Oberursel (sis) — Der Fußballvormittag am vergangenen Freitag auf dem Oberurseler Marktplatz wurde zu einer Geschichte über Zusammenhalt, Begegnung und gelebte Demokratie. Gemeinsam mit dem Projekt „Marktplatz Oberursel: Lebendig, offen, mittendrin“ zeigte das Feriencamp des 1. FC 04 Oberursel, dass ein Ball manchmal mehr bewegen kann als viele Worte – und dass Freundschaft dort beginnt, wo Menschen einfach miteinander spielen.
Ein Ball kennt keine Unterschiede. Er fragt nicht nach Alter, Herkunft oder Einschränkungen. Er rollt einfach los – und plötzlich spielen alle mit. Genau dieses einfache Prinzip machte der FC 04 Oberursel am Freitagvormittag auf dem historischen Marktplatz erlebbar und zeigte gemeinsam mit dem Projekt „Marktplatz Oberursel: Lebendig, offen, mittendrin“, wie Demokratie im Alltag funktionieren kann. Zwischen Dribblings, Mini-Toren und Fußballgolf wurde gelacht, angefeuert und miteinander gesprochen. Kinder aus dem Feriencamp des FC 04 Oberursel kickten gemeinsam mit Eltern, Passanten und Besuchern.
Antje Runge testet die Stationen
Klaus Winkler, Vertreter der Initiative „Marktplatz Oberursel: Lebendig, offen, mittendrin“, begrüßte die Gäste und schnell wurde deutlich: An diesem Vormittag ging es um weit mehr als Fußball. Gerade die überschaubare Runde machte es leicht, miteinander ins Gespräch zu kommen. Niemand ging einfach vorbei – wer über den Marktplatz schlenderte, blieb stehen, schaute zu oder machte kurzerhand selbst mit. Genau das war die Idee dieses besonderen Vormittags. In einer Zeit, in der häufig über Unterschiede gesprochen wird, wollte Klaus Winkler den Blick bewusst auf das Verbindende richten. „World Design bringt Menschen zusammen – ihr habt es heute geschafft, hier auf dem Marktplatz den Nebel der Welt ein Stück weit zu lichten“, sagte er. Sein Projekt möchte Menschen miteinander ins Gespräch bringen – nicht übereinander reden, sondern miteinander. Dafür stehen auch die von den Oberurseler Werkstätten gestalteten Babbelbänke. Begriffe wie Respekt, Vielfalt, Sichtbarkeit und Zuhören sind darauf zu lesen. Für Winkler ist genau das gelebte Demokratie. Dass Sport dafür eine ideale Brücke sein kann, zeigte der FC 04 Oberursel eindrucksvoll. Bereits zum dritten Mal veranstaltet der Verein sein Sommerferiencamp. Mehr als 30 Kinder nehmen in diesem Jahr daran teil. Sechs von ihnen verlegten den Abschluss eines Camp-Tages kurzerhand auf den Marktplatz, ehe es zurück auf die Heide ging – wo zum Abschluss bereits der Eiswagen auf alle wartete.
Inklusion im Sport
Eine, die diesen Tag mit leuchtenden Augen erlebte, war die elfjährige Giulia. Seit zwei Jahren trainiert sie jeden Freitag beim FC 04 Oberursel und gehört von Beginn an zur inklusiven Trainingsgruppe. „Ich schieße am liebsten Elfmeter. Tore schießen macht mir einfach Spaß. Und gewinnen mag ich auch“, erzählt sie mit einem verschmitzten Lächeln. „Wir verstehen uns nicht als reiner Fußballverein, sondern legen großen Wert auf soziales Engagement“, betont Vorstandsmitglied Björn Urban. Während in der ersten Ferienwoche alle fußballbegeisterten Kinder willkommen sind, gehört die letzte Ferienwoche ganz den Kindern mit Einschränkungen. Dann wird der Betreuungsschlüssel bewusst erhöht, damit jedes Kind das Feriencamp mit Freude und der nötigen Unterstützung erleben kann. Unterstützt wird das Angebot vom Lions Club Oberursel, der Taunus Sparkasse, der Kinderhilfe-Stiftung sowie dem Lernzentrum Oberursel.
