Oberursels Brunnen sprudeln wieder

Ein schöner, letzter Termin für die Brunnenkönigin Tanja I.Fotos: Schlünsen

Von Silke Schlünsen

Oberursel. Mit einem kleinen Wetterwunder und viel guter Laune ist Oberursel in die neue Brunnensaison gestartet. Pünktlich zum traditionellen Startschuss „Wasser marsch!“ am Apfelweinbrunnen verzogen sich die Wolken, der Himmel wurde blau und die Sonne zeigte sich – als hätte sie auf ihren Einsatz gewartet.

„Mit den ersten warmen Frühlingstagen kehrt das Leben in die Straßen und auf die Plätze in Oberursel zurück“, so Bürgermeisterin Antje Runge. Sie begrüßte die Besucher und zeigte sich besonders erfreut über die Gäste der Frankfurt International School, die den Brunnen einst mit einer großzügigen Spende unterstützt hatte.

„Wie bei den Reifen auch, sprudeln unsere Brunnen in Oberursel von Ostern bis Oktober und werden jetzt nach und nach angeschaltet“, erklärte Runge. „Oberursel wird nicht umsonst Brunnenstadt genannt. Einundzwanzig Brunnen prägen das Stadtbild – genauso wie die Brunnenkönigin mit ihrem Brunnenmeister und das Brunnenfest.“

Tradition und Apfelweinkultur

Der Apfelweinbrunnen präsentierte sich zum Saisonauftakt festlich geschmückt – ganz in alter Tradition. Dazu wurden Apfelwein und „Äppler“ aus der Region angeboten.

Dass in diesem Jahr gerade der Apfelweinbrunnen im Mittelpunkt stand, ist kein Zufall: Einen festen Turnus für die Wahl des Eröffnungsbrunnens gibt es nicht. Vielmehr wird jedes Jahr bewusst entschieden, welcher Brunnen den Auftakt bildet – abhängig von Anlass, Lage und aktueller Bedeutung. In diesem Jahr fiel die Wahl auf den Apfelweinbrunnen, der nach technischen Umbauten und einer Pause nun wieder in Betrieb genommen werden konnte.

Der Apfelweinbrunnen, der nach einjähriger Pause nun zum 45. Brunnenfest, 29. Mai bis 1. Juni, wieder sprudelt, zeigt regional die Liebe der Hessen zu ihrem Traditionsgetränk, dem „Stöffche“.

Viele Jahre stand der funktionsfähige, aber leere Brunnensockel in der Oberen Hainstraße, schräg gegenüber des Geburtshauses des Künstlers Georg Hieronymi, 1914–1993. Dieser hatte noch zu Lebzeiten drei Ideen für stadtgeschichtliche Figuren eingereicht, man konnte sich jedoch auf keinen Vorschlag einigen. Das umgesetzte Motiv stammt von dem Oberurseler Künstler Walter Meffert, der vor fünf Jahren verstorben ist und bereits mit Georg Hieronymi an mehreren Brunnen gearbeitet hatte. Auf dem Brunnensockel zeigt der aus Bronze gegossene Ring in Form eines Zweigs die Entwicklung von der Blüte über den reifen Apfel bis zum Bembel, dem traditionellen Gefäß, aus dem der Apfelwein ausgeschenkt wird. „Der Apfelweinbrunnen steht sinnbildlich für die in Oberursel gelebte Tradition des Apfelweinkelterns – von der Streuobstwiese bis zum geselligen Miteinander“, so Runge.

Brunnenkönigin und Apfelweinkönig

Auch Brunnenkönigin Tanja I. ließ es sich nicht nehmen, bei diesem besonderen Anlass dabei zu sein – es war ihr letzter Termin vor ihrer Entthronisierung. Mit einem Augenzwinkern verriet sie, dass sie das hessische Nationalgetränk inzwischen möge, persönlich aber doch lieber Bier trinke.

Mitten in die Veranstaltung hinein – ganz passend zum wechselhaften Aprilwetter – erschien überraschend der Hessische Apfelweinkönig Frank Grimmer. Er brachte nicht nur gute Laune mit, sondern auch spannende Einblicke in die Apfelweinkultur.

