„Ich trete nicht an, um Zweiter zu werden“

Jens Uhlig, der CDU-Herausforderer möchte Bürgermeister von Oberursel werden.Foto: D. Steffek

Oberursel (sis). Die Entscheidung ist gefallen. Jetzt beginnt für Jens Uhlig der schwierigere Teil: Er muss nicht mehr seine eigene Partei überzeugen – sondern Oberursel. Die CDU hat den 53-jährigen Ersten Stadtrat am Mittwochabend zu ihrem Kandidaten für die Bürgermeisterwahl 2027 gekürt. Damit fordert ausgerechnet ein Mann Amtsinhaberin Antje Runge heraus, der seit vier Jahren selbst zur Oberurseler Rathausspitze gehört. Einer, der die Zahlen kennt, die Projekte, die Verwaltung – und auch die Stellen, an denen es aus seiner Sicht hakt. Die Rollen scheinen zunächst klar verteilt. Runge geht als Amtsinhaberin und Favoritin ins Rennen, Uhlig als Herausforderer. Doch der macht aus seinem Anspruch keinen Hehl: „Ich trete nicht an, um Zweiter zu werden.“ Dafür allerdings muss er nicht nur erklären, was er anders machen will. Er muss zeigen, wer er ist. Denn während Jens Uhlig Oberursel seit seinem vierten Lebensjahr kennt, dürften längst nicht alle Oberurseler den Mann hinter dem Ersten Stadtrat kennen.

Wer also ist Jens Uhlig? Einer, der über Millionen im Haushalt entscheidet – und gleichzeitig erlebt, wie kompliziert Kommunalpolitik schon beim nächsten Grünstreifen werden kann. Weil die einen sauberes Mähen erwarten, während die anderen mehr Raum für Insekten wollen. Weil niedrige Abwassergebühren gut klingen, Starkregenvorsorge und eine bessere Kläranlage aber ebenfalls bezahlt werden müssen. Als Feuerwehrdezernent sieht er zudem, wie Waldbrände, Starkregen und die wachsende Bedeutung des Katastrophenschutzes die Stadt vor neue Herausforderungen stellen. Und dann ist da noch der Mensch hinter den Ämtern: Familienvater, Vereinsmensch, neugieriger Reisender – und ehemaliger Gebirgsjäger, der mit Anfang 20 für die UN in Somalia war und sagt, diese Monate hätten sein Menschenbild mitgeprägt. Zeit, den Herausforderer kennenzulernen.

Die CDU kennt ihren Kandidaten. Aber kennt Oberursel Jens Uhlig? Die Oberurseler Woche traf den Kandidaten bereits zum Gespräch.

Das Exklusivinterview

Herr Uhlig, Antje Runge geht als Amtsinhaberin und Favoritin in die Bürgermeisterwahl. Sie sind der Herausforderer. Glauben Sie tatsächlich daran, 2027 Bürgermeister von Oberursel zu werden?

Jens Uhlig: Ja. Sonst würde ich nicht antreten. Ein Bürgermeisterwahlkampf bedeutet einen enormen zeitlichen Aufwand. Den würde ich nicht investieren, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, eine Chance zu haben. Ich trete nicht an, um Zweiter zu werden. Gleichzeitig mache ich mir keine Illusionen. Als Herausforderer kann ich nicht davon ausgehen, im ersten Wahlgang durchzumarschieren. Ich rechne derzeit mit drei Bewerbern. Frau Runge ist für die SPD gesetzt, wen die Grünen aufstellen, steht noch nicht fest. Ich gehe davon aus, dass es zu einer Stichwahl kommen wird. Und ich hoffe vor allem auf eine hohe Wahlbeteiligung.

Die CDU will nach mehr als zwei Jahrzehnten das Bürgermeisteramt zurückgewinnen. Warum sollte ausgerechnet jetzt der Zeitpunkt dafür gekommen sein?

