Kastanienfest in der Nassauerstraße

Oberursel (ow). Erstmalig luden die Bürgerinitiativen rund um die Adenauerallee in Oberursel zum Kastanienfest in die Nassauerstraße ein. Unter den hohen Kastanien, die vom Durchstich der Nassauerstraße Richtung Weingärten bedroht sind, feierten im Laufe des Nachmittags des 27. September etwa 500 Menschen die alten Kastanien und informierten sich beim BUND Ortsverband Oberursel / Steinbach über die Argumente, die gegen den Neubau einer mehrspurigen Straße an diesem Begegnungsort sprechen.

Der BUND Ortsverband hatte gemeinsam mit den Bürgerinitiativen rund um den Bahnhof, Lindenstraße und Aumühlenstraße sowie engagierten Bürgern Oberursels als auch der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, Pavillons aufgestellt und stark vergrößerte Originalkarten aus den Unterlagen des Bebauungsplans Durchstich Nassauerstraße aufgehängt. Bei Getränken und Kuchen wurden Argumente erörtert und alle Fragen beantwortet. Beim Glücksrad-Ratespiel konnten die eigenen Kenntnisse zum Bebauungsplan Nr 271 – Durchstich Nassauerstraße mit viel Spaß überprüft werden. Das Wassermodell verdeutlichte, warum Bäume im Siedlungsbereich und im Wald so wirkungsvoll gegen Hochwasser sind und warum weitere Versiegelung die Probleme einer Stadt verschärfen.

Um zu verdeutlichen, wie gravierend der Eingriff für Mensch und Natur an dieser Stelle sein wird, hissten die Organisatoren ein neun Meter langes rotes Banner an einer Kastanie.

Neun Meter tief ist die geplante Ausschachtung, um die Straße auf das Niveau des bestehenden Schienenverlaufs abzusenken.

Ein weiteres Maß, das die Besucher erstaunte: sieben Meter hoch müsste eine Lärmschutzwand sein, um den Lärm abzuschirmen, der von KFZ-Verkehr ohne Geschwindigkeitsbeschränkung stammt. Vier Meter müsste die Lärmschutzwand, die sich über mehr als 120 Meter erstreckt, hoch sein, um Verkehrslärm um die 30 Kilometer pro Stunde abzuschirmen.

Die Anwesenden besuchten die zwei Führungen unter der Leitung der Biologin Dr. Claudia von Eisenhart Rothe an die Bachaue des Mühlgrabens an der bereits vor Jahren abgerissenen Brennersmühle. Sie verdeutlichte den Besucher*innen, wie gravierend der Einschnitt und die Zerschneidungswirkung diese Straße für Oberursel sein werden. Noch vollkommen unklar sei, wo die Baustelleneinrichtung sein werde. Sie befürchte Gefahr für die Aue und die sehr alten Kastanien dort.Der Verlust der gesamten Kastanienbäume und des sich anschließenden Grüngürtels als Pufferzone zur Bahnlinie und zur angrenzenden Maximalbebauung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, so die Biologin.

Für die Bürgerinitiative betonte Susanna Eiermann, wie sehr die Anwohner befürchten, dass die Menschen in Oberursel nicht verstehen, dass dieses Großprojekt sehr viele Menschen betreffen wird: „Überall gibt es Programme für „unsere Stadt soll schöner werden“ und wir in Oberursel machen hier „unsere Stadt soll hässlicher werden“. „Wenn Besucher aus dem Bahnhof kommen, werden sie von einer mehrspurigen Straße und keinem Grün mehr empfangen. Der Autoverkehr – 18 000 Autos pro Tag werden vorhergesagt – wird die Stadt in zwei Teile teilen.“

Der Bereich Richtung Friedhof wird nicht mehr fußläufig ebenerdig erreichbar sein. Der ADFC hatte auf seiner Klimatour im Rahmen der Klimatage einen Halt am Kastanienfest eingelegt und bekam einen Kurzvortrag an der Originalkarte der geplanten Trasse.

Ulrike Heitzer-Priem, Vorsitzende des ADFC, wies darauf hin, dass die Radwegeführung vollkommen unklar ist –„ wollen wir unsere Kinder entlang der Lärmschutzwand beengt zur Schule von Stierstadt zum GO schicken? Dieser Radweg ist einer der am stärksten frequentierten.“

Die Koalition aus CDU, SPD und OBG hat erst kürzlich gemeinsam dafür gestimmt, diese anachronistischen Pläne erneut aus der Schublade zu ziehen und die Planung dieser Straße weiter zu verfolgen. Bislang sind 250 000 Euro im städtischen Haushalt dafür vorgesehen, um die nächsten Planungskosten zu zahlen. Die Baukosten werden auf etwa 24-28 Millionen Euro geschätzt (Stand 10.2025)

Der BUND, die SDW und die Bürgerinitiativen stemmen sich dagegen und setzen auf Aufklärung und faktenbasierte Argumentation. Die bisherigen Gutachten sprechen eine deutliche Sprache: die Maßnahme wird nicht empfohlen.

An alle Unterstützer gerichtet erging die Bitte die Petition gegen den Bebauungsplan 274 Nassauerstraße bei change.org weiter zu bewerben. Das Interesse am Erhalt der Kastanienallee in der Nassauerstraße ist sehr groß: Besucher aus Kronberg, die häufig einen Flohmarkt-Stand unter diesen Kastanien betreiben, waren genauso anwesend, wie Anwohner der Oberhöchstädterstraße, die nach Studium der Unterlagen gesehen haben, dass der Verlust der Allee eine mögliche leichte Verkehrs-Entlastung an der Oberhöchstädterstraße bei weitem überwiegt .

Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten, so von Eisenhart Rothe: Eine drei- vierspurige Straße wird sehr viel Verkehr in die angrenzenden Straßen ziehen, da dadurch eine direkte Verbindung zwischen Bad Homburg und Oberhöchstadt entsteht. Dadurch wird auch nach einer gewissen Zeit in der Oberhöchstädterstraße Verkehr angezogen werden.

„Diese Zerschneidung der Stadt wird dem Handel in der Innenstadt noch mehr Schaden zufügen: Nun können Menschen einfach an Oberursel vorbeifahren und zwischen den beiden attraktiven Städten Kronberg und Bad Homburg pendeln“, so ein Besucher des Kastanienfestes.

Immer wieder wurde die Frage gestellt: „Wer profitiert denn nun wirklich von dem Bau dieser Straße?“ Dies konnte niemand beantworten, „weil alle verlieren“, so die einhellige Meinung auf dem Kastanienfest. Die Umweltverbände fordern nun, in der Kastanienallee Kastanienbäume nachzupflanzen und am Ende der Allee den beliebten Kinderspielplatz wieder einzurichten. Viele der Anwesenden kannten den beliebten Spielplatz unter dem Schatten der Bäume. „Hier haben meine Kinder Fahrradfahren gelernt“ erzählte eine Besucherin. Eine andere: „Warum verstehen die Menschen nicht, warum dieser Bereich hier so wertvoll ist?“

Die Organisatoren laden zur Podiumsdiskussion am Freitag, 5. Dezember, in das Café Windrose ein. Um 19.30 Uhr werden sich unter dem Titel: „Farbe bekennen: Braucht Oberursel den Durchstich Nassauer Straße?“ Vertreter der Kommunalpolitik, die im März 2026 zur Wahl stehen, den Fragen der Bürgerinitiativen stellen und miteinander diskutieren.

Roter Banner. Fotos: BUND

Interessierte beim 9 Meter roten Banner.

Eine naturnahe Aue ist auch bedroht.

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