Kronberg (ivy) – Eine Premiere der besonderen Art konnten Interessierte am vergangenen Sonntag im Casals Forum erleben. Erstmals stellte die Künstlerin Nina Stoelting das malerische Ergebnis ihrer intensiven Beschäftigung mit Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“ aus. Eine Vielzahl an Besucherinnen und Besuchern hatte sich im Konzertsaal des Casals Forums eingefunden, um diesem Ereignis samt Vernissage beizuwohnen.
Als erstes begrüßte Raimund Trenkler, Gründer und Intendant der Kronberg Academy, die Gäste mit ein paar Worten. „Heute begegnen sich Musik und Malerei und sie finden auf besondere Weise zusammen, mit Johann Sebastian Bach“, so Trenkler. Diese Begegnung gehe auf eine langjährige Freundschaft zwischen der Künstlerin Nina Stoelting und dem Pianisten und Dirigenten Sir András Schiff zurück.
Dr. Andreas Henning, Direktor des Museums Wiesbaden (Hessisches Landesmuseum für Kunst und Natur), führte anschließend kunsthistorisch in die Werke Nina Stoeltings ein. Dr. Henning hieß die Gäste ebenfalls herzlich willkommen zu einem Wettstreit der Künste. Seit Herbst 2023 arbeitet die Künstlerin Nina Stoelting an ihrem Bachzyklus. Dafür und dabei habe sie geschätzt 2.000 Stunden lang Bachs „Kunst der Fuge“ gehört. Zu jeder der 14 Fugen hat Stoelting jeweils eine große Leinwand entwickelt.
Dass sie sich als Malerin mit Musik beschäftigt, verdanke sie im Grunde Sir András Schiff. Im Rahmen einer seiner Master Classes in London, an welcher Stoelting teilnahm, stellte die Künstlerin sich die Frage, ob Bachs Musik malerisch umsetzbar sei: Lassen sich diese Klangkörper in das Zweidimensionale transformieren? „Wer das Oeuvre von Nina Stoelting kennt, weiß, dass diese Künstlerin sich nicht vor großen Herausforderungen scheut“, erläuterte Dr. Henning weiter. Während des Malens schien der ganze Körper in Bewegung gebracht werden zu wollen und die Künstlerin beinahe zu einer Tänzerin zu werden. Jeder einzelne Pinselstrich auf der Leinwand kann einen Teil des charakteristischen Klangs des Musikstücks ausdrücken.
Im Jahre 2022 entstanden erste Tuschearbeiten von Stoelting zu Streichquartetten. Im darauffolgenden Jahr ließ sie die Musik von Johann Sebastian Bach nicht mehr los. Als Malträger nutzt Nina Stoelting große Leinwände und nicht, wie sonst in den jüngeren Zyklen, Papier. Die harten Oberflächen haben es der Künstlerin dabei besonders angetan. Des Weiteren arbeitet sie nicht, wie es klassischerweise üblich wäre, auf Staffeleien, sondern auf dem Boden. Für den Farbauftrag verwendet sie keine herkömmlichen Pinsel, sondern sucht sich die Materialien in der Pflanzenwelt. Mit diesen selbstzubereiteten Naturpinseln trug Stoelting vier verschiedenfarbige Tuschen auf die grundierte Leinwand auf. Vier für die vier ineinander musizierenden Stimmen von Bach.
Nina Stoelting ist nicht die erste Kunstschaffende, die den Klangraum zu visualisieren versucht. Der Wettstreit zwischen Musik und Malerei entbrannte insbesondere am Beginn der Moderne. „Jede Kunst verlangt von uns Eigenaktivität“, führte Dr. Andreas Henning weiter aus. Diese Eigenaktivität sei in der heutigen Zeit nicht mehr selbstverständlich. Die allgegenwärtig leuchtenden Benutzeroberflächen verführen dazu, nur noch passiv konsumieren zu wollen. Laut Dr. Henning laden Nina Stoeltings Werke ganz besonders zum Wahrnehmen ein. Jede der Leinwände ist einzeln erlebbar, jedoch auch alle 14 als Gesamtes.
Schließlich ergriff die Künstlerin selbst ebenfalls das Wort: „Mir geht es grundsätzlich beim ganzen Werk um Strukturen. Weil ich denke, dass Strukturen uns letzten Endes einen Schlüssel zu dieser Welt bieten.“ Zu jeder Musik sucht sie sich eine Pflanze aus, die auch eine spezielle Struktur hat und mit der sie die Struktur des Werkes transportieren kann. Diese Wahl findet nicht zufällig statt, denn die Pflanze muss eine gewisse Stabilität und Stärke aufweisen, um unter anderem das Gewicht der Farbe tragen zu können. Für die „Kunst der Fuge“ ist ihre Wahl auf den Prager Schneeball gefallen. Genau genommen die Rückseite dieser Pflanze.
Nina Stoelting empfindet es als ein Privileg, dass sie im Rahmen ihrer Arbeit 2.000 Stunden lang Bachs „Kunst der Fuge“ hören durfte. Dabei hat sie immer wieder versucht, das Werk zu verstehen; dann hat sie jedoch gehört, sie dürfe es nicht verstehen wollen, sondern solle es einfach auf sich wirken lassen. Stoelting ist der Meinung, die Welt wäre eine andere, wenn alle Menschen die „Kunst der Fuge“ etwas mehr hören würden.
Zum Abschluss betrat Sir András Schiff die Bühne. Für ihn ist eindeutig, dass über die „Kunst der Fuge“ zu schreiben unmöglich ist. In seinen Augen ist Johann Sebastian Bach der größte Komponist, der je gelebt hat, und „Die Kunst der Fuge“ sein größtes Werk. Sir András Schiff zeigt sich äußerst beeindruckt von Nina Stoeltings Kunst und beschreibt sie als eine große Inspiration. Zwischendurch, um seine Erklärungen weiter zu veranschaulichen, spielte er immer wieder ein paar Noten auf dem Klavier. Sir András Schiff ist überzeugt, dass man ein Werk wie die „Kunst der Fuge“ niemals mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz schreiben könnte. „Es bewegt mich zu Tränen. Ich kenne keine Musik, die mich so tief berührt“, beschrieb Sir András Schiff.
Nun bestand für die Besucher noch die Möglichkeit, die Ausstellung mit den Werken Nina Stoeltings, begleitet von einem Glas Sekt und dem ein oder anderen Häppchen, im oberen Stockwerk auf sich wirken zu lassen. Bis Sonntag, 12. April können Interessierte die Ausstellung noch besuchen.
Einige interessierte Gäste ließen nach den Wortbeiträgen im Konzertsaal die Ausstellung auf sich wirken. Fotos: Imhoff
