Oberursel (dmk). Ob Familie Köstler mit ihrem Feuerwehrauto beim Seifenkistenrennen des Vereins Kunstgriff am Samstag, 15. August, in der Strackgasse die Bestzeit aufstellt, kann niemand vorhersagen. Aber gewonnen hat die vierköpfige Familie schon jetzt: ganz viel Wissen über den Bau einer Seifenkiste und über Handwerkskunst. Das alles dank der Teilnahme an einem Kurs der Volkshochschule, VHS, dank der Bereitschaft von Schmiedemeister Dirk Velte, diesen Kurs in seiner eigenen Werkstatt zu leiten, und dank Klaus Winkler von einer ehrenamtlichen Nachbarschaftsinitiative am Oberurseler Marktplatz – und schließlich dank der Verleihung des Titels „World Design Capital, WDC 2026“ an die Region Frankfurt / Rhein Main.
Zunächst in die Werkstatt der Metallmanufaktur Velte in der Straße „An den drei Hasen“: Am heißesten Tag des Jahres haben sich Dieneke, Thomas, Lina und Paco Köstler mit Metall-Fachmann Dirk Velte getroffen, um ihr Projekt anzugehen. Bereits am Tag zuvor wurden von dem Team die ersten Pläne gezeichnet. Die Seifenkiste soll ein Feuerwehrauto werden – ein Zugeständnis an Sohn Paco, der bei der Freiwilligen Feuerwehr in Oberursel aktiv ist.
Vater Thomas hat eine Menge Fahrradteile aus dem Flickwerk des Vereins Windrose mitgebracht, in dem er mit vielen anderen ehrenamtlich gespendete Fahrräder instand setzt, um sie an Geflüchtete und Menschen mit geringem Einkommen weiterzugeben. Teile eines zerlegten Kleiderschranks einer Nachbarin haben die Köstlers ebenfalls im Gepäck.
Bevor die mitgebrachten Teile zum Einsatz kommen, wird erst einmal Metall bearbeitet. Die vier Köstlers müssen sägen, feilen, schweißen. Die Vorderachse soll gefertigt werden. Später wird die Kiste vier Luftreifen haben und eine Lenkung mit Seilzügen, die nicht zu heftig reagiert. Eine Federung gibt es nicht; die Stöße beim Rennen auf dem Kopfsteinpflaster in der Strackgasse sollen die Luftreifen abmildern.
Dirk Velte könnte für alles konkrete Vorgaben machen, aber die Kursteilnehmer „sollen selbst drauf kommen“, was sinnvoll ist, sagt er – und ist begeistert vom technischen Verständnis des Familienquartetts. Aber alles können sie natürlich nicht wissen. So gibt es erst einen Kurzlehrgang „Sägen“, später den Lehrgang „Schweißen“ – alles mit der gebotenen Vorsicht: Gearbeitet wird mit Gehörschutz, Handschuhen, Schutzbrille und mehr.
Die Feuerwehr-Seifenkiste, die in den kommenden Wochen entsteht, kommt am Renntag in der Strackgasse sowohl beim Kinder- als auch beim Erwachsenenrennen zum Einsatz, kündigt Dieneke Köstler an. Sie selbst besucht häufiger Kurse der Volkshochschule, war so auf den Seifenkistenkurs aufmerksam geworden, hat ihre Familie dafür begeistert – und wird nun „Rennwagen“-Pilotin. Vater Thomas steigt nicht in die Seifenkiste. „Ich bin nur als Mechaniker dabei“, sagt er. Eine Position, die in einem professionellen Rennstall unbedingt gebraucht wird. Auch beim Seifenkistenrennen.
Die Ideen und Initiativen vieler in und für Oberursel engagierter Menschen treffen in dem Seifenkistenkurs der VHS aufeinander. Drei Familien hatten sich angemeldet, davon geblieben ist eine. Die Idee für den Kurs kommt von der Marktplatzinitiative um Klaus Winkler. Diese sieht sich als Teil der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026. Design versteht sie dabei nicht als schickes Objekt, sondern als Haltung: zuhören, verbinden, möglich machen. Das sei „Design for Democracy“, ist auf der Internetseite der Initiative, babbelwith.me, zu lesen. Von den Marktplatz-Anwohnern stammt übrigens auch die Idee für die Babbelbänke, die, gefertigt in den Oberurseler Werkstätten, Menschen ins Gespräch bringen sollen.
Bei der Suche nach einem Leiter für den Seifenkistenkurs, der dank WDC vom Hochtaunuskreis unterstützt wird, ist Winkler auf Dirk Velte getroffen, der bereits mit der Handwerkskammer Frankfurt an einem WDC-Projekt beteiligt ist: an dem Festival Three days of Design im dänischen Kopenhagen. WDC hier, WDC dort – es war von Winkler wohl nicht viel Überzeugungsarbeit nötig. Velte sagte gerne zu.
Bei dem von Velte besuchten Kopenhagener Design-Festival kommen Handwerker und Designer zusammen, so auch Dirk Velte und das Designstudio „Haus Moos“. Kein Wunder, dass in der Werkstatt von Dirk Velte – neben den Seifenkisten-Stücken – erste Teile von Stühlen und Tischen zu sehen sind. Noch sehen sie nicht wirklich nach Designermöbeln aus. Das wird sich aber wohl ändern, und die Ergebnisse sollen nach dem Oberurseler Herbsttreiben im September ausgestellt werden. Ganz viel WDC also. Kaum ein Ort mache so viel wie Oberursel, sagt Dirk Velte. Mit WDC verknüpft ist jedenfalls auch das zum Orscheler Sommer gehörende Seifenkistenrennen im August. Das Rennen wird am Marktplatz gestartet, also haben es die dortigen Nachbarn in Absprache mit dem Verein Kunstgriff gerne auch in ihr Programm aufgenommen. Für das Event – bei dem natürlich auch einige Babbelbänke stehen werden – ist nun auch ein Design-Preis ausgeschrieben. Ob er an das Feuerwehrauto von Familie Köstler geht, ist ungewiss. Design, Kreativität und Teamgeist werden nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre wahrscheinlich bei vielen teilnehmenden Kisten sichtbar. Keine leichte Aufgabe für die Jury.




