Vom Rathaus an denPlattenteller mit 33 Umdrehungen

Christoph Fink freut sich auf die Eröffnung am 29. Mai.Fotos: sis

Oberursel (sis). Manche Träume verschwinden nicht. Sie warten nur darauf, dass irgendwann die richtige Platte aufgelegt wird. Für Christof Fink kam dieser Moment nicht im Rathaus zwischen Sitzungsunterlagen, politischen Terminen oder Entscheidungen für die Stadt. Sondern rund 200 Kilometer entfernt – in Köln. Zwischen Vinyl-Regalen und Schallplattenkisten entstand plötzlich ein Gedanke, der ihn nicht mehr loslassen sollte: Warum gibt es so etwas eigentlich nicht in Oberursel? Heute, rund zwei Jahre später, wird aus diesem Gedanken Realität. Ende Mai eröffnet der ehemalige Erste Stadtrat mit „Imagine“ sein eigenes Fachgeschäft für Schallplatten und CDs in der Strackgasse – und schlägt damit bewusst ein neues Kapitel auf. Nach zwölf Jahren Kommunalpolitik wollte Fink noch einmal etwas völlig anderes machen. Etwas, das ihn seit seiner Jugend begleitet. Musik. Schon als Schüler hielt er ein Referat über Schallplatten. Fink selbst gehört zur CD-Generation – und sammelte über viele Jahre CDs und Vinyl gleichermaßen. Seine Leidenschaft für Musik verlor er nie. Während der politischen Jahre rückte sie lediglich etwas in den Hintergrund.

Der Name des neuen Fachgeschäfts ist bewusst gewählt. „Imagine“ ist nicht nur eine Hommage an die Beatles, die sich im gesamten Geschäft wiederfinden – auf Bildern an den Wänden, Schallplattencovern oder kleinen Details zwischen den Regalen. Wer „Imagine“ betritt, begegnet den Beatles. Der Name steht zugleich für einen persönlichen Aufbruch. Der berühmte Song erzählt von Möglichkeiten, Visionen und davon, sich eine andere Zukunft vorzustellen. Für Fink passt das zu seinem eigenen Weg. Zum Mut, Träume nicht aufzugeben. Zum Mut, noch einmal neu anzufangen. Und vielleicht erzählt kaum eine Platte diesen Moment besser als die, die für Fink heute sinnbildlich für seinen Neuanfang steht: „Beatles for Sale.“ Der Bruch zum politischen Leben könnte kaum größer sein – und wirkt gleichzeitig erstaunlich logisch.

„Die physische Musik erlebt gerade ein Comeback“, sagt Fink. „Ähnlich wie bei der analogen Fotografie.“ Die Entwicklung beobachtet er schon länger. Immer wieder stand er in Vinyl-Abteilungen großer Elektromärkte und schaute Menschen beim Stöbern zu. Besonders überrascht habe ihn das generationenübergreifende Interesse. „Ich war erstaunt über das Interesse an Schallplatten.“ Genau darin sieht er die Chance. Denn „Imagine“ soll bewusst kein Treffpunkt ausschließlich für eingefleischte Sammler oder Musik-Nerds werden. Das Konzept setzt auf Neuware und Second-Hand-Schätze – auf aktuelle Veröffentlichungen ebenso wie auf wiederentdeckte Klassiker, auf CDs ebenso wie auf Vinyl. Rock, Metal, Folk und vieles mehr gehören zum Angebot. Dazu kommen persönliche Beratung, Gespräche und die Möglichkeit, neue Musik zu entdecken oder alte Lieblingsalben wiederzufinden. Preislich möchte Fink bewusst unterschiedliche Zielgruppen ansprechen – vom spontanen Musikfund bis zum besonderen Sammlerstück. „Ich möchte erste Anlaufstelle für Menschen sein, die Musik lieben und hören“, beschreibt Fink seine Idee. „Neue Musik entdecken oder alte Musik wiederentdecken.“ „Imagine“ soll bewusst kein Ort sein, an dem nur Sammler fachsimpeln – sondern einer, an dem Musik generationenübergreifend erlebbar wird.

Dass die Resonanz schon vor der Eröffnung positiv ausfällt, bestätigt ihn. Nicht nur Menschen über 50 bleiben stehen und fragen nach. Auch junge Menschen interessieren sich für das Konzept und freuen sich auf die Eröffnung am Freitag, 29. Mai, um 15 Uhr. Dabei geht es um mehr als Musik. Es geht um das bewusste Erleben. Um das Stöbern. Um ein Albumcover in den Händen. Um Erinnerungen. Vor rund 15 Jahren verschwand die Möglichkeit, CDs in einem klassischen Geschäft in Oberursel zu kaufen. Während Streaming den Alltag veränderte, ging ein Stück Musikkultur verloren. Fink möchte genau das zurückholen – nicht aus Nostalgie, sondern als Ergänzung zur digitalen Welt. Für mehr Musik im Alltag. Für mehr Musik im Leben. Ein Geschäft für Musik. Vor allem aber ein Ort für Begegnung – mitten in einer Zeit, in der vieles digital geworden ist.

Dass sein neues Plattengeschäft ausgerechnet in der Strackgasse entsteht, passt ins Bild. Zwischen alten Fachwerkhäusern, Altstadtflair und kleinen individuellen Geschäften fand Fink genau den Ort, den er gesucht hatte. „Die Strackgasse hat ihren eigenen Charme“, sagt er. „Das passt einfach perfekt.“ Dass der Altstadtmarkt am vergangenen Wochenende ausgerechnet Vinyl zum Thema machte, passte fast schon symbolisch. Fink durfte dabei nicht fehlen. Mit ausgewählten Schätzen aus seinem eigenen Bestand war er bereits präsent – und machte deutlich: Für mehr Musik im Alltag ist es vielleicht höchste Zeit. Auch private Stücke aus seiner Sammlung finden ihren Weg in die Regale.

Und noch mit einem Mythos räumt der künftige Geschäftsinhaber auf. Das berühmte Knistern alter Schallplatten? Für viele gehört es zur Kindheit. Zum Klang von früher. Zur Erinnerung. „Häufig sind es schlicht Rückstände oder Verschmutzungen“, erklärt Fink. Deshalb gehört zum Konzept von „Imagine“ sogar ein Schallplatten-Waschservice – nicht nur für alte, sondern auch für neue Vinyls. „Imagine“ versteht sich als Treffpunkt. Als erste Anlaufstelle für Musikliebhaber. Als Ort für Austausch. Für Entdeckungen. Für Menschen, die Musik bewusst hören wollen. Nicht einfach nur Musik verkaufen. Sondern einen Ort schaffen, an dem Menschen wieder bewusster hören. Entdecken. Erinnern. Manche Träume verschwinden nicht. Sie warten. Manchmal Jahre. Manchmal Jahrzehnte. Und manchmal drehen sie sich irgendwann mit 33 Umdrehungen pro Minute doch noch in die richtige Richtung.

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