Unter Freunden: Dmytro Udovychenko, Noga Shaham, Michael Shaham und Alexander Warenberg (v. l. n. r.) sind erleichtert und beschwingt nach dem Konzert.
Kronberg (nl) – Im Mittwochskonzert der Kronberg Academy spielen vier junge Streicher Serenaden aus einem Jahrhundert und eine, die es bis zu diesem Abend nicht gab.
Das Ständchen ist, dem Wesen nach, eine kleine Zumutung. Man stellt sich abends unter ein fremdes Fenster und spielt so lange, bis die umworbene Person entweder das Herz oder die Geduld verliert. Im Carl-Bechstein-Saal des Casals Forums war das an diesem ersten Mittwoch im Juni nicht nötig. Die Beschenkten saßen bereits im Saal, und die vier Musiker, die ihnen aufspielten, mussten einander nicht erst kennenlernen. „Among Friends” hieß der Abend, und das war wörtlich gemeint.
In den Mittwochskonzerten überlassen die Studierenden der Kronberg Academy fast alles sich selbst und doch nichts dem Zufall: Sie stellen ihre Programme eigenhändig zusammen und holen sich Mitstudierende oder befreundete Kolleginnen und Kollegen auf die Bühne. An diesem Abend waren das die Geschwister Noga Shaham, Bratsche, und Michael Shaham, Violine, beide Kinder des israelischen Geigers und ARD-Preisträgers Hagai Shaham, bei dem sie das Spielen lernten, der ukrainische Geiger Dmytro Udovychenko, der vor zwei Jahren den Concours Reine Elisabeth gewann und in Kronberg bei Christian Tetzlaff studiert, und der niederländische Cellist Alexander Warenberg. Vier junge Leute, ein kleiner Saal.
Am Anfang stand, klugerweise, das Unbekannte. Der ukrainische Geiger und Komponist Georgii Moroz, fünfundzwanzig, in Kyiv geboren und in Berlin bei Antje Weithaas ausgebildet, hatte eine „Serenade für Viola und Violine” geschrieben, die hier zum ersten Mal überhaupt erklang. Die kleinste denkbare Besetzung für die älteste aller Gelegenheitsmusiken. Zwei Stimmen, mehr braucht ein Ständchen nicht. Dass ein junger Mann, dessen Land im Krieg steht, ausgerechnet ein Ständchen komponiert, ist eine Setzung, über die sich nachdenken lässt. Was er daraus macht, ist kein Klagelied: ein Zwiegespräch zwischen Bratsche und Geige, das umeinander kreist, sich sucht, sich reibt und immer wieder zueinander findet.
Es folgte Zoltán Kodálys Serenade op. 12 von 1920, für zwei Violinen und Viola. Es ist ein Werk ohne Cello und deshalb von einer hellen, leicht herben Klarheit. Kodály schrieb es kurz nach dem Ersten Weltkrieg, als das alte Ungarn auseinanderfiel; in seine drei Sätze sind die Tonfälle der Volkslieder eingewandert, die er und Béla Bartók auf ihren Sammelreisen über die Dörfer aufgenommen hatten. Sein Herzstück ist der langsame Mittelsatz, in dem die Bratsche über dem Flirren der beiden Geigen zu sprechen beginnt, ein langer Satz. Noga Shaham nahm ihn als das, was er ist: eine Rede, der man zuhören muss.
Dann kam mit Ernst von Dohnányis Serenade C-Dur op. 10 von 1902 das geselligste Stück des Abends, ein Streichtrio in fünf Sätzen, das sich zu Beginn mit einem Marsch ankündigt und am Ende mit demselben Marsch wieder davonzieht. Ganz so, wie es sich für ein echtes Ständchen gehört, bei dem die Musikanten kommen und gehen. Dazwischen liegt eine Romanze von Brahms’scher Wärme und, als Schwerpunkt, ein Variationssatz. Warenberg, der auf einem Cello von 1832 spielt, gab dem Trio den Boden, auf dem die helleren Stimmen tanzen konnten.
Zum Schluss die Sonne: Hugo Wolfs „Italienische Serenade” G-Dur von 1887, das einzige unbeschwerte Stück des notorisch grüblerischen Liedkomponisten, ursprünglich für Streichquartett und so saßen am Ende alle vier zusammen. Sieben Minuten südliches Licht, mit einem Cello-Rezitativ in der Mitte, als räusperte sich ein allzu eifriger Verehrer, ehe er weitersingt. Ein Augenzwinkern.
Der Applaus ließ das Quartett nicht gehen. Die vier blieben und gönnten sich und dem Publikum noch einen Satz aus Mozarts Kleiner Nachtmusik, gespielt in einem Tempo, das für Atemzüge keinen Platz vorsah. Man hatte das Gefühl, vier Menschen dabei zuzuschauen, wie sie sich amüsieren, und das war ansteckend.
Danach ging man, wie es sich in dieser Reihe eingebürgert hat, ins Dagmar-Westberg-Foyer hinüber, wo die Künstler bei einem Glas unter die Zuhörer traten. Aus „Among Friends” wurden, für einen Abend, ein paar Freunde mehr.

