Kronberg (hmz) – Für die Stadtarchivarin Susanna Kauffels war es eine mühsame Recherchearbeit, die 150-jährige Geschichte der „Cronberger Eisenbahn“ aufzuarbeiten und neu zu bewerten. Als Quelle galt bislang die Festschrift zur 100-Jahresfeier, die sich als lückenhaft erweist. Sie fußt im Wesentlichen auf der Denkschrift der Eisenbahngesellschaft von 1914: „Die damaligen Aktionäre waren so klug, anlässlich der Verstaatlichung die Geschichte und Verdienste ihrer AG für die Nachwelt festzuhalten.“
Die kleine, gerade eröffnete Ausstellung in der Stadtbücherei anlässlich des Jubiläums gab Susanna Kauffels die Gelegenheit, Fakten und Daten in der alten Festschrift zu erläutern oder richtig zu stellen. „Zwar sind Bahn und Bahnhofsgelände in den letzten Jahren quasi in aller Munde. Aber was immer wieder irritierend ist, dass dabei nicht genau Gewusstes oder Geglaubtes kolportiert wird, das dann hartnäckig überdauert. Ein Beispiel dafür das angeblich im Jahr 1914 erbaute Bahnhofsgebäude.“ Der Fokus zum Jubiläum sollte eigentlich am Bahnhof selbst gezeigt werden. Bei einem Ortstermin habe sich dann aber herausgestellt, „dass das aufgrund der unterschiedlichen Eigentumsverhältnisse und unter Berücksichtigung von Sicherheitsaspekten nicht umsetzbar war.“ Es sei ein Kompromiss gefunden worden und es wurden Banner zur Anbringung an vorhandenen Bauzäunen hergestellt. Sie sind für eine längere Zeit zu sehen, informieren und „kaschieren gleichzeitig eine nicht so ansehnliche Ecke“, so Susanna Kauffels weiter.
Auch zu diesem Thema fand sie Neues heraus: „Ein reicher Privatmann, Ehrenbürger unserer Stadt unterstütze dieses Projekt“, heißt es in der alten Festschrift. Fakt sei, das Jacques Reiss nicht wegen seiner Verdienste um die Eisenbahn zum Ehrenbürger ernannt worden ist, das sei er schon zehn Jahre zuvor geworden. „Was aber hatte diese Eisenbahn für Auswirkungen auf das Stadtbild und auf die Infrastruktur?, war ihre nächste Frage. „Also hieß es, in den Beständen des Stadtarchivs nach Spuren zu suchen.“ Zunächst wurde eine Bahnverbindung in die Wiesen gebaut, später Privatgelände der Bahngesellschaft. Das erste Stationsgebäude wurde im Jahr 1874 an die Grenze zum heutigen Victoriapark gesetzt. Wie aus dem städtischen Verwaltungsbericht des Jahres 1898 zu ersehen gewesen sei, sei in diesem Jahr ein neues, heute noch stehende Bahnhofsgebäude erbaut worden. Es kam allerdings an eine Stelle, die die bisherige Wegführung Schönberg – Kronberg unterbrach. Schließlich wurde eine Fahrstraße zur „Straße nach Oberhöchstadt“ gebaut. Eine ganz neue Verbindung gab es dann später mit dem Bau der Bleichstraße um 1899 und der Schillerstraße um 1905. Das alte Stationsgebäude wurde noch als Dienstwohnung genutzt und im Jahr 1935 abgerissen.
Das Ende dieses Fürstenpavillons lag durchaus im Dunkeln, „er wurde jedenfalls nicht nach dem Tod der Kaiserin abgebaut.“ Das bisher bekannte letzte Zeugnis seiner Existenz sei auf einem Foto vom Fastnachtsumzug des Kappenklubs im Jahr 1936 zu sehen, „das wir im fotografischen Nachlass von Adolf Neubronner entdeckt haben.“ Vermutlich sei der Pavillon dann bei der Umgestaltung des Bahnhofs um 1938 niedergelegt worden. Dann gab es noch den Güterbahnhof, dessen Gelände die Bahnhofstraße bis in die 1980er Jahre nach Süden unpassierbar abschloss. Erst nach dem Abbruch des Güterbahnhofs im Jahr 1987 konnte eine uneingeschränkt öffentliche Straße angelegt werden.
Sie wurde nach dem Hauptmäzen der Kronberger Eisenbahn „Jacques-Reiss-Straße“ benannt.
Die Zeichnung von Melton Prior
„
Die Queen, den Bahnhof in Kronberg nach Friedrichshof verlassend” zeigt den noch freistehenden Fürstenpavillon. In: The Illustrated London News, 4.5.1895, Eigentum Manfred Bickel, Quelle: Stadtarchiv Kronberg
