Kronberg (nl) – Es gibt Abende, an denen schon nach den ersten Takten klar wird, dass sich dem Hören nicht entzogen werden kann. Nicht, weil etwas Spektakuläres geschieht, sondern weil sich eine besondere Form von Aufmerksamkeit einstellt, leise, konzentriert, fast fragil. Genau so begann auch der Sonntag im Carl-Bechstein-Saal: kein gesellschaftliches Ereignis, kein routiniertes Konzert, sondern ein Raum, in dem sich Zuhören und Nachdenken langsam ineinander verschoben. Es war spürbar, dass hier Musik erklingen würde, die nicht unterhalten, sondern befragen will und dass sich die Ausführenden diesem Anspruch ohne jedes Sicherheitsnetz aussetzen würden.
Am Sonntag, 14. Dezember, versammelten sich im Casals Forum Zuhörerinnen und Zuhörer zu „Martin Helmchen & Friends III“, einem Abend, der programmatisch als Freundschaftsspiel angekündigt war und sich doch rasch als ernsthafte Auseinandersetzung mit musikalischen Vermächtnissen erwies. Der Carl-Bechstein-Saal erwies sich dabei als idealer Ort. Seine Nähe, seine warme, klare Akustik und die spürbare Ruhe im Raum gaben den Werken jene persönliche Atmosphäre, die sie brauchen, um ihre Wirkung zu entfalten.
Zu Beginn stand Johann Sebastian Bachs Kunst der Fuge in einer Bearbeitung für Streichquartett. Elli Choi und Jinzhu Li an den Violinen, Samuel Rosenthal an der Viola und Oliver Herbert am Violoncello näherten sich den ausgewählten Contrapuncti mit großer Klarheit und ohne demonstrative Strenge. Diese Musik wurde nicht als Denkmal präsentiert, sondern als lebendiger Prozess. Linien traten hervor, verschränkten sich, lösten sich wieder. Die Zuhörer hörten das gemeinsame Hauptthema arbeiten, sich wandeln, sein kontrapunktisches Potenzial entfalten. Die Konzentration des Ensembles übertrug sich unmittelbar auf den Saal und bereitete den Boden für das, was folgen sollte.
Mit Olivier Messiaens Quatuor pour la fin du temps verschob sich der innere Schwerpunkt des Abends deutlich. Nemorino Scheliga an der Klarinette, Antje Weithaas an der Violine, Marie-Elisabeth Hecker am Violoncello und Martin Helmchen am Klavier spielten dieses Werk nicht, sie durchlebten es. Die körperliche Anspannung der Musiker war sichtbar, ihre Versenkung in den Klang geradezu greifbar. Besonders in den langsamen Sätzen entwickelte sich ein beinahe meditativer Zustand; ein intensives, forderndes Lauschen, das auch den Zuhörenden alles abverlangte.
Messiaen hatte dieses Werk 1940/41 als Kriegsgefangener im deutschen Stalag VIII-A bei Görlitz komponiert. Die Uraufführung fand am 15. Januar 1941 im Lager selbst statt. Gespielt von Mitgefangenen, ermöglicht durch die Unterstützung eines musikaffinen Lagerkommandanten. Diese Entstehungsgeschichte ist kein bloßer historischer Hintergrund, sie ist der Musik eingeschrieben. Das Quatuor spricht von existenzieller Bedrohung, von Zeitauflösung, von Hoffnung jenseits des Messbaren und genau so wurde es an diesem Abend hörbar.
Das Abîme des oiseaux wurde zur einsamen, tastenden Erkundung der Zeit, der Danse de la fureur zur unerbittlichen rhythmischen Beschwörung. Nichts wirkte routiniert oder abgesichert. Jeder Einsatz, jede Stille schien errungen. Besonders eindrücklich war dabei das Spiel der Cellistin: Marie-Elisabeth Hecker entlockte ihrem Instrument Töne von äußerster Zartheit, Klänge an der Grenze des Hörbaren. Mit fast unbeweglicher Hand, in höchster Konzentration, ließ sie Linien entstehen, die mehr geahnt als gehört wurden. Momente von großer Verletzlichkeit, die den Saal in gespannte Stille tauchten.
Im Finale, der Louange à l’Immortalité de Jésus, schien die Zeit tatsächlich stillzustehen. Die Geige löste sich aus der Schwerkraft des Irdischen, getragen vom zurückgenommenen Klavier, während der Raum jede Bewegung, jedes Atmen aufzusaugen schien.
Als der letzte Ton verklungen war, blieb es für einen Moment vollkommen still. Erst dann setzte der Applaus ein, vorsichtig, fast dankbar. Dieses Konzert war kein Ereignis im üblichen Sinn, sondern ein Innehalten. Ein Abend, an dem der Carl-Bechstein-Saal zum Resonanzraum einer Musik wurde, die an ihre Grenzen geht und uns damit erstaunlich nahekommt.
Antje Weithaas, versunken in den langsamen Zeiträumen von Messiaens Quartett
Fotos: Glückert