„Sport ist mein Leben“
Trainiert wird die Gruppe von Bärbel Scholz – einer Frau, die ihrer Zeit weit voraus war. Bereits in den 70er- und 80er-Jahren spielte sie Fußball, als Frauenfußball noch längst nicht selbstverständlich war. Stationen ihrer Karriere waren unter anderem der FSV Frankfurt, Lyon, Mainz 05 sowie Vereine aus der Region. Heute gibt sie ihre Erfahrung mit derselben Leidenschaft an Kinder weiter. „Sport ist mein Leben. Mein Wissen an Kinder weiterzugeben, ist das Größte für mich. Mich hat es einfach interessiert, Kinder mit Einschränkungen kennenzulernen. Zurück zu den Fußballwurzeln und etwas Sinnstiftendes zu tun, erfüllt mich sehr“, sagt sie. Dass daraus längst mehr geworden ist als Training, zeigt ein kleiner Moment, der viel größer ist als jedes Ergebnis auf dem Platz. „Wir sind ein Team“, sagt Bärbel Scholz zu ihren Schützlingen. Giulia schaut sie an, lacht laut und ergänzt ohne zu zögern: „Ja – und Freunde!“
Auch Bürgermeisterin Antje Runge machte deutlich, dass der historische Marktplatz vor allem ein Ort der Begegnung bleiben soll. Dauerhafte Trimm-dich-Stationen könne sie sich dort eher nicht vorstellen. „Jeder Platz hat seine Bedeutung“, sagte sie. „Der Marktplatz steht für den Altstadtmarkt, dafür, dass Menschen zusammenkommen und babbeln.“ Georg Sterzel, Oberurseler seit knapp 80 Jahren, erinnerte sich schmunzelnd daran, dass früher genau hier Fußball gespielt wurde – mit den Bäumen als Torpfosten. „Das war kein Zufall“, griff Runge den Gedanken auf. „Begegnung ist das, was entsteht.“ Andreas Bernhardt nickte lächelnd: „Der Marktplatz war Teil meines Schulweges – und da hatte ich öfter mal mit dem Ball zu tun.“
Dass soziales Engagement beim FC 04 nicht mit dem Feriencamp endet, zeigt auch die Geschichte von Kevin Schulz. Vor drei Jahren stand er selbst als Teilnehmer auf dem Platz. Heute trägt er Verantwortung als Betreuer und Trainer. Kaum eine Geschichte zeigt eindrucksvoller, was Vereinsleben bewirken kann: Aus einem Ferienkind ist ein Vorbild für die nächste Generation geworden.
Auch wenn Michael Ilg, Vorstand FC 04 Oberursel, urlaubsbedingt nicht dabei sein konnte, war seine Handschrift überall zu erkennen. Mit viel Herzblut hat er das Feriencamp vor drei Jahren ins Leben gerufen und organisiert es bis heute federführend. Für dieses außergewöhnliche Engagement fand Vorstandskollege Björn Urban ausdrücklich Worte des Dankes.
Beim diesjährigen Weinfest Anfang August wird die Idee der Begegnung weitergeführt. Dann gibt es erstmals einen alkoholfreien „Babbel-Spritz“ – ganz bewusst zu einem reduzierten Preis. Denn die World Design Capital möchte Menschen zusammenbringen. Grenzen soll es dabei keine geben.
Vielleicht beginnt Demokratie genau dort, wo Menschen einander zuhören, gemeinsam lachen und aus Fremden ein Team wird. Auf dem Oberurseler Marktplatz brauchte es dafür keine großen Reden. Es genügte ein Ball. Und eine elfjährige Giulia, die mit einem Satz zusammenfasste, worum es an diesem Vormittag wirklich ging. Auf Bärbel Scholz‘ Satz „Wir sind ein Team“ antwortete sie ganz selbstbewusst mit einem strahlenden Lächeln: „Ja – und Freunde!“






