Hauptstadt trifft Orschel – „Blindflug“ live am Valentinstag

Oberursel (sis). Am Samstag, 14. Februar, feierte der Weinpodcast „Blindflug“ seine Live-Premiere in Oberursel. Auf Einladung von Max Luscher und Roland Braza, versammelten sich 34 Teilnehmer im Café „coffee brownies & downies“, um den Podcast erstmals vor Publikum zu erleben. Anders als im Podcast üblich wurde ohne schwarze Verkostungsgläser und ohne den obligatorischen Würfel probiert. Das Live-Format setzte bewusst auf Offenheit, Nähe und direkte Interaktion.

Begrüßung mit gesellschaftlicher Botschaft

Gastgeber Max Luscher eröffnete den Abend mit Dank an die Besucher und einem Applaus für die drei Podcaster. Er zeigte sich erfreut, dass „Blindflug“ den Weg „in die hessische Provinz Oberursel“ gefunden habe. In seiner Einführung stellte er das Café vor und betonte, dass in Deutschland keine selbstverständlich gelebte Inklusion stattfinde. Man gebe Menschen mit Einschränkungen die Möglichkeit, im Herzen der Gesellschaft zu arbeiten. Das Café hat elf Arbeitsplätze geschaffen, alle Mitarbeitenden erhalten Mindestlohn. Rund 650.000 Euro wurden vorfinanziert, etwa 50 Prozent davon staatlich refinanziert. Gleichzeitig sei die Bürokratie in Deutschland viel zu hoch, um solche Projekte unkompliziert umzusetzen. Die Gäste schätzen besonders die Wohlfühlatmosphäre und die menschliche Nähe.

Max Luscher berichtete von einem bewegenden Brief einer Besucherin in einer persönlichen Krisensituation, die nach einem Hospizbesuch durch eine einfache Geste eines Mitarbeiters neue Kraft schöpfte. Sein Fazit: „Was will man mehr? Premiumservice und Herzenswärme.“ Neu im Sortiment ist „Die inklusive Bohne“ mit drei Kaffeesorten für zuhause. Mit den Worten „Genug der Kaffeefahrt – jetzt folgt die Weinfahrt“ leitete er über.

Podcast trifft Publikum

Die Gäste – allesamt Weinliebhaber und treue Hörer aus nah und fern – erlebten Felix Bodmann, Sascha Radke und Florian Moosbauer live. Seit 2018 sind 178 Folgen „Blindflug“ erschienen, rund 4.000 Hörer verfolgen das Format regelmäßig.

Normalerweise schenken sich die Moderatoren jeweils einen Wein blind ein, während der andere einen aktuellen Aspekt der Weinwelt diskutiert oder eine Anekdote erzählt. Live wurde dieses Prinzip erweitert:

Drei Weine, drei Perspektiven und ein intensiv eingebundenes Publikum.

Ampelographie, Mutationenund Pinot Noir

Inhaltlich ging es unter anderem um Ampelographie. Felix Bodmann berichtete von einem Treffen mit der renommierten Ampelographin Anna Schneider und erläuterte genetische Zusammenhänge im Weinbau. Auf die Frage, wie viele Mutationen bei 5.000 dicht bepflanzten Rebstöcken auftreten können, staunte das Publikum nicht schlecht über die Zahl von rund einer Million – sichtbar seien jedoch nur etwa zehn.

Für eine Überraschung sorgte zudem die Einordnung von Grauburgunder, Weißburgunder und schwarzem Riesling als genetisch mit Pinot Noir verwandt.