Jens Uhlig: Ich bin seit vier Jahren hauptamtlich im Rathaus tätig und war davor viele Jahre ehrenamtlich kommunalpolitisch aktiv. Vor meiner hauptamtlichen Zeit habe ich mich in vielen Bereichen der CDU Oberursel engagiert. Ich kenne deshalb die unterschiedlichen Seiten der Kommunalpolitik sehr gut. Mir ist wichtig, effektiv für die Kommune arbeiten zu können. Das gelingt am besten, wenn Hauptamt und politische Mehrheit bei den entscheidenden Themen an einem Strang ziehen. Gerade bei schwierigen Projekten und in einer angespannten Finanzlage muss eine Koalition beziehungsweise eine politische Mehrheit koordiniert sein. Idealerweise verständigt man sich auf einen Leitplan: Was wollen wir erreichen? Welche Projekte haben Priorität? Und wie setzen wir sie um? Das betrifft beispielsweise das Gefahrenabwehrzentrum, die Rathaussanierung oder die Sanierung des Freibads. Für solche großen Projekte braucht es klare politische Mehrheiten. Bei der Weingartenumgehung sehen wir das derzeit. Die Koalition aus CDU, OBG und SPD ist nicht mehr zu Stande gekommen, weil die SPD in dieser Frage nicht mehr mit den beiden anderen Parteien an einem Strang zieht.

Sie sprechen von Leitplänen, Strukturen und Effizienz. Wie viel Unternehmensberater steckt in Ihrem Verständnis von Kommunalpolitik?

Jens Uhlig: Eine ganze Menge. Ich habe mich praktisch mein gesamtes Berufsleben mit Beratung und Prozessoptimierung beschäftigt. Unter anderem habe ich für PwC und IBM gearbeitet, bevor ich fast 20 Jahre bei der Deutschen Leasing tätig war. In Oberursel mangelt es nicht an Projekten. Was besser werden muss, sind die Prozesse, mit denen wir sie umsetzen. Einen der größten Schwachpunkte sehe ich in der Digitalisierung der Verwaltung. Sie ist für mich eines der wichtigsten Projekte überhaupt. Es braucht eine klare Struktur: Was wollen wir? Was brauchen wir? Wer trägt die Projektverantwortung? Dann müssen Prozesse effizient organisiert, optimiert und Projekte konsequent umgesetzt werden. Meine Leitlinie ist dabei, Projekte mit möglichst geringen Kosten zu realisieren.

Sie sind nicht nur Kämmerer. Als Dezernent für den BSO und die Feuerwehr tragen Sie Verantwortung für ziemlich handfeste Dinge – von Straßen und Grünflächen bis zur Sicherheit der Stadt. Verändert das den Blick darauf, was Bürger von einem funktionierenden Rathaus erwarten?

Jens Uhlig: Ja, absolut. Bezogen auf den BSO ist mir in den letzten Jahren sehr bewusst geworden, wie schwierig es ist, die verschiedenen berechtigten Interessen der Bürger unter einen Hut zu bekommen. Wir wünschen uns etwa alle niedrige Abwassergebühren, aber wir wollen auch, dass unsere Kläranlage immer besser wird, damit die Gewässer sauberer sind und wir wollen, dass mehr Vorsorge für Starkregenereignisse getroffen wird. Das ist natürlich ein Widerspruch. Das gleiche gilt in der Grünpflege. Wir setzen keine Unkrautvernichtungsmittel mehr ein, das erhöht den Aufwand. Die einen Bürger hätten gern, dass Grünstreifen immer sauber gemäht sind, andere möchten, dass auch in den Parks die Grünflächen möglichst spät gemäht werden, um den Insekten Nahrung zu bieten. Bei der Feuerwehr haben wir in den letzten Jahren ganz neue Herausforderungen, egal ob Waldbrände oder Starkregen, beides fordert die Freiwilligen Feuerwehren enorm.  Dazu kommt die Rolle der Feuerwehr im Katastrophenschutz und in der zivilen Verteidigung, die aufgrund der aktuellen weltweiten Konflikte an Bedeutung gewinnt.

Das Rathaus ist dafür beinahe ein Paradebeispiel. Über Sanierung oder Abriss wird seit Jahrzehnten diskutiert. Was ist dort schiefgelaufen?

Jens Uhlig: Die Entscheidung für die Kernsanierung ist inzwischen getroffen. Jetzt muss die Umsetzung vehement weiterverfolgt werden. Gerade mit Blick auf das Stadtförderprogramm müssen wir die Chance nutzen, die uns die Förderung bietet. Richtig ist, die Kernsanierung nun umzusetzen. Der bisherige Projektverlauf zeigt allerdings auch ganz klar: So dürfen wir solche Projekte nicht machen. Wir haben beispielsweise die Niedrigzinsphase nicht genutzt. Diese Chance ist vertan. Wenn eine Entscheidung getroffen ist, müssen Verwaltungsspitze und politische Mehrheit gemeinsam dahinterstehen und dürfen keine weitere Zeit verlieren. Wir brauchen einen Leitplan, klare Projektverantwortliche, Struktur, Effizienz und konsequentes Handeln. Genau bei solchen Aufgaben kommt mir mein beruflicher Hintergrund zugute.

