Oberursel (ow) – Die Busfahrt des Geschichts- und Kulturkreises Oberstedten am Samstag, 13. Juni, führte die 43 Teilnehmer zu den reichen Schätzen der Antike und der Welt des Mittelalters in der Wetterau. Auf dem Programm standen die „Keltenwelt am Glauberg“ und deren herausragende archäologischen Funde, darunter der sog. „Keltenfürst vom Glauberg“. Anschließend ging es nach Büdingen, das für seine mittelalterliche Altstadt, sein Schloss und seine wehrhaften Stadtanlagen bekannt ist. Den Abschluss bildete die Ronneburg aus dem 13. Jahrhundert, wo die spannende Exkursion mit einer gemütlichen Kaffeezeit im Außenbereich der Burg ausklang.
Während der Busfahrt erhielten die Teilnehmer von Andreas Mengel, GuK, ein umfangreiches Handout und Ausführungen zu den Tageszielen. Dabei erfuhren sie, dass unter der Bezeichnung „Kelten“ – „Keltoi“ bei Herodot – verschiedene Völker in Mitteleuropa zusammengefasst wurden, obwohl sie kein einheitliches Volk waren, sondern unterschiedliche Stämme mit kulturellen Gemeinsamkeiten, darunter die Galater in der Türkei, die Helvetier in der Schweiz, die von Caesar „Gallier“ genannten Stämme auf dem Gebiet des heutigen Frankreichs und die irischen Kelten.
Vor allem in der Latènezeit, 450 – etwa 15 v. Chr., siedelten die Kelten auch in unseren Breiten, heute zu identifizieren an drei bekannten Anlagen im Taunus: der Ringwallanlage auf dem Bleibiskopf ab dem 8. Jh., der bedeutenden Anlage auf dem Altkönig aus der frühen Latènezeit sowie dem Heidetränk-Oppidum bei Oberursel aus dem 2. Jh. v. Chr., das sich über zwei Bergkuppen erstreckte. Hinzu kam in der Wetterau im 5. Jahrhundert v. Chr. die Siedlung auf dem Glauberg, einem Tafelberg aus Basaltgestein, wo die Kelten für 60 bis 80 Jahre eine befestigte Anlage mit Ringwällen und Tangentialtoren sowie eine Grabstätte betrieben.
Diese Anlage wurde bei einem Überflug in den 1980er Jahren entdeckt, und so kam es vor 30 Jahren am Glauberg zu Grabungen und zur Entdeckung umfangreicher keltischer Grabfunde aus der frühen Latènezeit. Seit 15 Jahren existiert hier das für die keltische Kultur in Europa wichtige Museum mit Forschungszentrum zu den „Kelten“, die keine Schrift hinterließen, wohl aber materielle Zeugnisse ihrer hochentwickelten Kultur. Der Glauberg mit seinem rekonstruierten Grabhügel außerhalb des Plateaus gilt heute als „Jackpot“ der Archäologie, wie Gästeführer Heiko Große ausführte, und dies, obwohl erst acht Prozent des Areals erforscht seien. Auch die Funktion des Grabhügels mit seinen Gräben, Pfosten und der sog. „Prozessionsstraße“ gebe noch Rätsel auf. Das Museum zeigt, nach Gräbern sortiert, wertvolle Grabfunde wie die etruskische bronzene Schnabelkanne mit Fabelwesen als Verzierung. Diese, wie auch Spangen mit Mittelmeerkorallen, der hochkarätige Goldschmuck, Gürtelschnallen, Speere, Pfeilspitzen, Rüstungspanzer, Skulpturen und andere Gegenstände zeugen vom europaweiten Handel der Kelten, ihrer ausgefeilten Handwerkskunst und ihrer hochentwickelten Kultur.
Als besonders interessant erwiesen sich die auf dem Boden nachgezeichneten Grablegen mit den dazugehörigen Funden und, wie nicht anders zu erwarten, der 1,86 m große sog. „Keltenfürst“ aus Sandstein mit den übergroßen Ohren, einem Kopfschmuck, der an ein Mistelblatt erinnert, dem modellierten Brustpanzer, Linothorax und wertvollen Ausstattungsstücken, darunter der 175 g schwere Goldhalsreifen und der einzigartige Schild mit Holzbeschlägen.
