Kronberg (nel) – Die Bücherstube von Dirk Sackis füllte sich zunehmend an dem Abend, an dem die Lesung von Nasrin Siege stattfand. Das Team der Bücherstube stellte noch zusätzliche Stühle auf, weil immer mehr Interessierte in den kleinen Laden kamen, um der deutsch-iranischen Autorin zuzuhören.
Barbara Walz-Sackis führte Nasrin Siege und das Publikum in einem interviewähnlichen Format durch den Abend. Alle Beteiligten freuten sich über den großen Zuspruch – zugleich wurde schnell deutlich, wie außergewöhnlich und facettenreich das Leben von Nasrin Siege ist.
Auf die Frage, wie es zu ihrem Buch „Vor mir die Reise“ kam, verwies Siege auch auf die aktuelle Lage im Iran. „Ich wurde hellhörig, auch auf mein eigenes Leben, das ich in so unterschiedlichen Welten verbracht habe“, erklärte sie. Der eigentliche Auslöser für das Buch sei jedoch die Ermordung der jungen Jina Mahsa Amini im September 2022 gewesen. Die „Sittenpolizei“ habe sie auf der Straße getötet – „wegen ein bisschen Haare“, sagte Siege. Das Schicksal der jungen Frau habe Erinnerungen an ihre eigene Kindheit im Iran wachgerufen und sie zum Schreiben motiviert. „Das Zuhause ist dort, wo das Bedürfnis nach Flucht endet“, beschrieb sie diesen inneren Zusammenhang.
Nasrin Siege, 1950 in Teheran geboren, verließ den Iran bereits als Kind mit ihrer Familie und kam in den 1950er-Jahren nach Deutschland. In Hamburg erlebte sie als schwarzes Mädchen in den 1960er-Jahren Ausgrenzung und Alltagsrassismus. Gerade weil dunkle Haut und dunkle Haare damals in der Nachkriegszeit selten waren, habe sie sich oft wie eine Attraktion gefühlt. Später studierte sie in Deutschland Pädagogik und Psychologie. Deutsch beschreibt sie selbst – zur Überraschung der Zuhörerinnen und Zuhörer – als eine der schönsten Sprachen, weil sie für sie nicht nur eine neue Heimat, sondern auch ein wichtiges Mittel des Ausdrucks wurde.
Seit den 1980er-Jahren wurde Afrika zu einem zentralen Teil ihres Lebens. Siege lernte Swahili und lebte über viele Jahre in verschiedenen Ländern des Kontinents, unter anderem in Sambia und Tansania. Dort bekam sie auch ihre Kinder.
Besonders prägend waren ihre sozialen Projekte mit Straßenkindern, von denen viele AIDS-Waisen waren. Sie arbeitete eng mit Kindern und Jugendlichen zusammen, erzählte ihnen Märchen, las vor und entwickelte gemeinsam mit ihnen Geschichten. Für sie ist Erzählen eine Form der Verbindung: Geschichten schafften Gemeinschaft und verbanden Menschen weltweit. In ihrer Arbeit spricht Siege immer wieder aus der Perspektive einer Mutter und Psychologin. Genau diese Verbindung aus Fürsorge, Erfahrung und analytischem Blick machen ihre Texte und ihr Engagement besonders glaubwürdig. Ihre Autobiografie ist damit nicht nur ein persönlicher Lebensbericht, sondern auch ein Aufruf, hinzuschauen, zuzuhören und Verantwortung zu übernehmen.
Abwechselnd beantwortete Siege die Fragen, die ihr gestellt wurden, las einige kleine Auszüge aus dem Buch vor und erzählte größtenteils von vielen Erinnerungen an prägende Momente, Gedanken, die sie hatte und erläuterte Zusammenhänge. Insgesamt wurde die Veranstaltung als sehr kurzweilig wahrgenommen, gleichzeitig lehrreich, bewegend und spannend.
Die Zuhörerinnen und Zuhörer hingen gebannt an Sieges Lippen und stellten im Nachhinein auch einige interessierte Nachfragen. Anschließend konnte bei einem Glas Wein noch weiter über ihr Werk gesprochen und sich über ihr Leben ausgetauscht werden.
