Kronberg (nl) – Ein Programm, das sich ohne Übertreibung als Kraftakt bezeichnen lässt, stand am Samstagabend im Großen Saal des Casals Forums auf dem Pult: alle drei Klavierquartette von Johannes Brahms und das an einem Abend, ohne Abstriche, ohne Erleichterungen. Dass dieses Unterfangen nicht routinierten Ensembles, sondern jungen Solistinnen und Solisten anvertraut wurde, die am Beginn einer internationalen Karriere stehen, ist Teil des Konzepts und Teil des Selbstverständnisses der Kronberg Academy, die seit Jahren als eine der wichtigsten Talentschmieden der klassischen Musik gilt.
Das Premierenkonzert, das im Mai in der Carnegie Hall in New York seine internationale Fortsetzung finden wird, machte deutlich, warum Kronberg längst mehr ist als ein Ausbildungsort: Hier ist musikalische Welt zu Hause, konzentriert, ambitioniert, auf höchstem Niveau.
Johannes Brahms hat mit seinen drei Klavierquartetten einen Werkkomplex geschaffen, der exemplarisch für seine künstlerische Entwicklung steht – vom jugendlich-dramatischen Zugriff bis zur abgeklärten Meisterschaft. Das g-Moll-Quartett op. 25, mit dem der Abend begann, trägt noch deutlich den Stempel des jungen Brahms: leidenschaftlich, rhythmisch zugespitzt, mit dem berühmten „Rondo alla Zingarese“ als Finale, das Virtuosität und Ensemblegeist gleichermaßen fordert. Inmo Yang (Violine), Samuel Rosenthal (Viola), Bryan Cheng (Violoncello) und Kirill Gerstein am Klavier formten daraus keinen effektvollen Auftakt, sondern eine klanglich dichte, ernsthafte Lesart, in der das Zusammenspiel stets über dem solistischen Glanz stand. Nach der Pause folgte das Klavierquartett Nr. 2 in A-Dur op. 26, ein Monument. Mit seiner Ausdehnung von nahezu einer Stunde und seiner symphonischen Anlage verlangt es nicht nur technische Souveränität, sondern auch konditionelle und mentale Ausdauer. Cosima Soulez Larivière (Violine), Nicholas Swensen (Viola), LiLa (Violoncello) und erneut Gerstein bewältigten diese Herausforderung mit bemerkenswerter Konzentration. Besonders im weit gespannten Poco adagio zeigte sich, wie sehr hier aufeinander gehört, geatmet und reagiert wurde.
Das abschließende c-Moll-Quartett op. 60, oft als das persönlichste der drei bezeichnet, führte noch einmal in eine andere emotionale Sphäre. Mit Dmytro Udovychenko (Violine), Sào Soulez Larivière (Viola) und Oliver Herbert (Violoncello) entstand eine Lesart von großer innerer Spannung, die das Werk nicht dramatisierte, sondern seine existenzielle Unruhe ernst nahm.
Kirill Gerstein, derzeit Professor für Klavier in Berlin und Dozent an der Kronberg Academy, war an diesem Abend weit mehr als ein Mitspieler. Ihm gelang es, die jungen Musikerinnen und Musiker zu einem hochsensiblen Ensemble zusammenzuführen und ihnen zugleich alles abzuverlangen, klanglich, rhythmisch, strukturell. Dass dies nicht in pädagogischer Strenge, sondern in hörbarer musikalischer Freiheit mündete, machte den Abend besonders. So wurde dieses Premierenkonzert mehr als eine Leistungsschau. Es war ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass Exzellenz, Nachwuchsförderung und künstlerischer Anspruch sich nicht ausschließen müssen. Brahms’ Klavierquartette, gebündelt an einem Abend, erwiesen sich als Prüfstein und als Versprechen.
Wechselnde Besetzungen, gleicher Ernst: Junge Streicherinnen und Streicher und Pianist Kirill Gerstein beim Brahms-Abend im Casals Forum KronbergFotos: nl