Warum haben Sie als Teil der Verwaltungsspitze die Prozesse noch nicht verändern können?

Jens Uhlig: Etwa ein Jahr, nachdem ich bei der Stadt angefangen habe, haben wir uns auf den Weg gemacht und begonnen, das Prozessmanagement aufzubauen. Inzwischen haben wir alle Prozesse in der Kernverwaltung erfasst und priorisiert und einen Teil der Ist-Prozesse detailliert dokumentiert. Im laufenden Jahr haben wir erste Prozesse optimiert und bereits Prozesse digitalisiert. Mit der Aufnahme der Prozesse des BSO haben wir ebenfalls begonnen. In der Summe haben wir in der Verwaltung über 1.000 Prozesse. Das bedeutet, die Aufgabe wird uns noch eine ganze Weile beschäftigen. Sicherlich wäre das schneller umzusetzen gewesen, wenn wir mit viel externer Unterstützung gearbeitet hätten. Unser Ziel war aber, Mitarbeiter zu qualifizieren, damit wir das Thema Prozessmanagement dauerhaft im Haus verankern können.

Was dürfen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Rathaus von einem Bürgermeister Jens Uhlig erwarten?

Jens Uhlig: Wir haben sehr viele tolle und kompetente Mitarbeiter bei der Stadt. Ich möchte, dass sie künftig stärker das Gefühl haben, selbst Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen zu dürfen – und dabei die Rückendeckung der Verwaltungsspitze haben. Das Rathaus ist aus meiner Sicht heute von zu viel Hierarchie geprägt. Das muss der Vergangenheit angehören. Die Kompetenz unserer Mitarbeiter muss geschätzt werden. So viele Entscheidungen wie möglich sollten dort getroffen werden, wo das entsprechende Wissen vorhanden ist. Gleichzeitig muss die Stadt für ihre Mitarbeiter und als Arbeitgeber attraktiver werden. Das Rathaus muss moderner werden. Viele Mitarbeiter quälen sich heute mit den bestehenden Prozessabläufen. Wir müssen weg vom Papier und hin zu digitalen Systemen. Digitalisierung funktioniert aber nur gemeinsam mit entsprechender Prozessoptimierung.

Zuhören und unterschiedliche Interessen zusammenbringen ist das eine. Ein Bürgermeister muss irgendwann aber auch entscheiden – und damit zwangsläufig Menschen enttäuschen. Fällt Ihnen das leicht?

Jens Uhlig: Da ich meine Entscheidungen immer auf der Basis von Fakten treffe, kann ich diese anhand meiner Analyse erklären. Meine Erfahrung mit einigen schwierigen Entscheidungen ist, dass diese dann in der Regel von einer Mehrheit verstanden und unterstützt werden. So habe ich das z.B. erlebt, als ich übergangsweise für das Sozialdezernat zuständig war und ich aufgrund deutlich sinkender Kinderzahlen empfohlen habe, den geplanten Neubau einer Betreuungseinrichtung nicht weiter zu verfolgen, obwohl die Stadt hier schon Geld in eine Planung investiert hatte. Natürlich waren die Diskussionen mit den Projektbeteiligten nicht angenehm, da auch von deren Seite viel Herzblut in die Planung geflossen war.

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz sollen die Verwaltung effizienter machen. Welche Rolle spielt dabei der demografische Wandel – gerade mit Blick auf den künftigen Personalbedarf?

Jens Uhlig: Bereits jetzt merken wir den Fachkräftemangel, und es ist nicht einfach, für alle Stellen gute Bewerber zu finden. Das wird sich durch den demografischen Wandel noch verschärfen. Deshalb müssen wir uns so aufstellen, dass wir die Aufgaben künftig auch mit weniger Mitarbeitern bewältigen können. Dabei geht es vor allem darum, Arbeitsabläufe so zu gestalten, dass unsere Mitarbeiter mehr Zeit für das haben, worauf es eigentlich ankommt: sich um die Bürger zu kümmern. Wenn Digitalisierung und optimierte Prozesse sie von anderen Aufgaben entlasten, erhöht das auch die Arbeitszufriedenheit und hilft uns bei der Nachwuchsgewinnung. Gleichzeitig trägt eine effizienter arbeitende Verwaltung zur Haushaltskonsolidierung bei.

