Ursella-Preis für den Geschichtskreis Motorenfabrik

Mitglieder des Geschichtskreises Motorenfabrik Oberursel, darunter Vorsitzender Michael Kern, 5. v. l., und Autor Helmut Hujer, 2. v. l.Foto: gt

Oberursel (gt). Am vergangenen Donnerstag fand im großen Sitzungssaal des Oberurseler Rathauses die Verleihung des Ursella-Preises der CDU Oberursel statt. Zu den Gästen gehörten Vertreter vieler Oberurseler Vereine sowie von anderen Parteien. In seiner Begrüßung lobte Martin Bollinger, dass das überparteiliche Publikum die Wertschätzung für Bürger zeige, die die Gesellschaft zusammenhalten. Der Preis ist mehr als eine Auszeichnung, sagte er, es ist ein „sichtbares Zeichen für Menschen, die Oberursel auch gestalten und ehrenamtlich tätig sind.“ Auch der Künstler Hendoc, der den Preis erschaffen hat, war anwesend.

Bürgermeisterin Antje Runge ergänzte, dass der Preis für außergewöhnliches Engagement steht, für Menschen, die „nicht nur meckern, sondern selber machen“.

In diesem Jahr wurde der Ursella-Preis zum ersten Mal nicht an eine Einzelperson, sondern an einen Verein verliehen: den Geschichtskreis Motorenfabrik Oberursel. Dessen Vorsitzender Michael Kern nahm den Preis, der mit 500 Euro dotiert ist, entgegen.

In seiner Laudatio erzählte Michael Reuter die Geschichte des Vereins. Alles fing mit dem neuen Namen „BMW Rolls Royce Aero Engines“ und der neuen Konzernstrategie im Januar 2000 an. Einige Büroräume in Holzbauweise, die nicht mehr zeitgemäß erschienen, sollten abgerissen werden. Gleichzeitig hatte der damalige Leiter der Logistik, Heiko Wenzel, schon lange das Problem, dass es keinen Raum gab, um wertvolle Objekte und Relikte aus der Vergangenheit des Werks, die er im Laufe von vielen Jahren gesammelt hatte, unterzubringen. Als er seinen Chef Michael Kern nach einer Lösung fragte, entwickelte Kern die Idee, aus einer abrissreifen Holzbaracke ein Werksmuseum zu entwickeln.

Die beiden Initiatoren infizierten etwa ein Dutzend Mitarbeiter und Familienangehörige mit dem „Museums-Idee-Virus“ und so renovierten sie in ihrer Freizeit und an Wochenenden das Gebäude, das von außen und innen geschliffen und gestrichen wurde. Es wurden Teppichboden verlegt, Treppen gemauert, Fundamente gegossen und Lichtanlagen installiert. Alles in Eigenleistung und ehrenamtlich, aber mit finanzieller und ideeller Unterstützung durch die damalige Werksleitung. Das Bier für die Schaffenden wurde zur Kühlung im nahen Urselbach abgestellt.

Die Initiativgruppe

Hierzu zählten Mitarbeiter von Heiko Wenzel, zwei Söhne von Michael Kern und die damalige Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit, Bianka Wenzel. Sie hatte ein besonderes Händchen für Illustrationen, Schautafeln und Plakatierungen und recherchierte auch historische Fakten und Zusammenhänge. Bianka Wenzel gestaltete so den Ausstellungsbereich mit seinen ersten Exponaten und Erläuterungen. Das erste, schon im September 2000 ins Museum gebrachte Exponat war ein modernes, von BMW Rolls-Royce Aero Engines mit Sitz in Oberursel entwickeltes Turbofantriebwerk BR 710.

