Helfen erleben statt nur darüber reden

Blick hinter die Kulisse: Zum Tag der offenen Tür präsentiert sich die Rettungswache mit ihren Rettungswagen.Foto: Louw

Oberursel (al) – Das Deutsche Rote Kreuz, DRK, hat in Oberursel eine neue Bleibe gefunden. Nach Jahren der Suche und des Wartens bezogen die Rettungswache und der DRK Ortsverein Oberursel im Sommer dieses Jahres den neuen Standort und luden nun am vergangenen Samstag, den 26. September, zur feierlichen Einweihung ein. Die Einweihung fand im Rahmen eines Tages der offenen Tür statt.

Das Deutsche Rote Kreuz hatte zuvor seine Räumlichkeiten in der Marxstraße. Der Umzug in die neuen Räumlichkeiten der Rettungswache und des DRK Ortsvereins Oberursel, Hammergarten 1, sollte nun gebührend gefeiert werden. Johannes Mildenberger eröffnete in der neuen Fahrzeughalle, in der nun Tische und Bänke bereitstanden, den Tag der offenen Tür. Zur Feier des Tages durfte das DRK zahlreiche Ehrengäste begrüßen, unter anderem auch Vertreter und Vertreterinnen der Feuerwehr und der Polizei Oberursel.

Auf ins neue Land

Die Suche nach einem neuen Grundstück für das DRK hatte sich als überaus schwierig herausgestellt, erklärte Jürgen Banzer, Präsident des DRK Kreisverbands Hochtaunus. Er freue sich darüber, dass er diese Eröffnung miterleben dürfe und sei sich sicher, dass es viele gebe, die nicht mehr an eine Verwirklichung des Projektes geglaubt hätten.

Stefan Ruppert, Vorsitzender der Ortsvereinigung Oberursel, erklärte: „Ich bin 1991 Zivildienstleistender beim Roten Kreuz gewesen und hab damals die Gebäude der Marxstraße kennengelernt und als ich dorthin kam, sagte man mir, muss man sich nicht unbedingt merken, das ist bald weg.“ Danach habe man mehrere Grundstücke besichtigt, doch sei immer wieder auf Hürden in der Planung gestoßen, insbesondere die Rettungsfrist von 10 Minuten sei ein Problem gewesen.

Ebenso begeistert zeigte sich Bürgermeisterin Antje Runge, die von ihrem ersten Besuch in den ehemaligen Räumlichkeiten erzählte: „Vor meinem Amtsantritt habe ich mir in der Marxstraße die Räumlichkeiten angeguckt und ich war echt geschockt.“ In den Räumen hätte es Stützen gegeben, damit das Dach nicht runterkäme und „der Jugendraum sah aus wie von 1950“. Deshalb habe sie nach Amtsantritt die Suche nach einem geeigneten neuen Standort zur Chefinnensache gemacht. Besonders erfreut sei sie auch darüber, dass Männer und Frauen im Ehrenamt und im Hauptamt des DRK aktiv sind.

Ehrenamt ist Ehrensache

Stefan Ruppert zitierte den SOS-Kinderdörfer-Gründer Hermann Gmeiner: „Alles Große in der Welt geschieht nur, weil jemand mehr tut, als er muss“. Er betonte, dass eine Gesellschaft nicht funktionieren würde, sollte jeder nur den eigenen Vorgarten pflegen. Diese Gesellschaft funktioniere nur, weil zahllose Menschen etwas beitragen und etwas für andere erledigen würden, ohne eine Gegenleistung zu verlangen. Stefan Ruppert hob in seiner Ansprache auch die vielen jungen Menschen hervor, die beim DRK aktiv mithelfen und nicht fragen würden: „Was kriege ich dafür? Warum muss ich das machen?“ Mit der neuen Rettungswache sei ein Ort entstanden, wo Dienst an der Gemeinschaft geleistet wird.

Die neue Rettungswache könne als Chance dafür gesehen werden, junge Menschen fürs Ehrenamt anzusprechen, meinte Landrat Ulrich Krebs. Es sei wichtig, dass das Ehrenamt gute Arbeitsbedingungen vorfindet, da auch eine große Konkurrenz mit kommerziellen Angeboten bestehe. Norbert Södler, Präsident des DRK-Landesverband Hessen, erläuterte, dass es in Hessen knapp 400 Ortsvereine gebe und der Ortsverein Oberursel zu den größeren und aktiveren gehöre. Deswegen sei eine solche Unterkunft wie die neue Rettungswache eine Art der Wertschätzung.

