„Oh ja, der Marktplatz ist Nabel der Welt“

Jürgen Streicher

Oberursel. Vom Friseurstuhl bis zur Babbelbank, der Marktplatz schreibt im Jahr 2026 Design-Geschichte. Nicht nur in Oberursel, auch in der Region Frankfurt RheinMain und vor allem weltweit, weil er dann zum auserwählten Kreis derer gehören wird, die das Label „World Design Capital“ tragen dürfen. Vier Marktplatz-Anwohner stecken hinter dem ambitionierten Projekt, Partner für zwölf Aktionen sind bereits gefunden, weitere in Planung.

„Oh ja, der Marktplatz ist der Nabel der Welt.“ Auch wenn es nur der Nabel der kleinen Oberurseler Welt ist. Edeltraut Lintelow weiß das, sie ist ja auch Anwohnerin des scheppen Platzes mit der magischen Anziehungskraft. Er war das schon im Mittelalter, dafür gibt es mannigfach Beweise, er war es über viele Jahrhunderte und ist es noch heute. Wer in der Stadt hat ihn noch nicht erlebt, bei den vielen Festen und Veranstaltungen, die dort stattfinden im Jahreslauf und über die Zeiten. Vielleicht nicht immer hat er sein Potenzial ausgeschöpft, aber das kann sich ja ändern. Denn der Marktplatz birgt Kapital, auch für die Zukunft, das nun nachhaltig, darauf liegt die Betonung, zum Tragen kommen soll. Klaus Winkler, auch so ein Anwohner, sieht das so: „Das hat nur bisher keiner gemerkt. Deswegen machen wir es jetzt sichtbar.“

Edeltrat Lintelow, Klaus Winkler, Patrick Volz und Michael Ruppel sind das Quartett vom Marktplatz, das den Weg bereitet hat für das Abenteuer „World Design Capital“ (WDC). Ihre Konzept-Bewerbung kam gut an, dafür gab es sogar für die Basis-Arbeit eine finanzielle Förderung von 2000 Euro von WDC für das gesamte Projekt, das auch über das Jahr 2026 hinaus den Oberurseler Kosmos beleben und bewegen soll. Titel: „Marktplatz Oberursel: Lebendig, offen, mittendrin.“ Untertitel: „Design for Democracy“, der Marktplatz als Ort des Austausches, als Symbol für Gespräch, Gemeinschaft und demokratische Teilhabe. „Wir sind nicht die Macher, wir sind die, die gute Ideen weitersagen“, so Klaus Winkler. „Wir sind nicht Veranstalter, wir sind Nachbarn, wir helfen, andere Projekte sichtbar zu machen.“

Was sie zeigen wollen: Am Marktplatz passiert das, was Demokratie im Alltag ausmacht, Leute kommen ins Gespräch. Und haben dabei großartige Ideen. Eben wie man diesen Nabel der Welt, den Marktplatz, den sie alle mögen, schön in den Mittelpunkt setzt. Wie man dort Menschen zusammenbringt. Ein Symbol dafür wird die „Babbelbank“ sein, sie steht für das, was Demokratie braucht, ein gutes Gespräch unter Menschen. Die Babbelbank, ein von den Oberurseler Werkstätten gefertigtes, transportables Möbelstück, wird immer dabei sein bei den schon jetzt geplanten 12 Aktionen im Jahresbogen. Weitere entstehen bereits in den Köpfen der Planerinnen und Planer, verrät das Team im Hintergrund, „nach jedem Gespräch sprudeln neue Ideen“, so Klaus Winkler. Die Babbelbank wird in der benachbarten Stadtbücherei geparkt, für flexible Nutzung auf dem Platz oder anderswo.

Im Mittelpunkt stehen wird das gute Stück aus Holz erstmals bei der Eröffnung des Veranstaltungsreigens am Sonntag, 11. Januar 2026 um 15 Uhr. Im Kalender von World Design Capital mit allen bisher vorliegenden Aktionen steht der Marktplatz zu „Orschel“ damit samt Foto vom St.-Ursula-Brunnen auf Seite eins, weltweit sichtbar auf der Website. Noch so ein Grund, ein bisschen stolz zu sein. Die Sternsinger der Pfarrei St. Ursula werden den Auftakt für ein demokratisches gemeinschaftliches Jahr gestalten. Gemeinsam mit dem bunten Chor, mit Bürgermeisterin Antje Runge als Schirmherrin, Ortsvorsteherin Susanne Herz und der Brunnenkönigin werden die vier vom Marktplatz einen Ausblick auf die geplanten WDC-Aktivitäten geben.

Da wird auch der Friseur vom Marktplatz, Michael Ruppel, dabei sein, eine wichtige Brücke im Konzept. Einer, der mit seiner Familie schon seit Generationen am Nabel der Welt wohnt und arbeitet und hier mit jedem Pflasterstein auf Du ist. Beim Friseur wird alles besprochen, das weiß man, so soll es auch beim „Montagsfriseur“ sein. Waschen, Schneiden, Reden, ist das Motto beim ersten Highlight des Jahres im Februar. Der Montagsfriseur holt den Kommunalwahlkampf auf den Marktplatz, in jeweils halbstündigen Interviews an drei Tagen fühlen Michael Ruppel und Klaus Winkler die Spitzenkandidaten zu Themen aus Stadtgesellschaft und Demokratie auf den Zahn, ein Format, das schon vor der letzten Bürgermeisterwahl ein voller Erfolg war. Bewusst authentisch und nahbar, kein Podium, keine Verstärker, direkter Austausch auf Augenhöhe mitten im Salon. Die Interviews werden mit einer 360-Grad-Kamera aufgezeichnet. Die Anzahl der Teilnehmenden orientiert sich am Platz im Friseursalon.

Zur Information über alle Orte und die Akteure bei den anderen Aktionen wird ergänzend eine begleitende Website für Termine und Gesprächspartner eingerichtet, stets aktuell abrufbar. Der Karnevalszug wird eine Rolle spielen, mal wird es mit der Volkshochschule um Essen und Demokratie gehen, eine Fahrradtour von Marktplatz zu Marktplatz ist für April geplant, im Sommer wird nächtlicher Besuch aus Frankfurt im Kulturcafé Windrose erwartet, wenn der Nachtrat vorbeikommt. Mal rollen Seifenkisten am Marktplatz, der FC Oberursel inszeniert ein Feriencamp für junge Fußballer, beim Weinfest übernehmen Marktplatz-Aktivisten den Ausschank. Und immer gilt: „Lebendig, offen, mittendrin“.

Oft wird die Babbelbank am Sankt Ursula-Brunnen stehen. Hier ist er noch geschmückt mit bunten Wimpeln und die Heide umrankt von Kinderwünschen. „Die Vier“ vom Marktplatz: Patrick Volz, Michael Ruppel, Edeltraud Lintelow und Klaus Winkler (v. l.) freuen sich auf das erste Projekt mit den Sternsingern im Januar.Fotos: J. Streicher

Im Friseursalon Ruppel wird Kommunalpolitikern im Februar der Kopf gewaschen. Michael Ruppel (vorne mit Brille) und Klaus Winkler (hinten links) werden dann im Salon Interviews mit den Spitzenkandidaten führen.

Freude beim Austausch am Sankt Ursula Brunnen.

Treffpunkt Babbelbank: So soll es sein, Menschen treffen sich auf dem Marktplatz und kommen ins Gespräch. Der öffentliche Raum wird Ort von Begegnungen.

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