Wir sind besonders anders. Wir sind Raubritter.

Kerbeborsch Xaver mit der „next generation“, seinem Sohn HenryFoto: sis

Oberursel (sis) – 340 Stunden Aufbau. 283 Stunden hinter der Theke. 104 Vereinsmitglieder, der Henker bekommt mehr Verantwortung, ein 27,5 Meter hoher Kerbebaum, der mit der Handsäge gefällt wird und Kerbeborsche, die im vergangenen Jahr 20 weitere Kerben in der Region besuchten. Bommersheim feiert seine Kerb.

Schon am Freitagabend war klar: Die Kerbeborsche hatten nicht zu viel versprochen. Der Festplatz vor der Burgwiesenhalle füllte sich, hier ein kurzer Plausch, dort ein gemeinsamer Schoppen – oder erstmals ein Bommersheimer Spritz, die lokale Antwort auf den Aperol Spritz. Dazwischen Live-Musik und immer wieder bekannte Gesichter. Die Bommersheimer Kerb gehört vielleicht zu den kleineren Kerben der Region – klein gedacht wird hier allerdings nicht. Von 19 Uhr bis Mitternacht lieferte All Reset den passenden Soundtrack. ABBA traf auf die Höhner, Gloria Gaynor auf Disney und Katrina and the Waves auf Status Quo. Von „Mamma Mia“ über „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ und „I Will Survive“ bis zu „Walking on Sunshine“ und „Rockin’ All Over the World“: Das Repertoire ließ musikalisch kaum eine Generation aus. Nahbar, authentisch und ohne große Distanz zum Publikum zeigte All Reset einmal mehr, warum die Band für die Bommersheimer längst ein Garant für einen gelungenen Kerbeauftakt ist.

Doch während vorne gefeiert wird, lohnt sich der Blick hinter die Kulissen. Erst durch die digitale Erfassung werde sichtbar, wie viele Stunden tatsächlich zusammenkommen, sagt Christian Schließmann. „Da fällt erst einmal auf, wie viel Einsatz die Kerbeborsche jedes Jahr aufbringen, damit sich die Kerbegäste wohlfühlen.“ Schließmann weiß ziemlich genau, wovon er spricht. Seit 1999 ist er Kerbeborsch, keine Kerb hat er seitdem ausgelassen und seit mehr als 14 Jahren führt er die Mannschaft als Kerbevadder an. Gleichzeitig ist er Vorsitzender des Vereins – zwei Aufgaben, die unterschiedliche Blickwinkel verlangen. „Als Vorsitzender des Vereins muss ich die Finanzen im Blick haben, als Kerbevadder das Team bei Laune halten, damit das Vereinsleben funktioniert.“ Und dann sagt er einen Satz, der an diesem Wochenende noch häufiger eine Rolle spielen wird: „Ich bin stolz auf das Team, das wieder alles gegeben hat, um die Kerb erstrahlen zu lassen.“

Die Schlumbel hat den besten Job

Während andere am Samstag vielleicht noch ausschliefen, waren die Kerbeborsche seit 9 Uhr auf den Beinen. Zwischen 30 und 40 Mann machten sich auf in den Oberurseler Stadtwald, um den diesjährigen Kerbebaum zu schlagen, der feierlich Lisa I. getauft wurde. Dabei ist Schließmann eine Sache wichtig: „Wir wählen einen Baum aus, der ohnehin gefällt werden muss.“ Und wenn schon Tradition, dann richtig: Die Kettensäge bleibt aus. Stattdessen wird mit Handsäge und Muskelkraft gearbeitet – so, wie es früher gemacht wurde. Zur Mittagszeit war die Rückkehr der Truppe kaum zu überhören. Vorneweg der neue Planwagen, voll besetzt mit Kerbeborschen und Helfern, dahinter der Langholzwagen mit seiner ziemlich beeindruckenden Ladung: rund 27,5 Meter Kerbebaum. Der neue Planwagen hatte bereits an Vatertag seine Jungfernfahrt absolviert und durfte nun erstmals bei der Kerb zeigen, was in ihm steckt. Lautstark und bestens gelaunt ging es vor den Festplatz – dort wartete schließlich noch die eigentliche Arbeit.

