Oberursel feiert den Radsport-Feiertag und Degenkolb verlängert

Christopher Sura aus München mit Freundin Annika, eine von 1.800 Frauen, die beim Radrennen am 1.Mai teilnahmen - noch voller Energie in Oberursel.Foto: sura

Oberursel (sis). Als John Degenkolb durch Oberursel rollt, gibt es kein Halten mehr. Applaus brandet auf, Kinder jubeln, Smartphones gehen hoch. Für einen Moment gehört der Marktplatz nur ihm. Der 37-Jährige liefert direkt vor dem Start des Klassikers Eschborn-Frankfurt – einem der wichtigsten deutschen Rennen im internationalen Kalender – die Nachricht des Tages gleich mit: Er macht weiter. Noch ein Jahr. Noch ein Angriff. „Ich werde heute nicht das letzte Mal hier fahren.“ Ein Satz, der sitzt. Und der an diesem Ort noch einmal mehr bedeutet. Der Sieger von Mailand–San Remo und Paris–Roubaix ist längst mehr als nur ein Profi – er ist eine der prägenden Figuren des deutschen Radsports.

12.000 Starter – Rekord

Bestes Frühlingswetter, als der Taunus zur Rennstrecke wird und die Region zur Fanmeile. Neben den rund 150 Profis sind es vor allem die vielen Hobbyfahrer, die diesen Tag prägen. Vom ambitionierten Amateur bis zum Genussradler, von jung bis alt. Männer und Frauen, Einsteiger und Erfahrene. Bei diesem Radrennen will Christopher Sura vor allem sein neues Rennrad testen. Die Tour, quer durch seine „gesamte Heimat“, „hat mich bewegt und motiviert. Die Familie hat mich am Straßenrand angefeuert, das war super!“ Anfangs waren sie noch im Pulk unterwegs, doch dann merkte er, dass sein Puls viel zu schnell war und er „runterfahren“ musste, denn Feldberg und Mammolshainer Stich lagen noch vor ihm. Dort putschte ihn die „Anfeuerrunde“ auf, jeder Fahrer wurde mit Namen angefeuert. Am Anfang war die Unsicherheit groß, doch dann war er begeistert von rücksichtsvollen „Mitfahrern“ und einer sehr guten Organisation mit einwandfreier Kennzeichnung – sogar vor Schlaglöchern wurde gewarnt. Seine beflügelnde Erfahrung auf den 100 Kilometer für die er sich angemeldet hatte: „Es geht doch!“ Genau diese Mischung macht den Reiz des Rennens aus: Weltklasse und Breitensport, Seite an Seite.

In Oberursel fühlt sich das Ganze eher an wie ein Straßenfest. Klappstühle am Rand, Freunde im Vorgarten, ein kurzer Plausch – und immer der Blick auf die Strecke. Auf dem Marktplatz verfolgen viele das Rennen auf einer großen Leinwand, ein Glas Äppler oder Wein in der Hand. Dazu gibt es kulinarisch einiges zu entdecken. Es ist laut, entspannt, gesellig. Mittendrin: Peter, 66 Jahre. Ein Bier in der Hand: „Ich fahre, seit ich Mitte zwanzig bin – das hat mir immer Spaß gemacht.“ Vier- oder fünfmal ist er das Rennen selbst gefahren. Sabine, seine Frau lacht: „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an.“

Dann kündigt sich das Feld an. Erst die Vorfahrer, Motorräder und Polizeiautos. Auch sie werden bejubelt. Dann wird es kurz still. Und dann ganz laut. Ganz vorne: Degenkolb. Das Feld schießt über den Marktplatz – Ein Wimpernschlag – und schon ist wieder alles vorbei. Zurück bleibt Jubel, ein Raunen, und dieses typische Gefühl: War das geil! Stephan, 63 Jahre, steht am Gitter, im Radoutfit, ganz nah dran. „Ich habe hier schon als Jugendlicher mitgeholfen“, sagt er. Mehr als zwanzig Jahre Radsport stecken in seinen Beinen. „Degenkolb hört noch nicht auf. Der fährt mindestens noch ein Jahr.“ Genau danach sieht es aus.

Ein paar Meter weiter eine andere Perspektive: Filip, 28 Jahre, sportlich, fokussiert – heute aber Zuschauer. „Ich komme aus dem Triathlon. Für mich ist das hier eher Training“, sagt er und lacht. „Aber heute genieße ich einfach die Vibes.“ Direkt daneben steht die Zukunft des Sports:

Ella, fünf Jahre, schaut mit großen Augen auf die Profis. „Ich will später auch mal mitfahren.“ Ihre Schwester Klara, drei Jahre, ist auch schon auf dem Rad unterwegs – sie hat es gerade erst gelernt.

Und Lukas, 28 Jahre, und Simon, 22 Jahre, haben ihre Tour kurzerhand unterbrochen. Pause im Taunus, genau im richtigen Moment. Im Taunus wird das Rennen entschieden. Mehr als 3.000 Höhenmeter, der Mammolshainer Stich – und ein neuer, steiler Anstieg sorgen dafür, dass das Feld früh auseinanderfällt.

Während Oberursel feiert, wird es später in Frankfurt ernst

211 Kilometer liegen hinter dem Feld. Zwölf Fahrer vorne. Tempo hoch. Taktik gefragt. Und dann: der Sprint. Georg Zimmermann wartet, lauert – und zieht durch. Perfektes Timing. Keine Chance für die Konkurrenz. Hinter ihm: Tom Pidcock und Ben Tulett. Der größte Sieg seiner Karriere. Und ein deutscher Sieg, der perfekt zu diesem Tag passt. Doch dieser Freitag, 1. Mai, hat mehr als nur einen Gewinner. Er gehört auch dem Fahrer, der seine Karriere noch nicht beenden will. Der durch seine Heimat fährt und spürt, was das mit ihm macht. John Degenkolb. Vielleicht war es genau dieser Tag. Diese Stimmung. Diese Nähe. Noch ein Jahr. Noch ein Start. Oberursel hat gezeigt, warum dieses Rennen mehr ist als Sport. Und warum Degenkolb noch nicht fertig ist.

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