Sie kennen die Oberurseler Finanzen als Kämmerer ziemlich genau. Wo liegen die größten Stellschrauben, wenn die Spielräume immer kleiner werden?

Jens Uhlig: Die finanzielle Situation ist schwierig – in Oberursel wie in vielen anderen Kommunen. Meine Zeit als Kämmerer kommt mir zugute, wenn es darum geht, die richtigen Punkte zu finden und an den richtigen Schrauben zu drehen. Mit kommunalen Finanzen beschäftige ich mich allerdings schon deutlich länger. Ich war eine komplette Wahlperiode Vorsitzender des Haupt- und Finanzausschusses. Große Kostenblöcke beziehungsweise Handlungsfelder sind die Kinderbetreuung, unsere städtischen Immobilien und die Digitalisierung beziehungsweise die Nutzung Künstlicher Intelligenz. Hinzu kommen hohe Sachkosten, beispielsweise Mieten, und natürlich die Personalkosten. Mit schlankeren, KI-gestützten und insgesamt effektiveren Prozessen können wir insbesondere beim Personalaufwand Veränderungen erreichen. Bei den Immobilien brauchen wir eine kritische Betrachtung des gesamten Portfolios und entsprechende Zusammenlegungen.

Was bedeutet das konkret für die städtischen Immobilien?

Jens Uhlig: Viele Immobilien der Stadt sind in keinem guten Zustand und müssen energetisch saniert werden. Einige Immobilien wurden nach einer Sanierung bereits abgestoßen. Ich bin für eine Konsolidierung unseres eigenen Immobilienbestands. Wir müssen prüfen: Welche Gebäude brauchen wir wirklich? Welche Nutzungen lassen sich zusammenlegen? Wie können wir mit weniger Flächen auskommen? Eine Immobilie mit 20 Wohneinheiten lässt sich beispielsweise effizienter bewirtschaften als 10 Immobilien mit je zwei Wohneinheiten. Solcher Wohnraum kann zugleich für Mitarbeiter der Stadt genutzt werden und zur Schaffung beziehungsweise Bereitstellung sozialen Wohnraums beitragen.

Was müsste nach sechs Jahren Bürgermeister Jens Uhlig anders sein, damit Sie sagen könnten: Dafür hat sich dieser Schritt gelohnt?

Jens Uhlig: Oberursel ist eine tolle Stadt. Insofern geht es eher darum, die Lebensqualität hier zu erhalten. Damit das nachhaltig gelingt, müssen wir unseren Haushalt strukturell verbessern. Den Weg dahin habe ich in meinen Haushaltsreden mit drei Säulen beschrieben: Prozessoptimierung und Digitalisierung, Neuausrichtung der Kinderbetreuung sowie Bereinigung und Sanierung des Immobilienbestands. Auf der Einnahmeseite muss es uns gelingen, leer stehende Gewerbeflächen zu reaktivieren. Beides ist die Voraussetzung dafür, dass wir unsere großen Infrastrukturprojekte – Rathaussanierung, Freibadsanierung und Gefahrenabwehrzentrum – finanzieren können. Daneben sollte unsere Verwaltung deutlich digitaler und damit auch bürgernäher sein. Verbunden mit der Sanierung des Immobilienbestandes ist auch das Ziel den Energiebedarf der städtischen Immobilien zu reduzieren, um die Stadt klimafreundlicher zu machen.

Bleiben wir bei den Gewerbeflächen: Die klassische „grüne Wiese“ für einen neuen Unternehmenssitz sehen Sie als Modell der Vergangenheit. Wie bekommt Oberursel stattdessen neue Unternehmen in die Stadt?