Jetzt wurde es ernst

Rund 30 Kerbeborsche, drei Paar handgefertigte Stützstangen, Seile und jede Menge Erfahrung waren nötig, um den Baum in Position zu bringen. Falk Krammich gab dabei die Kommandos. Zug um Zug bewegte sich Lisa I. nach oben. Bei Temperaturen um die 30 °C brauchte es allerdings noch ein weiteres Hilfsmittel. Moderator Thomas Nitsche kommentierte trocken: „Die Trockenheit des Baumes muss mit dem Nationalgetränk Äppler ausgeglichen werden.“ Und tatsächlich erwies sich der Äppler an diesem Nachmittag als erstaunlich vielseitig: zum Abkühlen, Motivieren, Besiegeln und später natürlich zum Anstoßen. Auch das Kerbeborschelied durfte nicht fehlen. Schließlich soll es zusätzlich motivieren. Musikalisches Verbesserungspotenzial erkannte Moderator Nitsche trotzdem: „Beim Gesang ist noch Luft nach oben.“ Bei der Muskelkraft dagegen nicht. Auf das Kommando „zu gleich“ von Falk Krammich bewegte sich der Baum Stück für Stück in Richtung Himmel. Nach 45 Minuten waren 45 Grad erreicht. Nach rund einer Stunde stand Lisa I. perfekt in Position – und hoch oben nahm die Schlumbel ihren Platz ein, mit bestem Blick über den Festplatz und Richtung Kirche. Unten eine Stunde Schwerstarbeit. Oben sitzt die Schlumbel. „Manchmal ist die Aufgabenverteilung eben eindeutig“ so Schließmann. Für ihn hatte dieser Moment noch eine persönliche Seite: Falk Krammich, Urgestein der Kerbeborschen, sei der Grund dafür, dass er selbst heute bei den Kerbeborschen und der Feuerwehr aktiv ist. Auch Stadtrat Andreas Bernhardt ließ es sich nicht nehmen und packte beim Aufstellen mit an.

Aus Anwärtern werden Borschen Aus Till wird Till 2.0

Nach dem Baumstellen war vor der offiziellen Eröffnung – und Schließmann hatte einige Überraschungen vorbereitet. Zunächst mussten Max, Raphi und Bärchen nach vorne. Aus den Anwärtern wurden offiziell Jung-Kerbeborsche. Besiegelt wurde die Aufnahme – wie sollte es anders sein – mit einem Äppler. Von Burgfräulein Catharina gab es dazu den eigenen Bembel. “Ich freue mich sehr über diese drei aktiven Jungkerbeborsche, die zeigen, dass das Interesse am alten Brauchtum keineswegs aus der Mode gekommen ist“, so Schließmann. Überhaupt kann sich der Verein über Zuwachs freuen: Bereits am Freitagabend konnten vier neue Mitglieder aufgenommen werden, damit zählt der Verein nun 104 Mitglieder. Und dann platzte die Bombe...

Till musste nach vorne

Als Henker gehört er gemeinsam mit Ritter Heinrich und Burgfräulein Catharina ohnehin zum historischen Ensemble der Bommersheimer Raubritter. Für Schließmann ist er aber noch etwas anderes: sein Schatten und jemand, auf den er sich jederzeit verlassen könne. Also verkündete der Kerbevadder: „Es ist Zeit für Till 2.0.“ Ein großer Bembel machte die Sache offiziell: Till ist neuer stellvertretender Kerbevadder. Und Schließmann lieferte gleich noch den passenden Satz für die gesamte Mannschaft hinterher: „Wir sind besonders anders. Wir sind Raubritter.“ Und auch Schließmann beantwortete an diesem Nachmittag zumindest indirekt die Frage nach seiner eigenen Zukunft: „Solange ihr das mit mir tragt, mache ich weiter als Kerbevadder.“

Ein Burgfräulein, das keines ist

Wer bei Catharina nun eine Frau erwartet, muss in Bommersheim umdenken. Das Burgfräulein wird traditionell von einem Mann dargestellt und erinnert gemeinsam mit Ritter Heinrich und dem Henker an die historischen Figuren rund um die ehemalige Bommersheimer Burg. Catharina soll auch künftig die einzige „Frau“ unter den Kerbeborschen bleiben. Was allerdings keinesfalls bedeutet, dass die Kerb eine reine Männersache wäre. Rund zehn aktive Frauen unterstützen die Borschen dort, wo zusätzliche Hände gebraucht werden. Schließmann sagt selbst ganz klar: „Ohne ihre Kerbemädchen wären die Kerbeborsche aufgeschmissen.“

Mehr Wir als allein

Überhaupt ist Gemeinschaft bei den Bommersheimern keine Floskel. Besonders deutlich wird das beim Blick über die Ortsgrenzen. Früher klauten sich die Kerbeborsche verschiedener Orte gerne gegenseitig die Schlumbel. Zurück gab es sie meist erst gegen eine angemessene „Auslöse“ in Form von Apfelwein. Ganz verschwunden ist dieser Spaß nicht. Doch aus dem gegenseitigen Kräftemessen ist längst vor allem eines geworden: gegenseitige Unterstützung. Im vergangenen Jahr stellten die Bommersheimer dabei sogar einen persönlichen Rekord auf: 20 Kerben wurden besucht, bei vielen wurde nicht nur mitgefeiert, sondern auch geholfen. Wer selbst 340 Stunden aufbaut und an drei Tagen weitere 283 Stunden hinter der Theke organisiert, weiß eben ziemlich genau, was die anderen leisten.