Verkostungen und lebhafteDiskussionen

Der erste Wein des Abends eröffnete die Blindverkostung mit intensiver Frucht und präsenter Struktur. In der Nase zeigten sich deutliche Kirscharomen, begleitet von dunklen Beeren und einer warmen Würze. Am Gaumen wirkte der Wein kräftig, mit spürbarem Tannin und einer Struktur, die ihn für viele zum idealen Begleiter eines Kaminabends machte. Während Sascha Radke zunächst auf Sangiovese tippte, hielten andere Gäste den Wein für „zu feinherb“ oder verorteten ihn stilistisch bei Tempranillo. Auch das Alter wurde unterschiedlich eingeschätzt; einige hielten ihn für deutlich gereifter. Die Auflösung überraschte: ein Bordeaux aus dem Jahrgang 2019, dessen Preis je nach Anbieter zwischen etwa 23 und 27 Euro liegt. In der Diskussion wurde deutlich, wie stark Herkunftserwartungen die Wahrnehmung beeinflussen können.

Der von Florian Moosbauer mitgebrachte Weißwein hatte bereits einige Minuten Luftkontakt, bevor er verkostet wurde. Sascha Radke beschrieb ihn als fruchtbetont mit geschmeidigem Trinkfluss, spürbarem Alkohol und feiner Säurestruktur. Felix Bodmann stellte fest, der Wein starte aromatisch interessant und mit deutlichem Holzeinsatz, verliere jedoch im Abgang an Spannung und wirke für seinen persönlichen Geschmack etwas „seifig“. Aus dem Publikum kamen Einschätzungen in Richtung Weißburgunder, während andere die Vielseitigkeit betonten. Die Auflösung sorgte für Überraschung: ein Silvaner vom Weingut Bischel, Jahrgang 2024, etwa 20 Euro. Florian Moosbauer beschrieb ihn als vielseitigen Essensbegleiter und „Allrounder“, der besonders durch seine Anpassungsfähigkeit zur Speise punktet.

Der dritte Wein des Abends zeigte sich im Glas deutlich als Rotwein und wurde von vielen spontan in Richtung Burgund verortet. Florian Moosbauer nahm einen Pinot Noir aus dem Burgund wahr, jung, mit spürbarem Tannin und klarer Eignung als Essensbegleiter zu Fleischgerichten. Felix Bodmann beschrieb den Wein poetischer: Er lade zu einer Reise ein, beginne mit stabiler Säure, entwickle sich im Mund weiter und zeige fruchtige, zupackende Struktur mit Reifetönen. Er vermutete einen älteren Jahrgang um 2010 und blieb ebenfalls in Burgund. Die Auflösung brachte anerkennendes Staunen: ein deutscher Spätburgunder, Jaspis Alte Reben 2015 vom Weingut Ziereisen. Mit rund 50 Euro pro Flasche wurde er von vielen als würdiges Finale des Abends bewertet.

Die Diskussionen rund um die drei Weine zeigten eindrucksvoll, wie unterschiedlich Wahrnehmungen selbst unter erfahrenen Weinliebhabern ausfallen können. Blind verkostet verschieben sich Erwartungen, Herkunftsbilder lösen sich auf, und der Fokus richtet sich stärker auf Struktur, Aromatik und persönliche Assoziationen.

Wein & Speisen – „süß zu süßpasst nicht“

Ein besonders unterhaltsamer Teil des Abends war das Food-Pairing-Rätsel. Anhand verteilter Rezeptkarten diskutierten Podcaster und Publikum klassische wie überraschende Pairings und stellten dabei immer wieder vermeintliche Weinregeln infrage. Zu einem Rote-Bete-Carpaccio mit Ziegenkäse, Quinoa und Himbeerdressing waren sich viele einig, dass ein Wein mit Restsüße und ausgeprägter Aromatik gut harmonieren könne, etwa ein Grauburgunder. Mutiger fiel die Referenz an eine Empfehlung von „Falstaff“ aus, die einen Wein vom Weingut Pennerstorfer ins Spiel bringen. Bei Kalbsleber mit Spargel und Sauce Hollandaise lautete die Empfehlung ein Sauvignon Blanc aus Franken, frei nach dem Motto: „Schau mir in die Frucht.“ Auch Desserts und vermeintliches Junkfood wurden nicht ausgeklammert. Max Luscher brachte seine klare Haltung auf den Punkt: „Süß zu süß passt nicht.“ Zu Lebkuchen mit Glühwein und Ahornsirup würde er bewusst einen ex-trem trockenen, nahezu knochentrockenen Wein servieren. „Senf im Essen wiederum mache Rotwein schwierig, Pinot Noir könne jedoch eine Ausnahme sein“ ist die Ansicht von Felix Bodmann.

