Kronberg (pf) – Die erst 23 Jahre alte, aus Australien gebürtige Cellistin Charlotte Miles, die am Freitagabend mit dem diesjährigen Förderpreis des Altkönig-Stiftes ausgezeichnet wurde, hat in ihrem jungen Leben schon über 100 nationale und internationale Preise gewonnen. Wer ihr Konzert im Festsaal miterlebt hat, weiß, warum. Es ist nicht nur ihre „musikalische Intelligenz, souveräne Technik und honigsüße Klangfarbe“, die ihr die Zeitung „Sydney Morning Herald“ in einem Konzertbericht attestierte. Es ist vielmehr die Sensibilität und Einfühlungsgabe, die Art, wie sie die Musik beim Spielen mit ihrer Interpretation durchdringt, zum Strahlen bringt, sie lebendig werden lässt und ihr Publikum dabei zutiefst berührt.
Ihr zur Seite als Pianistin stand dabei die aus dem japanischen Sapporo gebürtige Mana Oguchi, die seit ihrem dritten Lebensjahr Klavier spielt, an der Tokyo University of the Arts und an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover studierte, dort auch ihren Master in Kammermusik ablegte und anschließend als Lehrkraft tätig war. Inzwischen unterrichtet sie an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin, ist regelmäßig als Pianistin beim renommierten ARD-Musikwettbewerb in München dabei und seit 2023 auch Korrepetitorin an der Kronberg Academy. Sie erwies sich mit ihrem meisterlichen Spiel als kongeniale Partnerin von Charlotte Miles.
Auf dem Programm des Konzertabends standen „Drei Stücke für Violoncello und Klavier“ der französischen Komponistin, Pianistin, Dirigentin, Musiktheoretikerin und Musikpädagogin Nadia Boulanger, Lehrerin von Leonard Bernstein, Daniel Barenboim, Astor Piazzolla, Pop-Größe Quincy Jones und vielen anderen, danach drei Romanzen op. 22 mit den Satzbezeichnungen Andante molto, Allegretto und Leidenschaftlich schnell von Clara Schumann. Komponiert hatte sie diese für Violine und Klavier und dem Geiger Joseph Joachim gewidmet, mit dem sie mit ihren Romanzen auch auf Tournee ging. Georg V., der letzte König von Hannover, war von ihnen begeistert und bezeichnete sie als „himmlisches Vergnügen“. Der Musikkritiker der Londoner Zeitung „The Times“ fand sie „ergreifend“ und merkte ausdrücklich an: „They make one regret that Clara‘s career as a composer became subordinate to her husband‘s.“ Übersetzt: Sie ließen einen bedauern, dass Clara ihre Karriere der ihres Ehemannes untergeordnet habe. Auch in der Fassung für Violoncello und Klavier und in der Interpretation von Charlotte Miles und Mana Oguchi waren sie ein „himmlisches Vergnügen“ und „ergreifend“.
Felix Mendelssohn Bartholdys „Variations concertantes“ op. 17, die sie danach präsentierten, hatte der Komponist als Zwanzigjähriger geschrieben und seinem drei Jahre jüngeren Bruder Paul gewidmet. Der hatte sich im Gegensatz zu Felix für das Fach seines Vaters entschieden und war Bankier geworden. Über seinen Fleiß und seine Exaktheit in diesem Metier hatte sich der ältere Bruder in Briefen oft liebevoll-spöttisch geäußert. Paul muss jedoch nicht nur ein fleißiger, sondern auch ein sehr begabter Cellist gewesen sein, denn die Variationen gelten als typisches Virtuosenwerk im Salonstil. Den virtuosen Klavierpart hatte Felix für sich selbst gedacht. Charlotte Miles und Mana Oguchi erwiesen sich ebenfalls als virtuose Interpreten dieses Werks.
Den Abschluss des Preisträgerkonzerts bildete die Sonate Nr. 3 A-Dur für Violoncello und Klavier op. 69 von Ludwig van Beethoven. Sie gilt als seine monumentalste Cellosonate und entstand in den Jahren 1807 und 1908 während seiner Arbeit an der Fünften und Sechsten Sinfonie. In diesem Werk konnten sich die beiden Musikerinnen noch einmal mit all ihren wunder- und wandelbaren Fähigkeiten präsentieren. Ihr ebenso anrührender wie spannungsgeladener Dialog im Scherzo, in dem das Cello dem Klavier gleichsam zarte Fragen stellt, um im nächsten Moment wieder kraftvoll zum Hauptmotiv zurückzukehren, wird wegen der mitreißenden Interpretation der beiden Künstlerinnen noch lange in Erinnerung bleiben.
Kein Wunder, dass die Berliner Philharmoniker, als sie auf der Suche nach einer Aushilfe waren, Charlotte Miles auswählten, wie Gabriela Denicke vom Vorstand der Kronberg Academy zu Beginn des Konzertes erzählte: „Sie wollten die beste haben, und die haben sie auch bekommen.“