Für Bürgermeisterin Antje Runge, die sich noch im Urlaub befand, übernahm Stadtrat Andreas Bernhardt die Begrüßung. Dass er zwischen Raubrittern und Sackleinen vergleichsweise förmlich gekleidet auf dem Festplatz stand, erklärte er gleich selbst: Direkt zuvor hatte er seine erste Trauung als Standesbeamter durchgeführt. Mitgebracht hatte er Gäste aus der ukrainischen Partnerstadt Vasylkiv, die das Bommersheimer Brauchtum aus nächster Nähe erleben durften.

Bernhardt überbrachte die Grüße der Bürgermeisterin und dankte den Kerbeborschen für ihren Einsatz für das Bommersheimer Brauchtum. Schließmann wiederum richtete seinen Dank ausdrücklich an Runge und das Liegenschaftsteam für die Unterstützung der vergangenen Wochen. „Ohne sie hätte die Kerb nicht stattfinden können.“ Künftig soll der Verein eine feste Lagermöglichkeit in unmittelbarer Nähe für seine Utensilien erhalten. „Die Stadt setzt sich für die kleinen Feste ein“, freute sich Schließmann. Weniger erfreulich verlief die Suche nach Schaustellern. Keiner war in diesem Jahr nach Bommersheim gekommen. Für die vergleichsweise kleine Kerb sei ein Einsatz wirtschaftlich offenbar nicht lukrativ genug, bedauerte Schließmann – gerade für die Kinder hätte er sich ein zusätzliches Angebot gewünscht. Die wiederum ließen sich davon wenig beeindrucken und nahmen stattdessen die Hüpfburg in Beschlag.

Zu den Gästen gehörten auch Stadtverordnetenvorsteher Lothar Köhler, Erster Kreisbeigeordneter des Hochtaunuskreises Thorsten Schorr sowie Vertreter des Ortsbeirats. Schorr überbrachte unter anderem Grüße von Landrat Ulrich Krebs und Walter Breinl und gratulierte Till Krammich zur Beförderung und hatte zur Freude der Kerbeborsche auch etwas zur Aufbesserung der Vereinskasse dabei. Er würdigte besonders, dass die Borschen nicht nur einmal im Jahr Kerb feiern, sondern unter anderem beim Weihnachtsmarkt und Fastnachtsumzug präsent sind und damit das gesellschaftliche Leben in Bommersheim und Oberursel mitgestalten.

Ganz ohne Augenzwinkern ging die offizielle Eröffnung natürlich nicht zu Ende. Fabian van Hassel, zuständig für die Technik und offenbar kein Spezialist für nächtliches Eierbacken wie Rührei mit Speck, durfte noch eine Urkunde entgegennehmen, die er sich beim Eierbackkurs Teil II verdient hat. Manche Qualifikationen gibt es vermutlich wirklich nur auf der Bommersheimer Kerb.

Vom Raubritter zum Partymodus

Am Abend wechselte Bommersheim vom Raubritter- in den Partymodus. Mit EVE übernahm eine Coverband die Open-Air-Bühne, die weiß, wie Feiern funktioniert. Rock, Pop und Party quer durch mehrere Jahrzehnte gehören zum Programm – und damit genau die Mischung, bei der irgendwann fast jeder seinen Song findet. Der Festplatz war erneut gut gefüllt, vor der Bühne wurde ausgelassen getanzt und EVE brauchte nicht lange, um das Publikum auf ihre Seite zu ziehen. Bommersheim feierte bis spät in die Nacht, bevor am Sonntag erst geblasen, dann gezogen werden darf.

Nach zwei langen Abenden durfte Bommersheim am Sonntag erst einmal einen Gang zurückschalten. Ab 11 Uhr gehörte der Festplatz dem Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr Bommersheim. Der Frühschoppen ist längst fester Bestandteil der Kerb – und in diesem Jahr gab es für die Feuerwehrmusiker selbst etwas zu feiern: Die Bommersheimer Feuerwehrmusik blickt auf ihr 75-jähriges Bestehen zurück. Ab 13 Uhr folgte eine weitere Premiere: Erstmals sorgte die Egerländer Blaskapelle Vockenhausen für den musikalischen Sonntagnachmittag. Egerländer Blasmusik traf auf Volksmusik, Schlager und eine Portion Humor. Über die Zusage der Vockenhäuser hatte sich Schließmann besonders gefreut.

Am Sonntagnachmittag war es dann vorbei mit gemütlich: Bei 35 °C wartete mit dem traditionellen Traktor-Pulling noch einmal Schwerstarbeit. Acht Vierer-Teams machten sich daran, einen 2,58 Tonnen schweren Fendt Favorit 3 über die Strecke zu ziehen. Wer am Ende den Wanderpokal holte und warum dabei nicht nur Muskelkraft, sondern auch ein Äppler auf Ex über die Zeit entschied, lesen Sie auf Seite XXX dieser Ausgabe.

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