Am Montag, 30. September 2002, war es dann so weit: Anlässlich des 110-jährigen Jubiläums der Motorenfabrik wurde das Werksmuseum unter Regie des Unternehmens Rolls Royce Deutschland eröffnet. Erste Leiterin und Organisatorin der Festveranstaltung war Bianka Wenzel. Der hessische Ministerpräsident Roland Koch führte die Reihen der rund einhundert hochrangigen Ehrengäste aus Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und dem Militär an. Aber einer war, aus geschäftlichen Gründen, tatsächlich schon vorher da, und zwar am Dienstag, 20. August 2002: kein Geringerer als der heutige Bundeskanzler Friedrich Merz, wie man auf Fotos im ersten Gästebuch des Museums erkennen kann. „Von Oberursel kennt er also zumindest das Werksmuseum der Motorenfabrik“, kommentierte Reuter über seinen Parteikollegen.

Michael Kern, mittlerweile Leiter des Standorts Oberursel, wollte aber noch mehr – nämlich komplette Luftfahrzeuge für die Ausstellung. So beauftragte er im Herbst 2006 Helmut Hujer, der damals gerade aus dem aktiven Berufsleben ausgeschieden war. Noch immer bestens vernetzt zur Bundeswehr, machte er sich auf die Suche nach geeigneten Objekten. Hujer wurde in internen Kreisen auch gerne „Werks-Hemingway“ tituliert, denn er liebte es, umfangreiche Mitteilungen, Reise- und sonstige Berichte zu verfassen. Sein Auftrag sollte es nun werden, Luftfahrzeuge zu beschaffen.

Mit seinen Connections ging er auf die Suche und wurde fündig: Im norddeutschen Faßberg gab es einen ausgemusterten Jagdbomber Fiat G91 mit Triebwerk aus Oberursel. In einer für Bundeswehr-Verhältnisse sensationell kurzen Zeit von nur vier Monaten konnte er einen Übernahmevertrag mit dem damaligen Bundeswehr-Beschaffungsamt in Koblenz schließen. Nach Neulackierung in Erding und aufwendigem Aufbau am Museum konnte das Flugzeug dann beim Tag der offenen Tür im August 2008 erstmals präsentiert werden.

In dieser Zeit kam man auf die Idee, einen Verein zu gründen, und am Donnerstag, 5. August 2010, wurde nach umfangreichen Vorarbeiten der „Geschichtskreis Motorenfabrik Oberursel“ in der Gründungsversammlung aus der Taufe gehoben. Erster Vorsitzender des jungen Vereins wurde Erich Auersch. Helmut Hujer machte sich daran, ein Buch über die Werksgeschichte zu schreiben, das am Ende fast 900 Seiten lang wurde.

Im Jahr 2012 gelang es Helmut Hujer, mit seinem Bruder Günter und Erich Auersch in Ungarn einen GNOM-Motor aufzuspüren und nach Oberursel zurückzuholen. Der Motor wurde schließlich von Alexander Markowitsch und Vlastimil Sidak, einer befreundeten Koryphäe für historische Motoren, bei Markowitsch in seiner Garage zu neuem Leben erweckt und im vergangenen Jahr bei der Mobilitätsausstellung AiA und nochmals beim Herbsttreiben vorgeführt.

Der Verein, der 50 Mitglieder hat, möchte in diesem Jahr einen separaten Zugang zum Museum erschaffen, damit Besuchergruppen nicht mehr durch die aufwendigen Zugangskontrollen auf das Werksgelände geschleust werden müssen.

„Der Ursella-Preis 2026 soll diese Verdienste anerkennen und würdigen und den Verein anspornen, seine Arbeit und seinen Idealismus fortzusetzen“, sagte Michael Reuter abschließend. „Dieser Preis ist für uns weit mehr als eine Trophäe, er ist eine Anerkennung für die unzähligen Stunden, die investiert werden, um die Industriegeschichte unserer Stadt lebendig zu halten“, sagte Michael Kern nach der Laudatio. „Es ist eine besondere Ehre für unseren Verein“, ergänzte Helmut Hujer.

Musikalisch wurde der Abend von der Gruppe „Toms & Jerries“ begleitet.

Michael Reuter, CDU, beim Vortragen der LaudatioFoto:gt

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