Oberursel. „Die Musik entstand in einer Zeit voller Sorge und Dunkelheit, aber auch voller Hoffnung und Zuversicht. Sie wird auch heute zu einer eindringlichen Kraft für uns alle“, so Pfarrer Rainer Göpfert in seiner Begrüßung, in der er an diesem Palmsonntag allen eine schöne Osterzeit wünschte.
Joseph Haydn komponierte die Nelsonmesse, eigentlich Messe der Bedrängnis, In Angustiis genannt, im Jahr 1798. Es war die elende Zeit der napoleonischen Kriege in Europa, die Leid und Zerstörung unter die Menschen brachten. Haydn widmete dieses Werk dem großen britischen General Horatio Nelson als Zeichen seiner Verehrung, das kurz nach Fertigstellung in der Stadtpfarrkirche in Eisenstadt uraufgeführt wurde. Die Legende sagt, dass Haydn, als er vom Sieg Lord Nelsons über Napoleons Flotte in der Schlacht von Abukir im August 1798 erfuhr, Trompetenfanfaren in das Benedictus einfließen ließ – eher ungewöhnlich für eine Messkomposition! Angst und Not durchdringen düster und nachdenklich in d-Moll viele Passagen, doch ist auch die heitere Klangwelt hörbar: Das „Gloria“ und „Sanctus“ strahlen in freudigem D-Dur. Die Kantorin Gunilla Pfeiffer, die nach ihrem Studium der Kirchenmusik seit 2007 in Oberursel tätig ist und bereits mit großen Oratorien, unter anderem mit Bachs h-Moll-Messe, begeisterte, meisterte diese musikalische Herausforderung am Palmsonntag in der wunderschönen Christuskirche und brachte die hundertjährige evangelische Kirche zum Leuchten. Gerade in Zeiten von Krieg und Weltkrisen, die viele Menschen heute beunruhigen, schenkte diese prunkvolle Messe Freude und Trost. Die ausgezeichneten Solisten Liselotte Fink (Alt), Fabian Kelly (Tenor) und Anton Förster übersetzten die wortmächtigen Kompositionen in betörenden, eindrucksvollen Gesang, von dem sich die Zuhörer gern zur Hoffnung verführen ließen. Über allem schwebte der mühelose und doch eindringliche Sopran von Simone Schwark, die wie ein Engel, Vermittlerin zwischen Himmel und Erde, den Zuhörern erstklassigen, zu Herzen gehenden Lobgesang darbrachte. Der Chor der Evangelischen Kantorei Oberursel erhob die Stimmen zu einem gewaltigen, differenzierten Klangerlebnis, das von leiser Traurigkeit zu volltönender, ja jubelnder Zuversicht changierte.
Die Kammerphilharmonie Rhein-Main, gegründet von Geiger Holger Pusinelli, erzeugte mit Pauken und Trompeten eine kraftvolle Musik, die ihren akustischen Höhepunkt im „Benedictus“ fand, sozusagen der Musik gewordene Triumph Nelsons. Im „Agnus Dei“ alternierten die Solisten mit leiseren Tönen und fast gehauchten Flehgebeten des Chores, um dann noch einmal in mächtigen Jubel auszubrechen mit der Bitte um Erbarmen. Der verspielte Schlusssatz „Dona nobis pacem“ drückt den innigsten Wunsch vieler Menschen aus: „Herr, gib uns Frieden!“ Der Applaus war frenetisch, die Leistung aller Musiker wurde vom Publikum lautstark honoriert.
Auch in Bachs beliebtester Solo-Kantate „Ich will den Kreuzstab gerne tragen“ von 1726, in der Anton Förster der Todessehnsucht mit seiner ausdrucksvollen Bassstimme ernst und demütig Ausdruck verlieh, scheint der Mensch verloren. „Betrübnis, Kreuz und Not“, wie Wellen mit „wütenden Schäumen“, bringen das Schiff des Lebens zum bedrohlichen Schwanken. Der Tod ist hier Trost, verspricht Ruhe und ein Wiedersehen mit Jesus. Der gewaltige Schlusschoral „Komm, o Tod, du Schlafes Bruder“ übertönt das innere Hadern mit Gott und der Welt. Die Hymne von Mendelssohn „Hör mein Bitten“ für Solosopran, Chor und Orgel von Natalia Koschkareva aus dem Jahr 1844 ist ein sehr inniges persönliches Gebet für den Beistand des Herrn in der Einsamkeit, das der Todesfurcht Flügel entgegensetzt: „O könnt ich fliegen wie die Tauben“.
Glücklich, wer dieses herausragende Konzert am Palmsonntag erleben durfte. Die Christuskirche bot einen wunderbaren Ort für die innere Einkehr, an dem schönste Musik erklang, in bester Harmonie von unterschiedlichen Künstlern – und das alles mitten in Oberursel, direkt um die Ecke! So gilt die Hoffnung nicht nur dem Frieden auf Erden, sondern auch, dass die Musik ewig so weiterklingt. Amen!
Konzertante Abendandacht
„Magnificat der Engel“ von Gunther Martin Göttsche mit dem evangelischen Jugendchor am Samstag, 25. April, um 18 Uhr in der Evangelischen Christuskirche Oberursel


