Innere Gärten: Schubert öffnet die Tür – Chamber Music Festival im Casals Forum

Julia Jones, Elli Choi, Xunyu Zhou und Gary Hoffman beim Schlussapplaus im Casals Forum Fotos: Glückert

Kronberg (nl) – Ein c-Moll-Akkord. Hart hingeworfen, fast wie ein Urteil. Dann dieses Drängen, dieses nervöse Vorwärtstreiben, das nicht weiß, ob es ankommen will. Der Quartettsatz D 703 ist nur ein Satz und wirkt doch wie der Auftakt zu etwas, das nie zu Ende gedacht wurde. Schubert schrieb ihn im Dezember 1820, brach nach dem Allegro assai ab. Kein Abschluss, keine Abrundung. Brahms war es, der das Autograf später hervorzog und 1867 die erste Aufführung veranlasste. Was blieb, ist ein Gedanke im Entstehen: offen, ungeduldig, seltsam gegenwärtig.

Das Casals Forum gibt dieser Musik den richtigen Rahmen. Kein Prunk. Keine dekorative Wärme. Nur Konzentration und die braucht auch Faurés einziges Streichquartett, dieses späte Werk von 1923/24, das so klingt, als habe der Komponist die Form längst hinter sich gelassen. Fauré hatte sich lange vor der Gattung gefürchtet. Beethoven warf seinen Schatten. Seine Antwort war keine Auseinandersetzung, sondern Knappheit: ein einziges Quartett, sein letztes Werk überhaupt. Die Linien sind kühl, die Sätze klar und dennoch nie so kühl, dass sie leer würden. Es liegt etwas darin wie ein letzter, ruhiger Blick. Ohne Sentimentalität. Ohne Bedauern. Steven Isserlis ist hier mehr als Interpret. Er ist Fürsprecher. Er hat von der „ecstatic radiance” dieser Noten gesprochen, von ihrer leuchtenden Kraft. Ein Satz, der mehr trägt als jede musikgeschichtliche Einordnung. Dass er seinen Sohn Gabriel nach dem Komponisten benannt hat, ist eine Privatheit, aber sie sagt etwas. Isserlis nimmt Fauré nicht als Salonkomponisten der leisen Nuancen. Er nimmt ihn als Radikalen der Verfeinerung; als einen, der die Form nicht zerschlägt, sondern freilegt.

Dann Brahms. Aber kein schwerer, grüblerischer Brahms, kein Granitblock, kein Monument. Das Klaviertrio Nummer 2 in C-Dur op. 87, entstanden zwischen 1880 und 1882, ist Brahms in Bewegung. Allegro, Andante con moto, ein rasendes Presto-Scherzo, Allegro giocoso und das Ganze klingt nicht zusammengesetzt, sondern wie ein einziger, ineinander verschlungener Gedanke. Balance statt Schwere. Spiel statt Strenge.

Richard Goode am Klavier denkt, während er spielt. Seine Artikulation ist klar, seine Phrasierung nie gestelzt. Bei Brahms ist das Entscheidende nicht Tempo, sondern Temperament: die Kunst, Bewegung zu regulieren, Form sichtbar zu machen, ohne sie zu überspielen. Goode kann das.

Was diesen Abend zusammenhält, ist eine innere Logik: vom Fragment zur späten Ruhe, vom romantischen Ernst zur verhaltenen Helligkeit. Schubert bricht ab. Fauré fasst sich zusammen. Brahms führt beide weiter, in eine Welt, in der Form keine Stütze ist, sondern Bewegung. Drei sehr verschiedene Weisen, Musik als Raum zu bauen.

Eine Stunde vor Konzertbeginn, um 18.15 Uhr, stehen Steven Isserlis und Friedemann Eichhorn im Großen Saal für die Einführung bereit. Kein Interview, kein Happening. Gedanken, keine Antworten auf Fragen, die niemand gestellt hat. Selten klingt das Sprechen über Musik so nah am Spielen selbst.

Um 21.15 Uhr hört die Musik auf, im Saal zu sein. Sie fängt an, im Kopf weiterzugehen. Man verlässt das Casals Forum nicht mit dem Gefühl, etwas Erzählbares gehört zu haben. Eher mit dem Gegenteil: mit etwas, das man lieber für sich behält. Manche Musik ist kein Gegenstand. Sie ist ein Raum und der Zuhörer bleibt darin, auch wenn er schon längst draußen ist.

Steven Isserlis mit Fauré, ganz bei der Musik

Richard Goode, Ria Honda und Jinseok Jeong nach Brahms im Großen Saal

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