Kronberg (kb) – „Wie kann eine nachhaltige Transformation der gebauten Umwelt in Zeiten knapper Ressourcen gestaltet werden?“ Das war die Frage einer gut besuchten Veranstaltung des Vereins Aktives Kronberg mit dem Titel „(Um-)Bauen in Zeiten knapper Ressourcen – Gestalten für Generationen“ am Mittwoch, 15. Oktober, in den Kronberger Lichtspielen.
Erneut lud der Verein Aktives Kronberg zu einer hochspannenden Diskussion mit drei Experten zu einer anderen Facette der Kreislaufwirtschaft ein. Florian Dreher, Dipl.-Ing. und Referent für Baukultur, Wirtschaft und Hochschulwesen der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen und Mitherausgeber der Architekturzeitschrift manage und architektur, wollte mit seinem eher atmosphärischen Beitrag auf die Dringlichkeit des Themas verweisen. Ist Nachhaltigkeit eine Utopie? Zu viele Ressourcen würden an vielen Orten verschwendet, anstatt an die nächsten Generationen zu denken. Wollte man die Klimaneutralität im Jahr 2045, wie vom deutschen Bundestag beschlossen, erreichen, müsste man bereits die ausschlaggebenden Effekte angegangen sein. Er sprach den Mangel an bezahlbarem Wohnraum an und fand die Eventisierung von Abrissen von Wohnhäusern befremdlich (etwa die Sprengung des „Weißen Riesen“ in Duisburg 2019).
Bestand als Potenzial
Seiner Meinung nach müsste die Zukunft so gestaltet werden, dass alte Bausubstanz erhalten wird, indem man sie an die Qualität von Neuem anpasst, beispielsweise durch die Veränderung von Grundrissen, die Wiederverwendung von Materialien. Bestandsschutz war auch das Ziel der Hausbesetzungen in Berlin und Frankfurt in den 70er Jahren. Man sollte Bestand als Potenzial begreifen, um eine zukunftsfähige Nutzung zu ermöglichen – dies könnte durch eine Börse von Bauteilen aus der Region oder anderen Gebäuden unterstützt werden. Er betonte, dass Kreislaufwirtschaft viel Mut und Bereitschaft zu Pionierarbeit sowie ein ressortübergreifendes Denken erfordere.
Professor Gero Quasten, Dipl.-Ing. und im Bund deutscher Architekten, Büropartner von prosa Architektur + Stadtplanung Quasten Rank PartGmbH, betonte ebenso den verschwenderischen Umgang mit Ressourcen. Interessant waren die Fakten, die er hierbei aufführte: So liege der Anteil des Bauwesens am Materialverbrauch bei 50%, beim Abfallaufkommen in Deutschland ebenso bei 50% und der Anteil des Gebäudesektors am deutschlandweiten CO2-Aufkommen bei 40%. Energetische Vorgaben gebe es aber nur beim Bauen, nicht hingegen bei all den vorgelagerten Aktivitäten. Er plädierte ebenso dafür, Gebäude und Materialien wieder zu benutzen und Ressourcen zu schonen.
Er führte einige Beispiele auf, bei denen diese Möglichkeit umgesetzt wurde und der vorhandene Bestand aufgewertet wurde. So etwa bei der Erich-Kästner-Schule in Darmstadt, bei der im ersten Schritt ein eingeschossiger Flachbau mit hässlichen Waschbetonwänden durch ein weiteres Geschoss mit Holzkrone erweitert und das Dach thermisch saniert wurde. Im zweiten Schritt wurde dann weiter thermisch saniert und das Erdgeschoss ebenfalls mit einer Holzfassade versehen. Zukunftsfähig Bauen bedeutet seiner Meinung nach, nachwachsende und verfügbare Materialien zu nutzen, etwa Holz und Lehm, und von Anfang an klimaneutral zu bauen.
Der dritte Experte, Guido Höfert, Dipl.-Ing und ebenso im Bund deutscher Architekten, ist Vorstand und Büroinhaber von HHS Planer + Architekten AG aus Kassel. Er ist Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB), die 2007 gegründet wurde.
Wie Florian Dreher verwies er auf den Club of Rome, der Anfang der 70er Jahre den Nachhaltigkeitsbericht geprägt und auf die dramatische Verschwendung von Ressourcen hingewiesen hat. Der Weltüberlastungstag, der Tag, an dem die regenerativen Ressourcen aufgebraucht sind, verschiebe sich immer weiter nach vorne. In diesem Jahr war es bereits Anfang Mai. Er betonte, dass beim Bauen im Bestand die Materialien identifiziert werden müssten. In einem seiner Beispiele ging es ebenso darum, durch den Erhalt eines Einfamilienhauses CO2 einzusparen und in diesem Gebäude eine Nachverdichtung vorzunehmen, indem die Flächenpotenziale intelligent genutzt werden. So entstand Wohnraum für mehrere Parteien, ohne weitere Flächen zu versiegeln.
Verantwortungsvoller Umgang
In allen Beiträgen ging es um den verantwortungsvollen Umgang mit allen Arten von Ressourcen. Bauen verbindet ökologische und soziale Themen und muss jedoch auch einer ökonomischen Betrachtung standhalten. In den Diskussionsbeiträgen der Teilnehmenden wurden vielfältige Aspekte angesprochen. Der große Bestand an Einfamilienhäusern in Kronberg in Zeiten des demografischen Wandels wurde als ein mögliches Potenzial gesehen. Die Bestrebungen, die hessische Bauordnung zu ändern, waren einige konkretere Aspekte.
Aber Florian Dreher erwähnte einen kritischen Punkt, der zum Nachdenken anregen sollte: Es sei nicht gelungen, Best Practice Beispiele in die Fläche umzusetzen. So müsse man überlegen, welche Qualitätsstandards man haben möchte, zudem sei es als Privatperson schwierig, Materialien in den Kreislauf zu geben. Auf späteres Nachfragen nach den Gründen erklärte er, dass eine sektorübergreifende Sicht und Förderung fehle, man beim nachhaltigen Bauen extrem beharrlich sein und das Team an einem Strang ziehen müsse.
Die Vorsitzende des Vereins, Andrea Poerschke, hatte in ihrem Eingangsstatement nicht zu viel versprochen: Es war erneut eine sehr informative Veranstaltung und ein anregender Abend, der Denkanstöße gab.