Jens Uhlig: Wir müssen unser Denken verändern. Durch Homeoffice, Desksharing und andere Arbeitsmodelle benötigen Unternehmen heute weniger Fläche. Das führt zu Leerständen. Die grüne Wiese für einen neuen Unternehmenssitz gehört deshalb aus meiner Sicht weitgehend der Vergangenheit an. Wir müssen vorhandene Gewerbeimmobilien richtig an den Markt bringen und brauchen eine hohe Diversifizierung. Das sieht man beispielsweise im Gewerbegebiet Süd und am Zimmersmühlenweg. Hier brauchen wir neue Konzepte, um Unternehmen dafür zu gewinnen, in Bestandsimmobilien nach Oberursel zu wechseln. Leerstehende Gewerbeflächen müssen neu vermarktet werden. Das ist nicht nur für Oberursel, sondern für das gesamte Rhein-Main-Gebiet eine große Aufgabe. Für unsere Stadt hat das natürlich auch eine finanzielle Dimension: Wenn wir Unternehmen gewinnen und Leerstände wieder nutzen, entstehen daraus zusätzliche Gewerbesteuereinnahmen.

Sie haben beruflich mit internationalen Unternehmen gearbeitet. Hilft Ihnen dieser Blick über Oberursel hinaus auch bei solchen Fragen?

Jens Uhlig: Auf jeden Fall. Ich habe ein Auslandsjahr in den USA verbracht und später in Australien studiert. Während meiner Zeit bei PwC habe ich unter anderem ein Projekt in der Schweiz gemacht sowie eng mit amerikanischen und englischen Kollegen von PwC gearbeitet. In meinem Team hatte ich Mitarbeiter in den USA, Großbritannien, Australien und Frankreich. Oberursel ist Standort vieler internationaler Unternehmen. Diese Erfahrungen helfen dabei, unterschiedliche Perspektiven und Unternehmensstrukturen zu verstehen.

Gleichzeitig betonen Sie immer wieder Ihre Verwurzelung in Oberursel. Wie viel Oberursel steckt eigentlich in Jens Uhlig?

Jens Uhlig: Sehr viel. Ich lebe seit meinem vierten Lebensjahr in Oberursel. Ich bin hier in den Kindergarten gegangen und im Elternhaus meiner Mutter aufgewachsen. Schon als Kind bin ich in die TSGO eingetreten und war über Jahrzehnte in Oberurseler Sportvereinen aktiv. Ich kenne die Stadt aus ganz unterschiedlichen Perspektiven: als Kind, als Jugendlicher, als Student, der nach Frankfurt gependelt ist, als Arbeitnehmer ohne Kinder und später als Familienvater. Jede Lebensphase verändert den Blick auf eine Stadt. Man nutzt andere Angebote und Freizeiteinrichtungen, hat andere Bedürfnisse und lernt andere Sorgen und Nöte kennen. Ich halte das für eine meiner großen Stärken für das Bürgermeisteramt. Ich kann mich mit vielen Oberurselern und ihren Lebenssituationen identifizieren.

Sie wohnen in der Kernstadt nahe dem Übergang nach Stierstadt. Wie gut kennen Sie Bommersheim, Oberstedten, Stierstadt, Weißkirchen oder den Norden tatsächlich?

Jens Uhlig: Ich kenne alle Stadtteile sehr gut. Oberursel-Mitte ist natürlich mein Heimspiel. Durch meine kommunalpolitische Tätigkeit und die Zusammenarbeit mit den Ortsbeiräten habe ich aber auch in den anderen Stadtteilen sehr viel gesehen und zusätzliche Einblicke in die unterschiedlichen Anliegen bekommen. Und ich habe in jedem Stadtteil Freunde und persönliche Kontakte. Dadurch bekommt man auch außerhalb von Sitzungen mit, was die Menschen beschäftigt. Mir ist wichtig, das Ohr am Stadtteil zu haben.

Eine Lebensperspektive fehlt Ihnen mit 53 allerdings noch: die des Rentners. Was braucht eine Stadt, in der durch den demografischen Wandel immer mehr ältere Menschen leben?

