Kronberg (war) – Ihm zu Ehren trägt in Kronberg die Dettweiler-Straße seinen Namen: Peter Dettweiler zählte Ende des 19. Jahrhunderts zu den namhaftesten Lungenärzten in Europa. Vor 150 Jahren, am 26. April 1876, übernahm er kurzfristig die Lungenheilanstalt in Falkenstein, die sich unter seiner Leitung rasch zu einer renommierten Institution entwickelte, um aus aller Herren Länder Patienten anzuziehen. Seinen Lebensabend verbrachte Dettweiler ab 1895 in Kronberg. Im Jahr 1837 in Wintersheim bei Worms geboren, praktizierte er nach seinem Studium der Medizin zunächst als Landarzt im Wormser Raum. An Lungen-Tuberkulose selbst erkrankt, begab er sich 1868 in das schlesische Göbersdorf im heute polnischen Riesengebirge. Dort unterhielt der Arzt Dr. Hermann Brehmer seit 1855 eines der weltweit ersten Lungensanatorien. Wieder genesen nahm Dettweiler Brehmers Angebot an, sich weiterhin als Arzt in Göbersdorf zu betätigen. Nach einigen Jahren zog es Dettweiler jedoch von Göbersdorf fort, nicht zuletzt auf Grund von Differenzen mit Brehmer hinsichtlich der optimalen Behandlung der Tuberkulose. Während Brehmer seinen Patienten sehr viel Bewegung verordnete, setzte Dettweiler auf Ruhe in Form von Liegekuren als zentrale Therapiemaßnahme.
Dettweiler wollte gerade nach Sankt Blasien im Südschwarzwald aufbrechen, um dort ein eigenes Sanatorium zu eröffnen, als er im Frühjahr 1876 unerwartet gebeten wurde, für den plötzlich verstorbenen Dr. Jakob Dürsen einzuspringen, der die erst ein Jahr zuvor in Falkenstein eröffnete Lungenheilanstalt als ärztlicher Leiter geleitet hatte. Dettweiler änderte daraufhin kurz entschlossen seine Berufspläne und folgte dem Ruf in den Taunus, um in Falkenstein die Leitung der Klinik mit ihren 115 Betten zu übernehmen. Tuberkulose war damals eine weit verbreitete Volkskrankheit. Um 1880 war jeder zweite Todesfall im Deutschen Reich bei Menschen im Alter zwischen 15 und 40 Jahren auf diese tückische Lungeninfektion zurückzuführen, die damals treffend „Weiße Pest“ hieß. Ausgelöst wird diese Erkrankung durch Tuberkulose-Mykobakterien. Heute lässt sich die Tuberkulose mittels Einsatz mehrerer Antibiotika therapieren. Da im 19. Jahrhundert diese effizienten Therapeutika jedoch noch nicht verfügbar waren, stand zu dieser Zeit die sogenannte Luftkur im Vordergrund. Dazu wurde den Patienten der wochenlange Aufenthalt an frischer Luft in speziellen Lungenheilstätten verordnet.
Vater der Liegekur
Zügig führte der Tuberkulose-Spezialist in Falkenstein die nach ihm benannte „Dettweilersche Freiluft-Liegekur“ ein, die vielen anderen Kliniken zum Vorbild wurde. Das bedeutete für den Patienten: Sich bis zu 10 Stunden am Tag in windgeschützten offenen Freilufthallen aufhalten – sommers wie winters. Dazu entwickelte Dettweiler einen speziellen, sehr bequemen Liegestuhl für den stundenlangen Aufenthalt im Freien, der heute noch unter dem Namen „Davoser Liegestuhl“ bekannt ist, da er von Falkenstein rasch den Weg in den Schweizer Kurort in Graubünden fand. Diesen Stuhl machte Thomas Mann später durch seinen Roman „Zauberberg“ weltbekannt. Ergänzt wurde die Liegekur durch reichhaltiges Essen mehrmals am Tag.
Der Speiseplan in Falkenstein sah im Jahr 1903 wie folgt aus: Erstes Frühstück um 7.30 Uhr mit Kaffee, Tee, Schokolade oder Kakao, Milch, Brot, Backwerk, Butter und Honig. Um 10 Uhr das zweite Frühstück mit Milch oder Kraftsuppe und Butterbrot. Um 13 Uhr stand das Mittagessen mit fünf bis sechs Gängen inklusive Kaffee auf dem Menu-Plan. Gegen 16 Uhr gab es Milch. Das Abendessen um 19 Uhr sah Suppe, warme und kalte Platte mit Salat sowie Kompott vor. Abschließend um 21 Uhr nochmals Milch.
