Kronberg (pf) – Im Jubiläumsjahr, in dem die Kronberg Academy dreißig Jahre alt wird, hat sie ein neues Format von „Chamber Music Connects the World“ aus der Taufe gehoben. Erstmals treffen sich in diesen Tagen 40 bereits international erfolgreiche Musikerinnen und Musiker aus 21 Nationen zum Kammermusikworkshop, die eines gemeinsam haben: Sie alle haben an der Kronberg Academy studiert.
„Der Generationenvertrag lebt“, betonte denn auch Raimund Trenkler, Gründer und Intendant der Kronberg Academy, als er am Sonntag zum Eröffnungskonzert das Publikum im ausverkauften Großen Saal des Casals Forums begrüßte. Einige der Ehemaligen kennen sich bereits aus Studienzeiten, andere lernen sich in diesen Tagen bei den Proben erst kennen, so Trenkler. Eines aber geschehe jedes Mal bei „Chamber Music Connects the World“, das seit 23 Jahren von der Crespo Foundation gefördert wird: Die Künstler inspirieren sich beim Musizieren gegenseitig.
Erstmals habe die Kronberg Academy zudem in diesem Jahr Menschen zu nicht öffentlichen Konzerten eingeladen, für die derartige Musikerlebnisse nicht selbstverständlich sind, berichtete Trenkler. Denn zu den Dingen, die im Studium an der Kronberg Academy vermittelt werden und einen hohen Stellenwert haben, gehören die Werte, die der große Cellist, Humanist und unermüdliche Kämpfer für Menschenwürde, Brüderlichkeit und Frieden, Pablo Casals, vorlebte: Menschlichkeit und Verantwortung zu übernehmen für Mitmenschen, für die Erde und die Natur. Dem Publikum wünschte Trenkler, die Energie, Kraft und Lebenslust zu spüren und in sich aufzunehmen, die in diesen Tagen das Casals Forum erfüllen wird.
Mit Ludwig van Beethovens Streichtrio G-Dur op. 9 Nr. 1, das zu seinen bedeutendsten Frühwerken zählt und das der Komponist selbstbewusst in seiner Widmung an den irischen Grafen von Browne als „das beste meiner Werke“ bezeichnete, begann das Eröffnungskonzert. Mit Stella Chen, Violine, Matthew Lipman, Viola, und Brannon Cho, Violoncello, nahmen drei amerikanische Musiker auf der Bühne Platz, die sich erst kürzlich zu einem Streichtrio zusammengefunden haben, wie Matthew Lipmann nach der Pause im Gespräch mit Friedemann Eichhorn, Direktor der Studiengänge und künstlerischer Leiter der Kronberg Academy, bekanntgab. Nur ein Name fehle ihnen noch, schmunzelte er. In Beethovens Streichtrio mit seinen vier Sätzen, einer extrem fordernden Musik, bei der die drei Spieler im wahrsten Sinne des Wortes alle Hände voll zu tun haben, wird der unbedingte Wille des Komponisten deutlich, an die Grenzen des Spielbaren zu gehen und das Unterhaltungsmusik-Image zu verlassen, das bis dahin für dieses zweitkleinste Genre der Streicherkammermusik galt. Es erfüllt bereits, was das noch namenlose Streichtrio hervorragend zum Ausdruck brachte: Beethovens symphonischen Anspruch.
Als zweites Werk hatten die drei früheren Kronberg Academy-Studierenden das einzige erhaltene Streichtrio des jungen mährischen Komponisten Gideon Klein ausgewählt. 1919 geboren, wurde er 1941 von den Nationalsozialisten ins jüdische Ghetto Theresienstadt gebracht, wo er fieberhaft weiter komponierte. Er vollendete das Werk, das in allen drei Sätzen mährische Volkslieder verarbeitet, im Oktober 1944 – neun Tage, bevor er ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurde, wo er 1945 starb.
Die Partitur hatte er einer Freundin anvertraut, so dass sie nach dem Krieg in die Hände seiner Familie gelangen konnte. „Kraftvoll und selbstbewusst greift es auf mährische Volkslieder zurück, die es in einfacher und geradliniger Weise verarbeitet“, merkt der Kammermusikführer Villa Musica Rheinland-Pfalz zu dem Streichtrio an und meint: „Klein scheint es in dem Bewusstsein geschrieben zu haben, dass die ethnischen Wurzeln seiner Musik dem Holocaust und der arischen Hybris zum Trotz Bestand haben würden.“ „Wir wollen dem Streichtrio eine reale Chance geben, auf der Bühne zu strahlen“, begründete Matthew Lipman in seinem Gespräch mit Professor Friedemann Eichhorn die Wahl gerade dieses Werkes.
Während seines Studiums in Kronberg hatte er nur die Pläne für das Casals Forum gesehen. Es jetzt bei seiner Ankunft am Bahnhof Kronberg als Gebäude zu sehen, habe ihn tief beeindruckt, bekannte er: „An amazing building!“ Noch während seines Studiums sei Matthew als Professor nach New York berufen worden, berichtete der Direktor der Studiengänge, ein ungewöhnlicher Vorgang. Ohne die Kronberg Academy, betonte dieser, wäre er nicht in der Position, die er heute innehat. „Kronberg topped me“, sagte er: „I miss Kronberg, I miss Germany.“ Die verbindende Sprache der Musik, meinte er, sei in der heutigen schnelllebigen Welt wichtiger denn je.
Zu Ende ging das Eröffnungskonzert mit Antonín Dvoráks Klavierquartett Nr. 2 Es-Dur op. 87, das selten gespielt wird, obwohl es zu Dvoráks bedeutendsten Kammermusikwerken zählt. Den Part des Pianisten übernahm dabei Jean-Sélim Abdelmoula. Mit seinen ungewöhnlichen ätherischen Klangbildern, in denen der Klavier- mit dem Streicherklang vollendet verschmilzt, mit seinen für Dvorák typischen chromatischen Modulationen und mit einer der schönsten Cellomelodien der Romantik zu Beginn des zweiten Satzes ist es ein mitreißendes Werk.
Mit lauten Bravo-Rufen und frenetischem Applaus bekundete das Publikum seine Begeisterung und rief die Musiker immer wieder auf die Bühne, bis sie als Zugabe den letzten Satz noch einmal spielten. Eine Extra-Zugabe hätten sie nicht einstudiert, da sie erst Sonntagmittag das Dvorák-Klavierquartett zum ersten Mal gemeinsam gespielt und geprobt hätten, erklärte Jean-Sélim Abdelmoula.
