zu Völkerwanderungen ein ganz normales Bild. Wer in seiner Heimat kein Recht auf ein menschenwürdiges Leben hat, keine Arbeit bekommt und hungern muss, der begebe sich ähnlich wie im Märchen auf Wanderschaft: „Ich ziehe aus, um mein Glück zu suchen, heißt es da.“ Stolleis erinnert in diesem Zusammenhang an die riesigen Auswanderungsströme nach Amerika, gerade auch aus Hessen und der Pfalz im 19. Jahrhundert. „Armutswanderungen sind per se nichts Schlechtes“, betont er und erinnert daran, dass „wir eine alternde Gesellschaft sind, die Veränderung braucht“. Viele Reisen in die Welt, vier Ehrendoktorate, drei Preise, zwei Orden haben ihm seine Forschung innerhalb der Rechtsgeschichte über die Jahre beschert. Wichtig für ihn ist der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis (1991), den er für ein Forschungpsrogramm erhielt, und den Balzan-Preis für Rechtsgeschichte der Neuzeit 2000, den es für ihn persönlich gab. „Eine riesige Ehre“ für ihn war die Ordensverleihung im Mai dieses Jahres, der „Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste“. Denn dieser Orden an anerkannte Wissenschaftler, Historiker oder Philosophen existiert bereits seit dem Jahre 1740. Damals zunächst von Friedrich dem Großen eingeführt, wurde er allerdings nur für militärische Dienste verliehen.

Michael Stolleis‘ Frau Karen hat übrigens eine ähnliche Leidenschaft fürs Schreiben und für die Geschichte, weshalb sich im Wohnzimmer die Regale unter der Last der Literatur, aber mehr noch der großformatigen Bildbände biegen, denn sie ist Expertin für Textilgeschichte und schreibt Bücher über Frankfurter Kirchen.

Dass ein E-Book die Funktion seiner Bücher erfüllen kann, ist für ihn persönlich nicht vorstellbar. „Ich will meine Bücher in den Händen halten.“

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