Bei Gerichten wie Döner Kebab oder Hot Dog würde zwar häufig Bier bevorzugt, doch auch Wein könne funktionieren. Genannt wurden Schaumweine, etwa gereifte Bubbles, oder fruchtbetonte, säurestarke Weine wie Sauvignon Blanc, Cabernet oder ein Pfälzer Riesling, um Schärfe und Fett auszugleichen. Zu einem Limetten-Basilikum-Sorbet wurde ein Blanc de Blancs mit feiner Muskatnote favorisiert, während zu Brathering-Forelle mit Kartoffeln und Mayonnaise ein Silvaner empfohlen wurde.

Das Fazit dieses Programmteils: Weinbegleitung folgt weniger festen Regeln als Erfahrung, Neugier und persönlichem Geschmack. Gerade im Dialog mit anderen eröffnen sich neue Perspektiven – und manchmal auch überraschende Lieblingskombinationen.

Noch ein Glas? Ausblick, Austausch & Aha-Momente

Zum Ende des Abends wurde es noch einmal offen, persönlich und überraschend ehrlich. Der Blick ging nach vorn – und der machte Lust auf mehr. Champagnerfans dürfen sich im April auf ein Champagner-Pop-up freuen. Hochwertige Abfüllungen, unterschiedliche Jahrgänge und das Versprechen, dass auch hier wieder diskutiert, gelacht und hinterfragt werden darf. Sascha Radke nutzte die Gelegenheit, um das Publikum direkt einzubinden und stellte Fragen, die Weinliebhaber bestens kennen: Was passiert eigentlich nach einer Probe – wird gekauft oder nur genossen? Und was ist einem ein gutes Verkostungserlebnis wirklich wert? Die Antworten zeigten schnell: Hier sind Menschen, die Wein nicht als Nebensache verstehen, sondern als Leidenschaft.

Mit einem Augenzwinkern ging es weiter zum Thema private Weinkeller. Große Bestände, volle Regale und die leise Erkenntnis, dass man manchmal mehr sammelt als trinkt. Sascha Radke nahm sich selbst nicht aus und berichtete schmunzelnd davon, gerade dabei zu sein, den eigenen Bestand mit rund 25.000 Flaschen zu verkleinern. Dass solche Dimensionen auch in Oberursel keine Seltenheit sind, bestätigten Geschichten über regionale Weinkeller mit echten Schätzen.

Den Abschluss bildete die beliebte „Ask us anything“-Runde. Fragen aus dem Publikum reichten von der Sinnhaftigkeit unterschiedlicher Gläser je Jahrgang über mehr Fokus auf Ortsweine bis hin zu sehr menschlichen Themen wie der Frage, warum man Wein oft lieber kauft als öffnet. Auch mögliche Kooperationen mit anderen Podcast-Formaten wurden locker in den Raum gestellt.

Die Erkenntnis, die Jeder mit nach Hause nahm: Jeder Weinkeller braucht ein „Muss-weg-Regal“. Große Weine dürfen reifen – aber man sollte nie den richtigen Moment verpassen, sie auch tatsächlich zu öffnen.

Florian Moosbauer und Sascha Radke diskutieren die erste Blindverkostung (v. l.).

Weinkenner Max Luscher probiert und lauscht den Worten von Florian Moosbauer.

Die Auflösung der ersten Blindverkostung, die Felix Bodmann dabei hatte.Foto: sis

Den krönenden Abschluss hatte Sascha Radke im Gepäck.Fotos: sis

Kaffeebohnen ab sofort erhältlich im Cafè „coffee brownies & downies“Fotos: sis

Ein gelungener Abend in Oberursel mit Felix Bodmann, Max Luscher, Florian Moosbauer und Sascha Radke (v. l.)Foto: sis

Weitere Artikelbilder



X