„Irgendwann kamen die nicht mehr an uns vorbei“

Mitgründerin des Vereins „Frauen helfen Frauen“, Hildegard Calmano, mit Claudia Rinn und Carla Horstkamp (v. l.), die die Beratungs- und Interventionsstelle heute leiten. Foto: js

Oberursel (js). Vor 40 Jahren wurde aus einer losen Initiative der Verein „Frauen helfen Frauen“ gegründet, es war der Beginn des offenen Kampfes gegen die Willkür häuslicher Gewalt. Seit 1985 finden Frauen und Kinder, die von häuslicher Gewalt bedroht oder betroffen sind, Schutz und Hilfe im Oberurseler Frauenhaus. Das Haus ist fast immer voll belegt, die Zahlen in den Jahresberichten des Vereins „Frauen helfen Frauen“ weisen das aus. Im vergangenen Jahr haben 38 Frauen und 24 Kinder die Zuflucht in Anspruch genommen, bei insgesamt 5835 Übernachtungen ergibt sich rechnerisch eine durchschnittliche Auslastung von 76 Prozent. Die Statistik trügt ein wenig, durch Corona konnten die elf Zimmer mit 21 Plätzen nicht immer voll belegt werden. Anfang September wird es eine interne Feier zum runden Geburtstag geben.

Häusliche Gewalt hat viele Gesichter. Sie kann leise sein und sich als Drohung aufbauen, mal ist sie diffus, oder sie drückt sich in körperlicher Machtdemonstration aus. Physische häusliche Gewalt überschreitet dann sichtbar Grenzen, die sie zuvor schon in anderer Form überschritten hatte, ohne Wahrnehmung von außen. Es ist das Dilemma, dass die Angst vor der Gewalt in Schweigen mündet, das oft auch noch Schweigen bleibt, wenn aus der Drohung körperliche Gewalt geworden ist. „Die Macht der Männer ist die Geduld der Frauen.“ Im Frankfurt der 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts tobte der Kampf um Gleichberechtigung, als das „Gewalt-Thema rüber schwappte“, wie es Hildegard Calmano heute nennt, und jener Satz eine besondere Bedeutung bekam. Durch das Studium der Sozialarbeit und Aktivitäten der damaligen Frauenbewegung motiviert, fand Hildegard Calmano zu einer Initiative, die ein Frauenhaus im Hochtaunuskreis einrichten wollte. Sie wurde zur Mitgründerin des Vereins „Frauen helfen Frauen“, ein Mann war auch dabei.

14 Frauen und ein Mann, sie waren die Keimzelle, die ein Thema nach außen tragen wollten, das lieber verschwiegen oder einfach ignoriert wurde. „Gibt’s ja nicht hier, im gut situierten Hochtaunuskreis.“ So haben es diejenigen gerne formuliert, die in der ersten Öffentlichkeitsarbeit Adressaten von Flyern und Plakaten, in der Presse und in den politischen Ausschüssen von Bad Homburg, Oberursel und des Kreises waren. Ein vorsichtiger Kampf gegen das Patriarchat und gegen strukturelle Gewalt in Behörden, Justiz und Polizei. Denn so haben es die erlebt, die nicht mehr die Augen verschließen wollten vor alltäglicher häuslicher Gewalt, die euphemistisch als „Familienstreitigkeit“ unter den Teppich gekehrt wurde. Die Zielrichtung war deutlich, so Hildegard Calmano: „Wir wollten ein autonomes Frauenhaus, frei von Hierarchien im Verein und im Team, ohne inhaltliche Beeinflussung von Behörden und möglichen Geldgebern.“ Und keine ungebetenen Besucher, welcher Art auch immer.

Es bedurfte vier Jahre „Überzeugungsarbeit“ in einem „spannenden Prozess“, in dem die Forderung an Kreis und Kommunen nach einem Frauenhaus nicht mehr von der Agenda zu streichen war. Calmano: „Irgendwann kamen die an uns nicht vorbei.“ Eine erste Beratungsstelle in der Dornbachstraße wurde eröffnet, ab diesem Zeitpunkt gab es dokumentierte Zahlen. Vermehrt wurden inhaltliche Diskussionen geführt, Vernetzung auf vielen Ebenen war das Ziel, das Schweigen sollte ein Ende haben. Gut sichtbar schließlich die Beratungsstelle am Marktplatz direkt vor den Marktständen ab 1990, der Umzug an den heutigen Bürostandort in der Oberhöchstadter Straße mit Beratungsräumen erfolgte 2013. Carla Horstkamp, Diplom-Sozialwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Sozialarbeit und Psychologie, die Expertin für Beratung und Sozialrecht Claudia Rinn und eine weitere Kollegin leiten die Beratungs- und Interventionsstelle heute, die erste Anlaufstelle für Frauen in Konflikt- und Notsituationen.

Der letzte Druck auf die Stadt- und Kreispolitik war nachhaltig, der Verein selbst beschloss Ende 1984 in die Offensive zu gehen, ein Haus privat anzumieten, weil die politischen Ebenen sich nicht wirklich willig zeigten. Das Haus war sofort voll, sechs Bewohnerinnen mit 13 Kindern schon im ersten Monat, ein kleines Büro für den Verein im Keller. „Sehr beengt für alle, aber doch der Sprung in ein neues Leben“, wie es Carla Horstkamp beschreibt. Auch für eine Frau mit vier Kindern, die sehr lange mit 16 Quadratmeter Wohnfläche auskommen musste. Für viele war es eine lange währende Zuflucht, bis zu drei Jahre Leben im geschützten Exil.

In der Nachbarschaft entstand prompt eine Bürgerinitiative, die das Frauenhaus verhindern wollte, Angst vor „der Szene aus Frankfurt“. Die Nachbarn wurden eingeladen, es wurden Gespräche geführt, die Offensive kam gut an. Für Hildegard Calmano eröffnete sich nach vier Jahren ehrenamtlicher Arbeit mit der Eröffnung des Frauenhauses die Chance einer bezahlten Anstellung im Verein, Professionalisierung mit offiziell zehn Stunden wöchentlich, die restlichen Stunden bleiben ungezählt. Erstmals gab es Landesmittel für Frauenhäuser, der Hochtaunuskreis und einige Kommunen sagten Zuschüsse zu. Damit konnten vier Teilzeitstellen und zwei Honorarkräfte für die Kinderarbeit finanziert werden. Das Erste Frauenhaus wurde gespendeten Möbeln eingerichtet, alles wurde von Vereinsmitgliedern beschafft und aufgebaut. Der Zutritt war nur Bewohnerinnen und Mitarbeiterinnen gestattet. Ein Vertrag über feste und konstante Zuschüsse seitens der Kommunen wurde erst zehn Jahre später geschlossen. Ein Stück finanzielle Sicherheit, eine ausreichende öffentliche Finanzierung gibt es bis heute nicht. Nach wie vor sind die Frauen, die Frauen helfen, auf Spenden angewiesen, rund 40 Prozent erbringt der Verein aus Eigenmitteln, so Claudia Rinn. Informationen gibt es im Internet unter www.frauenhaus-oberursel.de.



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