Zurück in die Zukunft

Dass der Bau der neuen Rettungswache noch vor der Gesundheitsreform fertiggestellt werden konnte, sei wichtig, erklärt Landrat Ulrich Krebs. Die bevorstehende Gesundheitsreform würde die Investitionen, die in solch eine Wache fließen, nicht einfacher machen. Referent Hendrik Vollbracht vom Hessischen Ministerium für Gesundheit und Familie fasste Herausforderungen ins Auge: „Da kommen viele Herausforderungen auf uns zu, steigende Einsatzzahlen, bestehender Personalmangel, das sind Dinge, an denen gearbeitet werden muss.“ Die Hessische Landesregierung arbeite gerade an der Umsetzung einer großen Krankenhausreform. Der Bund plant auch eine Notfallreform und hat Sparmaßnahmen angekündigt. Hendrik Vollbracht betonte, dass das hessische Gesundheitsministerium sich gegenüber dem Bund dafür einsetzen würde, dass auch in Zukunft alles finanzierbar bliebe.

Die offizielle Eröffnung wurde mit einem symbolischen Banddurchschnitt, bei dem zum Schneiden des roten Bandes eine spezielle Rettungsschere verwendet wurde, abgeschlossen.

Ein abwechslungsreiches Programm

Neben den ernüchternden Worten zur aktuellen Lage des Gesundheitssystems und zur wichtigen Bedeutung des Ehrenamts kam die Freude über die neue Rettungswache nicht zu kurz. Bei Crêpes, Flammkuchen, Bratwürsten, Pommes und Getränken genossen die Gäste die neue Atmosphäre vor der Wache. Die Kinder erfreuten sich an Glitzertattoos, einer Hüpfburg in Form eines Rettungswagens und bastelten kleine Rettungshelfer. Gespannt lauschten sie außerdem dem Kamishibai Erzähltheater.

Wer einmal hinter die Kulissen der neuen Rettungswache schauen wollte, hatte bei einer Führung durch das Gebäude die Möglichkeit dazu. Diese Chance ließen sich die Besucher nicht entgehen. Bereits die erste Führung lockte zahlreiche Besucher, sodass in zwei größeren Gruppen durchs Haus geführt wurde. Außer den Ruheräumen, Sozialräumen, Umkleiden und Lehrräumen präsentierte Matthias Stange auch die Maßnahmen, die nach einem Transport mit Infektionsgefährdung ergriffen werden: Von der Garage führt der Weg durch eine Schleuse in das Hauptgebäude. So werden in einem Vorraum Kittel, Handschuhe und Maske abgelegt, dann geht es durch die Dusche weiter, wo bereits frische Kleidung bereitgestellt wird. Der Rettungswagen wird in der Garage grundgereinigt und desinfiziert.

Die Kosten für den Bau des neuen Standorts für den Ortsverein und die Rettungswache beliefen sich auf 5,5 Millionen Euro. Aufgrund der hohen Kosten musste jedoch an einigen Ecken gespart werden, so beispielsweise am Aufzug, der nur in die erste Etage fährt, wodurch die zweite Etage nicht barrierefrei ist. Auch bei der Photovoltaikanlage, die den Bereich der Hauptamtlichen-Bereich der Wache autark versorgen kann, wurde gespart – durch das Fehlen eines Energiespeichers, der beispielsweise nachts die benötigte Energie liefern könnte. Besonders deutlich wurden die hohen Kosten auch durch das Beispiel eines professionellen EKG-/Defibrillator-Gerätes, welches zur Grundausstattung der Rettungswagen gehört. Hier liegt der Neupreis bei rund 30.000 Euro, dazu kommen jährliche Prüfkosten.

Auf der Straße vor der Wache präsentierte sich zudem die Bergwacht Großer Feldberg und das DRK zeigte seine Drohne, seine Quadbikes und ein mobiles wetterfestes Einsatzzelt, das als Sanitätsstation verwendet werden kann.

Als Highlight des Tages der offenen Tür erwies sich außerdem die Einsatzübung, die den Gästen den Ernstfall veranschaulichte. Mit Spannung verfolgten Klein und Groß anhand des Beispiels eines Herzstillstandes, wie ein Einsatz abläuft: Zuerst wird jemand auf die hilfsbedürftige Person aufmerksam, schaut nicht weg und wählt die 112. Während auf Unterstützung gewartet wird, beginnt der Ersthelfer mit der Herzdruckmassage. Abgelöst wird er von sogenannten Katrettern, die zufällig in der Nähe sind und parallel zur Rettungsleitstelle über eine App alarmiert wurden. Diese Katretter führen lebensrettende Sofortmaßnahmen durch, bis der Rettungsdienst eingetroffen ist und übernehmen kann.

Diese Übung, die von Auszubildenden des ersten Lehrjahrs vorgeführt wurde, veranschaulichte die unglaubliche Leistung, die Ersthelfer, Rettungsdienst und Notarzt im Alltag aufbringen müssen. Gleichzeitig fungierte die Übung als Appell ans Publikum: Johannes Mildenberger betonte, dass nicht weggeschaut werden sollte und hob die Möglichkeit hervor, beim DRK einen Erste-Hilfe-Kurs zu absolvieren.

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