Grimmer berichtete von seiner Familiengeschichte: Bereits sein Großvater und weitere Vorfahren hätten vor dem Krieg Apfelbäume gepflanzt, die bis heute Früchte tragen und zur Qualität des Apfelweins beitragen. Seit über vierzig Jahren führt er diese Tradition fort.

In diesem Zusammenhang dankte er auch den Apfelfreunden Oberursel, die inzwischen mehr als achtzig Bäume gepflanzt haben und somit einen wertvollen Beitrag für die kommenden Generationen leisten und aktiv zur Pflege der Streuobstwiesen und zur Weitergabe des Wissens rund um den Apfelwein beitragen. „Die Kunst liegt im Experimentieren“, erklärte Grimmer und verriet, dass Trierer Apfel, Rheinischer Bohnapfel, Schafsnase und Renetten eine besonders gelungene Kombination für das hessische Nationalgetränk seien.

Brunnen als Teil der Stadtgeschichte

Neben der geselligen Seite rückte Bürgermeisterin Runge auch die historische Bedeutung der Brunnen in den Fokus: „Die Brunnen haben mit dazu beigetragen, dass sich viel produzierendes Gewerbe in Oberursel über Jahrzehnte angesiedelt hat“, sagte sie.

„Der Urselbach war von Beginn an prägend für die Entwicklung unserer Stadt – als Versorgungsquelle und als Motor für Mühlen, Arbeitsplätze und wirtschaftliche Entwicklung.“ Gleichzeitig griff sie einen vielfach geäußerten Wunsch aus der Bürgerschaft auf, das Wasser in der Stadt wieder sichtbarer zu machen und den Bach offenzulegen – ein Anliegen, das sie unterstützen und voranbringen möchte.

Trinkbrunnen

Passend zur warmen Jahreszeit stehen in Oberursel zudem mehrere Trinkbrunnen zur Verfügung. Frisches „Heimatwasser“ gibt es am Marktplatz, in der Eppsteiner Straße, in der Vorstadt/Kumeliusstraße, in der Adenau-erallee sowie am Bahnhof am Platz der Deutschen Einheit.

„Im Rahmen der Klimaanpassung wurde das Netz an kostenlosen Trinkwasserstellen in den vergangenen Jahren deutlich ausgebaut“, erläuterte Runge.

Die Brunnen leisten gerade an heißen Tagen einen wichtigen Beitrag zum Stadtklima und damit zur Lebensqualität. Ihr Wasserverbrauch bleibt dabei gering, da sie im Umlaufprinzip betrieben werden. Durch die sichtbaren Wassersäulen wird das Wasser fein zerstäubt und verdunstet teilweise. Dabei entsteht sogenannte Verdunstungskälte, die die Umgebung spürbar abkühlt und das Mikroklima rund um die Brunnen verbessert. Gerade in den Sommermonaten werden sie so zu angenehmen Treffpunkten und kleinen „kühlen Oasen“ im Stadtgebiet.

Nach der Winterpause werden die Brunnen gereinigt, überprüft und repariert. Für Betrieb, Wartung und Instandhaltung ist der Bau & Service Oberursel, BSO, verantwortlich.

Für die bauliche und technische Unterhaltung der Brunnen sind rund 50.000 Euro eingestellt, für die allgemeinen Betriebskosten rund 70.000 Euro.

Ab April wird der Waschfrau-Brunnen, „Wäschfraa“-Brunnen an der Bleiche, saniert. Wegen eines Bruchs am Abwasserrohr wird außerdem der alte Marienbrunnen repariert.

Ausblick auf das Brunnenfest

Mit dem Start der Brunnensaison wächst auch die Vorfreude auf das Oberurseler Brunnenfest am Wochenende nach Pfingsten. Von Freitag, 29. Mai, bis Montag, 1. Juni, wird die Stadt wieder zum Treffpunkt für Gäste aus der gesamten Region – mit jeder Menge Tradition, Musik und natürlich ausreichend „Stöffche“.

Die Brunnen Oberursels verbinden auf besondere Weise Geschichte, Gemeinschaft und Lebensqualität – und sind jedes Jahr aufs Neue ein sichtbares Zeichen dafür, dass die Stadt ihrem Namen als „Brunnenstadt“ gerecht wird.

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