Jens Uhlig: Oberursel kann sich glücklich schätzen, so viele Rentner zu haben. Viele Menschen übernehmen im dritten Lebensabschnitt ehrenamtlich Aufgaben und tun damit der Stadt gut. Sie bringen spannende berufliche Erfahrungen und Kompetenzen ein, von denen Oberursel enorm profitiert. Gleichzeitig freuen sich viele darüber, weiterhin eine Aufgabe zu haben und etwas zurückgeben zu können. Aufgabe der Stadt ist es, zusätzliche Möglichkeiten und Angebote für ältere Menschen zu schaffen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, ihnen ein Leben zu Hause so lange wie möglich zu ermöglichen. Dort fühlen sich die meisten Menschen am wohlsten, und der Wunsch, in den eigenen vier Wänden zu bleiben, ist groß. Dazu gehört auch Unterstützung für pflegende Angehörige. Bei Bebauungsplänen und Bauvorhaben müssen wir darauf achten, barrierefreien Wohnraum zu schaffen. Zum Thema Tagespflege gibt es bereits Beschlüsse. Auch der Verein „INTERAKTIV“ trägt mit seinem Angebot erheblich dazu bei, Menschen ein möglichst langes selbstständiges Leben zu ermöglichen. Gleichzeitig können wir uns in Oberursel mit der Vielzahl an Pflegeeinrichtungen und Pflegeunternehmen glücklich schätzen.

Sie sprechen viel von Verwurzelung und Verlässlichkeit. Wie sieht das bei Ihnen privat aus?

Jens Uhlig: Konstanz und Verlässlichkeit sind mir wichtig. Ich habe meine Frau 1994 kennengelernt, seit 2004 sind wir verheiratet. Sie ist niedergelassene Hautärztin in Frankfurt-Riedberg. Wir haben drei Töchter im Alter von 18, 15 und 13 Jahren. Mein Bruder lebt mit seiner Familie in unmittelbarer Nähe. Seit der Nachkriegszeit leben Generationen der Familie Uhlig in Oberursel. Ich bin heimatverbunden, aber gleichzeitig weltoffen und neugierig. Und ich liebe Oberursel gerade wegen seiner überschaubaren Größe. Ich treffe praktisch jeden Tag Menschen, die ich kenne: alte Schulfreunde, Eltern von Klassenkameraden meiner Kinder, Menschen aus den Sportvereinen und natürlich aus der Politik. Das ist für mich ein Stück Lebensqualität.

Sie gelten eher als zurückhaltend und nicht als jemand, der unbedingt die größte Bühne sucht. Bürgermeisterwahlkampf bedeutet aber genau das Gegenteil: rausgehen, sichtbar sein, Menschen für sich gewinnen. Müssen Sie dafür ein anderer Jens Uhlig werden?

Jens Uhlig: Nein, das glaube ich nicht. Ich spreche gern mit Menschen und mir fällt es auch nicht schwer auf Menschen, die ich noch nicht kenne zuzugehen. Ich glaube, dass meine eher ruhige Art durchaus Menschen überzeugen kann.

So heimatverbunden Sie sind: Mit Freunden zieht es Sie seit Jahren ausgerechnet in Länder, die nicht unbedingt ganz oben auf der Liste klassischer Urlaubsziele stehen – Armenien, Georgien, Rumänien, Montenegro, Bosnien, Litauen, Polen oder Estland. Warum?

Jens Uhlig: Aus Neugier. Ich möchte andere Kulturen kennenlernen und über den eigenen Tellerrand schauen. Solche Reisen erweitern meinen Horizont – und ich glaube, dass dieser Blick auch für Oberursel hilfreich ist. Bosnien fand ich beispielsweise sehr spannend. Dort treffen christliche, jüdische und muslimische Einflüsse aufeinander. Ich habe erlebt, dass Menschen unterschiedlicher Religionen friedlich miteinander leben. Spannend, beziehungsweise problematisch wird es aus meiner Sicht dort, wo Impulse von außen dieses Zusammenleben stören.

Eine Station in Ihrem Leben dürften dagegen nur wenige Oberurseler kennen. Sie waren Gebirgsjäger in Mittenwald und mit Anfang 20 für die UN in Somalia. Warum haben Sie sich ausgerechnet diese Herausforderung gesucht?

Jens Uhlig: Ich wollte meine Bundeswehrzeit sinnvoll nutzen und der Ruf der Gebirgsjäger hat mich gereizt. Ich wusste, dass das sehr anstrengend wird aber das habe ich als Herausforderung gesehen. Die Zeit bei den Gebirgsjägern war dann auch unglaublich anstrengend. Ich war von Juli 1993 bis September 1994 bei der Bundeswehr und in Mittenwald stationiert. Während dieser Zeit war ich im Rahmen eines UN-Einsatzes in Somalia. Es war ein humanitärer Einsatz. Das Land war damals größtenteils befriedet, insofern ist die Situation nicht mit heutigen Einsätzen vergleichbar. Trotzdem gab es Gefahren und Risiken. Diese Zeit hat mich geprägt und ich habe bis heute konkrete Bilder vor Augen.

