Oberursel (sis) - Herrliches Sommerwetter, gut gelaunte Gäste und ein historischer Marktplatz voller Leben: Mit dem 23. Rheingauer Weinfest zog für drei Tage wieder ein Stück Rheingau nach Oberursel. 14 Winzer präsentierten ihre Weine –...doch was den Besuchern in Erinnerung blieb, wurde nicht nur eingeschenkt – es wurde erzählt.“
Wenn der historische Marktplatz zum Sommerwohnzimmer wird
Was zur Eröffnung des Reingauer Weinfestes noch entspannt beginnt, entwickelt sich innerhalb weniger Stunden zu einem der schönsten Sommerabende des Jahres. Gegen 20 Uhr ist der historische Marktplatz nahezu vollständig gefüllt. Überall wird angestoßen, gelacht und geplaudert. Freunde stoßen miteinander an, Besucher schlendern von Stand zu Stand und genießen den lauen Sommerabend. Es ist genau die Atmosphäre, für die das Rheingauer Weinfest seit inzwischen 23 Jahren bekannt ist.
Auch die Einsatzkräfte des Deutschen Roten Kreuzes ziehen am Ende des Eröffnungsabends eine positive Bilanz. Die Stimmung bleibt friedlich, die Gäste feiern entspannt – und Oberursels gute Stube zeigt sich einmal mehr von ihrer schönsten Seite.
„Das Weinfest gehört genau hierher“
Mit leichter Verzögerung eröffnet Bürgermeisterin Antje Runge das 23. Rheingauer Weinfest. Sie wartet bewusst, bis auch die Gäste aus den Partnerstädten eingetroffen sind. Die Delegation aus Épinay-sur-Seine begrüßt sie sogar auf Französisch – ein schönes Zeichen der inzwischen 60-jährigen Städtepartnerschaft. Zu den Ehrengästen zählen unter anderem Eunjeong Kim, Generalkonsulin der Republik Korea in Frankfurt, die Delegation aus Épinay-sur-Seine mit Christelle Anya, Sonia Badene, Zaynab Barakat und Anne-Marie Luaki, Andrew Lloyd aus der englischen Partnerstadt Rushmoor, die Rheingauer Weinprinzessin Alicia Kunz, Oberursels Brunnenkönigin Emily I. mit Brunnenmeisterin Michèle sowie Vertreterinnen und Vertreter der Rheingauer Weinwerbung, des Städtepartnerschaftsvereins und der Oberurseler Gremien. „Das Weinfest gehört auf den historischen Marktplatz – genau hier ist sein Zuhause“, sagt Antje Runge. Gemeinsam mit der Rheingauer Weinwerbung präsentieren in diesem Jahr 14 Winzerinnen und Winzer ihre Weine – von Riesling über Weiß- und Grauburgunder bis hin zum Spätburgunder. Erstmals dabei sind das Weingut Klostermühle aus Eltville-Kiedrich und das Weingut Peter Flick aus Hochheim.
Mit einem Augenzwinkern verrät die Bürgermeisterin außerdem ihren persönlichen Geschmack. Sie bevorzuge sehr trockene Weine, auch wenn bei sommerlichen Temperaturen eher fruchtige Weine gefragt seien. Und einen Satz gibt sie den Gästen ebenfalls mit auf den Weg: „Wir sind Wein – und auch Apfelwein.“
Weingeschichten
Wer den Rat der Rheingauer Weinprinzessin Alicia Kunz befolgt und mit den Winzern ins Gespräch kommt, merkt schnell: Hinter fast jedem Wein steckt eine ganz persönliche Geschichte. Beim Weingut Mohr aus Lorch steht Wolf Dio hinter dem Tresen. Eigentlich stammt er selbst aus Oberursel – genau wie alle anderen Helfer am Stand. Das Weingut ist bereits zum dritten Mal beim Rheingauer Weinfest dabei. „Uns gefällt die gemütliche und familiäre Atmosphäre auf dem Marktplatz mit den netten Leuten.“ Ein Satz, der den Charakter des Weinfestes wohl kaum besser beschreiben könnte.
Auch das Weingut Simon Schreiber aus Hochheim ist inzwischen Stammgast in Oberursel. Warum man jedes Jahr wiederkommt? Tobias Eckinger lacht. „Ganz einfach: Unsere Tochter ist nach Orschel gezogen.“ Das Familienweingut konzentriert sich auf Riesling und Sauvignon Blanc und betreibt seit sechs Jahren eine von Weinbergen umgebene Vinothek, die sich inzwischen als Eventlocation etabliert hat.
Seit der ersten Auflage dabei ist der Weinhof Martin aus Erbach. Hinter dem Tresen steht Sebastian aus Oberursel und erzählt den Besuchern, dass das Weingut zu den ersten in Deutschland gehörte, die die Rebsorte Muskateller angebaut haben – ein typischer Sommerwein und perfekter Begleiter für warme Abende auf dem Marktplatz.
