Oberursel (js). Der Platz für den „Friedenskulturtag“ war gut gewählt. Im oberen Bereich bietet das Naturdenkmal Kaisereiche, die auch „Friedenseiche“ genannt wird, am heißen Spätsommersonntag Menschen aller Altersgruppen Schatten. Weiter unten bei der großen Atlas-Zeder, einst zu Ehren von Kaiser Wilhelm und seiner Gattin gepflanzt, steht das Kriegerdenkmal. „Zum Gedächtnis an den ruhmvollen Krieg Deutschlands mit Frankreich“ 1870/71. Mit den Namen von den „Söhnen der Stadt“, die in diesem Krieg ihr Leben verloren haben. „Deutschland wehre dich, ansonsten bist du verloren“ steht auf der schwarz-weiß-roten Fahne mit dem Eisernen Kreuz, die nur an diesem Tag vor dem Denkmal weht. Mit Blick auf das Denkmal mit dem Adler obendrauf wird die Bürgermeisterin im Verlauf des Nachmittags bei ihrem Grußwort Willy Brandt zitieren: „Der Friede ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts.“ Auch in Oberursel werde „der Ton schärfer“, so Antje Runge, „so etwas wie früher darf hier nie wieder kommen, und nie wieder ist jetzt“.
Immer wieder nutzt das Friedensbündnis Oberursel, einmal mehr Veranstalter des Friedenskulturtages zum Ende des „Orscheler Sommer“, das Umfeld des Denkmals für Aktionen und Veranstaltungen, bei dem es um sein Kernanliegen geht. Eine junge Friedenslinde hat das Bündnis 2021 knapp neben das umstrittene Denkmal gepflanzt, andere Plätze im Park erinnern an Aussöhnung und neue Partnerschaften. Alle Jahre wieder pflanzt Gärtner und Bündnismitglied Robert Kommraus vor dem Denkmal Blumenzwiebeln, wenn die Pflanzen aufblühen, formen sie das Peace-Zeichen. Am Sonntag stieg Robert Kommraus in einen Zinksarg und wird später wieder ausgebuddelt. Die Laienspielgruppe des Bündnisses zeigt Berthold Brechts „Legende vom toten Soldaten“ und zieht damit auch reichlich zufällig vorbeikommendes Publikum an. Das gespielte makabre Gedicht vom Soldaten, der den Heldentod für sein Vaterland gestorben ist und trotzdem wieder in den Krieg geschickt werden soll, weil die Militärärzte, die ihn ausbuddeln, für wehrtauglich und bereit für den nächsten Krieg erklären, wird kurzzeitig zum Mittelpunkt des Friedensfestes. Nicht alle Besucher aber können oder wollen die Einbindung in das Stück mittragen, das Volk zu spielen, das in einem grotesken Maskenzug Kaiser und Militär fraglos und bedingungslos mit „Hurra“-Rufen in den nächsten Krieg folgt. Von der „Front“ zum „Jenseits“ sind es nur ein paar Meter, zwei Theater-Schilder zwischen Denkmal für die Toten und der Atlas-Zeder machen das deutlich.
Gerda Hoffmann und Helmut Lind haben den letzten großen, furchtbaren, unmenschlichen Krieg in Deutschland miterlebt und überlebt. Als Zeitzeugen hatte das Friedensbündnis sie eingeladen, der langjährige Gewerkschaftssekretär Harald Fiedler saß als Moderator mit auf der kleinen Bühne, auf der auch die Musiker auftraten, unter anderem Franz Gajdosch, der seit Jahrzehnten seine Friedenslieder zu Gehör bringt. Am lauschigen Sonntagnachmittag zwischen Zeder und Eiche und den noch jungen Kastanien am Rand der Allee blieben die Dramen des Krieges aber verschlossen, die Erzählungen der 97-jährigen Sozialdemokratin und Gewerkschafterin Hoffmann und des 90-jährigen Oberurselers Lind beschränkten sich auf die Erlebnisse an den letzten Kriegstagen vor dem Einmarsch der Amerikaner am Karfreitag 1945, der seitdem als Tag der Befreiung gilt.
Eine Seite des Krieges, die auch 80 Jahre nach dessen Ende noch schmerzt, die Zeugnisse gestohlener Erinnerungen, sind in einem dunkelblauen Übersee-Container mit orangefarbenen Innenwänden gesammelt. In einem nackten Raum der „Arolsen Archives“, dem weltweit zentralen Dokumentationszentrum mit Blick auf die Schicksale von NS-Verfolgten, von KZ-Häftlingen und die Suche nach ihren Familien. Im Mittelpunkt Bilder und Geschichten, von ehemaligen KZ-Häftlingen, von Menschen und ihren persönlichen Gegenständen, „StolenMemory“. Im Container ist es trotz der weit aufgeklappten Seitenflächen still, die Feiermusik entrückt in eine andere Welt. „#StolenMemory“ ist Erinnerungskultur im öffentlichen Raum, mitten in der Stadt, zu sehen und zu hören als Hilferuf noch bis zum 17. September täglich von 10 bis 18 Uhr.
Robert Kommraus im Stück „Der tote Soldat“, der aus dem Grab geholt wird.Foto: js
Die „Legende vom toten Soldaten“, inszeniert im Adenauer-Park mitten in der Stadt.Foto: js