Das qualifiziert einen natürlich nicht zum Bürgermeister. Aber hat Somalia Ihr Menschenbild verändert?

Jens Uhlig: Es hat mein Menschenbild mitgeprägt. Hinzu kommt meine Nähe zur Kirche. Ich bin ein christlich geprägter Mensch und identifiziere mich mit dem Menschenbild und den Werten der CDU. Für mich gehören zwei Seiten zusammen: den Menschen als selbstständig und selbstverantwortlich zu sehen und gleichzeitig Verantwortung für den Mitmenschen zu übernehmen.

Was bedeutet dieses Menschenbild, wenn Menschen aus anderen Ländern nach Oberursel kommen und hier Schutz suchen?

Jens Uhlig: Die Menschenwürde ist unantastbar – für alle, unabhängig davon, welcher Nationalität jemand angehört. Es darf keine Zweiklassengesellschaft geben. Menschen, die Schutz benötigen, müssen menschenwürdig behandelt werden. Gleichzeitig habe ich Erwartungen an Menschen, die bei uns aufgenommen werden. Dazu gehören die Treue und Anerkennung unserer Verfassung, Respekt und Toleranz gegenüber anderen Glaubensrichtungen und auch die Anerkennung dessen, dass sie hier Schutz erhalten. Beide Seiten sind für mich wichtig.

Hilft Ihnen Ihre Erfahrung aus Somalia heute dabei, auf Fluchtbewegungen und deren Folgen für die Kommunen zu schauen?

Jens Uhlig: Die Zeit dort hat mich geprägt und meine Neugier auf andere Menschen und Lebenswirklichkeiten verstärkt. Fluchtbewegungen nach Deutschland und in unsere Kommunen sind eine große Aufgabe. Dabei hilft es, nicht nur aus der eigenen Perspektive auf Menschen und ihre Lebenssituationen zu schauen.

Sie treten an, weil Sie gewinnen wollen. Können Sie eigentlich gut verlieren?

Jens Uhlig: Wer verliert schon gerne? Nein, im Ernst: Ich glaube, ich bin ein ganz guter Verlierer. Ich habe im Laufe meines Lebens gelernt, mich nicht so sehr von der Beurteilung Dritter abhängig zu machen. Das ist als Politiker eine wichtige Voraussetzung, um dem eigenen Gewissen und dem Amtseid folgen zu können. Sollte ich verlieren, wäre ich trotzdem enttäuscht, da so ein Wahlkampf mit einem großen persönlichen Einsatz verbunden ist. Auch für alle, die sich für mich reingehängt haben, täte es mir leid.

Was wäre für Sie persönlich die größere Niederlage: die Wahl zu verlieren – oder die Menschen gar nicht erst erreicht zu haben?

Jens Uhlig: Leider bekommen viele Bürgerinnen und Bürger nicht viel von Kommunalpolitik mit. Das ist schade, weil sie jeden direkt vor Ort betrifft. Wenn ich nicht gewählt werde, weil die Bürger gar nicht wissen, was meine Ziele sind und wie ich diese umsetzen will, dann wäre das natürlich besonders bitter.

Und was soll ein Oberurseler, der Sie heute noch nicht kennt, nach diesem Interview über Jens Uhlig wissen?

Jens Uhlig: Jens Uhlig hat eine klare Vorstellung davon, wie er Oberursel gestalten will. Er hat eine Analyse durchgeführt und daraus ein Vorgehen abgeleitet, wie er seine Ziele umsetzen möchte. Seine Ziele leitet er aus einem klaren Wertesystem ab.

Und wenn Sie Analyse, Vorgehen und Ziele einmal beiseitelassen: Was für ein Mensch ist Jens Uhlig?

Jens Uhlig: Ich bin ein optimistischer Mensch. Familie, Sport und Natur sind für mich Kraftquellen. Ich bin jeden Tag dankbar für die Unterstützung meiner Familie, die Schönheit der Natur um mich herum und die Möglichkeit, hier direkt vor der Tür im Taunus Sport machen zu können. Das hilft mir besonders an Tagen, an denen es nicht so läuft oder ich mich über etwas ärgere.

Herr Uhlig, vielen Dank für das offene und informative Gespräch – und dafür, dass wir heute nicht nur den Politiker Jens Uhlig kennenlernen durften.



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