In der Frühzeit gehörten dazu auch größere Mengen an Alkoholika, wie Wein und Kognak, da diesen Getränken eine stärkende Wirkung zugeordnet wurde.
Der „blaue Heinrich“ war eine weitere Erfindung Dettweilers. Diese kleine Glasflasche aus blauem Glas diente dem Einsammeln von abgehustetem, infektiösem Schleim, der durch einen Schraubverschluss am Flaschenboden abgelassen werden konnte. Dettweiler legte größten Wert auf die strenge Einhaltung seines Therapieplanes; denn er war der festen Überzeugung, dass für den Heilungsprozess ein disziplinierter Lebenswandel unverzichtbar war. So war die Anzahl der Mahlzeiten inklusive deren Zusammensetzung genau zu beachten. Zudem waren die Patienten gehalten, die Essens- und Liegezeiten minutiös einzuhalten. Ein Klinikbesuch in Falkenstein glich daher eher einem freiwilligen Aufenthalt in einer „Gesundheitskaserne“ als einem angenehmen Kuraufenthalt mit viel Zerstreuung. Die ansonsten sehr verwöhnten Patienten akzeptierten dieses Gesundheitsdiktat wohl durchweg klaglos.
Soziale Komponente
Die Falkensteiner Klinik war, wie viele ähnliche Einrichtungen auch, primär für wohlhabende Patienten konzipiert, die sich die bis zu mehreren Monaten andauernde Therapie leisten konnten. Doch war damals schon bekannt, dass die Tuberkulose zwar in allen Bevölkerungsschichten vorkam, aber als „soziale Krankheit“ besonders oft bei Menschen in prekären Lebensverhältnissen auftrat. Je schlechter die Lebenslage hinsichtlich Ernährung, Wohn- und Arbeitssituation war, desto größere Chancen hatte die Tuberkulose sich auszubreiten. Diese Erkenntnis bewog den sehr sozial eingestellten Dettweiler dazu, im Jahr 1892 zusammen mit dem „Frankfurter Verein für Rekonvaleszenten-Anstalten“ eine „Volksheilstätte für unbemittelte Lungenkranke“ mit 26 Betten auf halben Weg zwischen Falkenstein und Königstein zu gründen. Diese Einrichtung widerstrebte wohl der wohlhabenden Baronin Hannah Mathilde von Rothschild, die in unmittelbarer Nachbarschaft ihr Anwesen hatte (heute Hotel und Restaurant „Villa Rothschild“). Sie spendete daher dem Verein 200.000 Mark, damit dieser eine neue, weit größere Klinik im nahe gelegenen Ruppertshain errichten konnte. Diese, 1895 eröffnet, hieß schon bald im Volksmund nur noch „Hustenburg“.
Mit Dettweilers Weggang im Jahr 1895 setzte der allmähliche Niedergang der Klinik ein. 1907 wurde sie komplett niedergerissen. Die Holzdecke des ehemaligen Speisesaals übernahmen damals die Kronberger, um sie in die Stadthalle einzubauen. Hier ist sie noch heute die Zierde des Festsaals im Erdgeschoß. An Stelle der Klinik entstand ein Genesungsheim für Offiziere, das 1909 unter Beisein Kaiser Wilhelms II eröffnet wurde.
Dettweiler lebte nach seinem sehr erfolgreichen, aber auch recht anstrengenden Klinikleben im benachbarten Kronberg in einer repräsentativen Villa in der Hainstraße. Sein heute noch existierendes Haus in der Hainstraße firmiert unter dem Namen „Drachenhaus“, weil zwei dieser Fabelwesen aus Holz das Eingangstor seit rund 130 Jahren zieren. Die beiden Fabeltiere soll der künstlerisch begabte Arzt selbst geschnitzt haben. In Kronberg engagierte er sich weiterhin sozial. So gründete er mit Kaiserin Friedrich 1896 die dortige Volksbibliothek. Am 12. Januar 1904 verstarb er hochgeachtet in Kronberg.
Diese Hinweistafel hängt an Dettweilers Wohnhaus in der Hainstraße. Fotos: Ried