Vom Glauberg aus ging es ins nahegelegene Büdingen, das für seine sehr gut erhaltene Altstadt, das Schloss und seine äußerst wehrhafte Stadtbefestigung bekannt ist. Büdingen war im Mittelalter eine wohlhabende und privilegierte Stadt, führte Horst Eufinger einleitend aus. Davon zeuge nicht zuletzt die gut zwei Kilometer lange Bastion mit 22 Türmen, die den Ort umringt. Das 1503 unter Graf Ludwig II. von Ysenburg errichtete „Jerusalemer Tor“ mit seinen zwei Wehrtürmen bildete den Hauptzugang zur Stadt. Den Namen bekam das Tor allerdings erst im 18. Jahrhundert von den Neubürgern, die sich in der davor gelagerten Neustadt als religiös Verfolgte niederlassen durften (Toleranzedikt von 1712).
In zwei Gruppen wurden die Oberstedter nach einer Mittagspause durch Büdingen geführt, dessen Entwicklung über Jahrhunderte noch heute gut nachvollziehbar ist. Das „eigentliche“ Büdingen des 7./8. Jahrhunderts befand sich auf dem nahen Hügel. Die Burg wurde im 12. Jahrhundert auf Eichenpfählen im Sumpf des Tales errichtet, zum Schutz des umgebenden staufischen Reichslandes. Diese Talregion stelle quasi eine „Insel“ dar. Seit dem 13. Jahrhundert bewohnten die Grafen und bewohnen die jetzigen Fürsten zu Ysenburg-Büdingen die zum Schloss erweiterte Burg. Leider konnte das Schloss nicht besichtigt werden, da es nicht öffentlich zugänglich ist.
1330 wurde dem Ort das Marktrecht verliehen. 1353 habe Büdingen, das vorher Reichsland war, den Freiheitsbrief erhalten, was zur ersten Stadtmauer führte. Da weitere Siedler hinzukamen, wurde schon 1390 jenseits des Küchenbachs die Neustadt erbaut, was eine Erweiterung der Mauer zur Folge hatte. Zwischen 1480 und 1510 entstand dann die signifikante Festungsmauer um die Stadt herum mit ihren 22 Wehrtürmen.
Die Gruppen besuchten den „Rosengarten“, der schon Teil der Festung war, einen Festungsturm, in dem ein Stadtmodell ausgestellt ist, und das Historische Rathaus, gebaut als Kaufhalle für die Waren, die an Markttagen trocken bleiben mussten, heute: Heuson-Museum. Von hier aus hat man einen schönen Blick auf das „Steinerne Haus“, das Anfang des 16. Jahrhunderts für Ludwig II. von Büdingen neben dem Mühltor errichtet wurde. Das Alte Rathaus, das seit der Neuzeit und bis heute als Sitz von Bürgermeister und Rat dient, erhielt zur gleichen Zeit einen Treppenturm als Anbau.
Danach war noch Zeit, die zwischen 1980 und 2010 umfangreich sanierte Altstadt mit ihren schönen Fachwerkhäusern und die am Ende des 15. Jahrhunderts zur Residenzkirche der Ysenburger erweiterte Marienkirche zu besuchen. Deren Innenausstattung wurde aber nach dem Übertritt der Grafen zum Calvinismus ab 1601 entfernt.
Abschließend ging es über den Froschbrunnen (*2017), der auf eine Legende Bezug nimmt, nach der die Büdinger zum Schutz gegen den Froschlärm einst die Frösche in den Bach geworfen haben, zum „Jerusalemer Tor“, vor dem Graf Ernst Casimir I. zu Beginn des 18. Jahrhunderts europäische Glaubensflüchtlinge in der Neustadt ansiedeln ließ, um dem Bevölkerungsschwund entgegenzuwirken.
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