Neue Gesichter fühlen sich sofort wohl
Premiere feiert in diesem Jahr das Weingut Klostermühle aus Eltville-Kiedrich. Die ehemalige Kornmühle des Klosters Eberbach wird inzwischen in achter Generation geführt, während die neunte Generation gerade ihren Master im Weinbau abgeschlossen hat. Spezialisiert hat sich das Weingut auf Rosé und Sauvignon Blanc – oder, wie man dort augenzwinkernd sagt, auf „Drink Pink“. Schon nach wenigen Stunden fällt das Fazit von Lorenz Witte eindeutig aus: „Wir sind nicht zum letzten Mal dabei.“ Auch das Weingut Peter Flick aus Hochheim feiert seine Premiere in Oberursel. Julius und Marvin schenken Chardonnay, Weißburgunder, Grauburgunder, Sauvignon Blanc und Riesling aus. Ihr erster Eindruck? „Super schön hier.“
Heimat zeigen und gute Gespräche
Bis zu 80 Termine absolviert die Rheingauer Weinprinzessin Alicia Kunz während ihrer Amtszeit. Warum sie das macht? Ihre Antwort kommt ohne zu zögern: „Mir ist wichtig, die Heimat und die Region nach außen zu präsentieren und zu zeigen, was das Rheingau zu bieten hat.“ Genau deshalb fordert sie die Besucher auf, mit den Winzern ins Gespräch zu kommen. Denn dort erfahre man die Geschichten hinter den Weinen. Wer diesem Rat folgt, wird fast überall herzlich empfangen. Lediglich am Stand des Weinguts „Meine Freiheit“ bleibt es beim Ausschank. Fragen zum Weingut können vor Ort leider nicht beantwortet werden. Schade – denn gerade diese persönlichen Gespräche machen den besonderen Reiz des Rheingauer Weinfestes aus.
Tradition trifft Offenheit
Seit 23 Jahren gehört auch das Weingut Christian Faust zum Rheingauer Weinfest. Rund 70 Prozent der Rebfläche entfallen auf Riesling. Hinzu kommen unter anderem Spätburgunder, Weißburgunder, Grauburgunder und Traminer. „Trotz Fokus schauen wir auch nach links und rechts“, sagt Theresa Faust. Dass dieser Satz nicht nur eine Floskel ist, zeigt der BabbelSpritz, der im Rahmen der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 gemeinsam mit der Marktplatzinitiative entstand. Als Klaus Winkler die Idee eines alkoholfreien Getränks vorstellte, sagte das Weingut sofort zu.
Am Sonntag übernimmt die Marktplatzinitiative den Weinstand von Faust und schenkt den BabbelSpritz aus – ganz nach dem Motto: „Mit klarem Kopf lässt es sich eben besser babbeln.“ Auch die Weingüter Bickelmaier, Trenz und Schüler-Katz boten alkoholfreie WDC-Drinks an. „Der BabbelSpritz war am Ende ausgetrunken. Noch schöner war, dass viele Menschen zum Babbeln gekommen und einfach geblieben sind. Besonders gefreut hat uns, dass auch viele jüngere Menschen wegen der Aktion vorbeigeschaut haben. Genau das war ja unsere Idee.“ so Klaus Winkler.
Mehr als ein Weinfest
Für die passende Grundlage sorgen die TaunusAlp mit Bio-Käsespätzle, der Grill- und Festservice Müller mit Flammkuchen, Feinkost Timo Kümmel mit ofenfrischen Brezeln, die Metzgerei Brinkmann mit Grillspezialitäten sowie die Reisegastronomie Schickler mit Crêpes und Waffeln.
Auch Christelle Anya aus der französischen Partnerstadt Épinay-sur-Seine genießt ihren ersten Besuch auf dem Rheingauer Weinfest. Ihr Fazit könnte zugleich das des gesamten Wochenendes sein: „Ich mag die friedliche Atmosphäre und dass sich hier alle Generationen treffen.“
Als die letzten Sonnenstrahlen die Fachwerkhäuser in warmes Licht tauchen und der historische Marktplatz bis auf den letzten Platz gefüllt ist, wird deutlich, warum das Rheingauer Weinfest seit 23 Jahren einen festen Platz im Oberurseler Veranstaltungskalender hat: Natürlich geht es um Wein. Doch was das Rheingauer Weinfest so besonders macht, sind die Menschen, die Geschichten hinter den Weingläsern und ein historischer Marktplatz, der sich jährlich drei Tage lang in Oberursels schönstes Sommerwohnzimmer verwandelt.


















