Die Weimarer Republik mit einem Blick auf Oberstedten

Auch ein Blick auf die Oberstedter Hauptstraße im Jahr 1930 war ein Teil der Präsentation. Foto: Martin Heinrichs

Oberursel (ow). Am Donnerstag, 23. April, konnte der Geschichts- und Kulturkreis Oberstedten den Historiker Erhard Bus in seinem Vereinsraum im Alten Rathaus Oberstedten begrüßen. Das Thema des Abends, „Bemerkungen zur Weimarer Republik mit einem Blick auf Oberstedten“, stieß auf großes Interesse – der Vortrag fand vor einem voll besetzten Saal statt.

Die Zeit der Weimarer Republik begann mit der Ausrufung der Republik am Samstag, 9. November 1918, durch Philipp Scheidemann sowie der Flucht Kaiser Wilhelms II. ins niederländische Exil. Sie endete mit der Machtergreifung der NSDAP und der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am Montag, 30. Januar 1933.

Erhard Bus führte mit seiner Präsentation durch diese bewegte Epoche und richtete dabei immer wieder den Blick auf Oberstedten. Im Jahr 1919 zählte der Ort 1.606 Einwohner und wuchs bis 1925 auf 1.711 Einwohner an. Rund 85 Prozent der Bevölkerung waren in der Industrie beschäftigt, Bürgermeister war zu dieser Zeit August Schaller.

Die Folgen des Ersten Weltkriegs, besonders die harten Auflagen des Versailler Vertrags, belasteten Politik und Menschen stark. Hinzu kam der Verfall der Währung, der 1923 in der Hyperinflation gipfelte und zu großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten führte. Auch in Oberstedten lassen sich eindrucksvolle – aus heutiger Sicht nahezu absurde – Dokumente aus dieser Zeit finden: So betrug die Hundesteuer im Jahr 1923 eine Milliarde Mark, und die Gemeinde stellte maschinengeschriebene Gutscheine über vier Milliarden Mark aus.

Mit der Einführung der Rentenmark im November 1923 setzte eine wirtschaftliche Erholung ein, die jedoch durch die Weltwirtschaftskrise ab 1929 abrupt beendet wurde. Die Arbeitslosigkeit stieg bis 1932 auf über 30 Prozent und trug maßgeblich zum politischen Wandel und zum Aufstieg der NSDAP bei.

1930 wurde die NSDAP auch in Oberstedten aus dem Stand zur zweitstärksten Partei. Dieses Ergebnis ist besonders bemerkenswert, da noch 1924 die KPD starken Zuspruch im Ort erhielt – Oberstedten galt zeitweise sogar als kommunistische Hochburg.

Im Anschluss an den Vortrag wurde die Frage aufgeworfen, wie diese Wählerwanderung im Vergleich zu anderen Gemeinden zu bewerten sei. Laut Erhard Bus stellte Oberstedten hierbei keinen Sonderfall dar: Ähnliche Entwicklungen waren in vielen Gemeinden der Republik zu beobachten, wobei katholisch geprägte Orte tendenziell widerstandsfähiger waren.

Ein Teil der Faszination dieser Zeit liegt laut Bus in ihren Gegensätzen und der Intensität der Ereignisse. Kulturelle und wissenschaftliche Neuerungen sowie ein ausgeprägtes Gefühl von Aufbruch und Moderne prägen bis heute den Begriff der „Goldenen Zwanziger Jahre“.

Auch in Oberstedten zeigten sich Spuren dieser neuen Unterhaltungsformen. 1921 gab es im „Homburger Hof“ ein Lichtspielhaus. – Doch halt! Davon war im Vortrag ja gar nicht die Rede.

Dieses Detail aber bildet eine schöne Brücke: Wer sich eingehender mit der Weimarer Republik in Oberstedten beschäftigen möchte, findet einen guten Einstieg in der Chronik des Ortes. Erhard Bus hat dort mit dem Kapitel „Oberstedten zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus, 1914–1933“ einen lesenswerten Beitrag verfasst – inklusive des Hinweises auf das Lichtspielhaus.

Erhard Bus bei seinem Vortrag über die „Weimarer Republik“ in Oberstedten.

Foto: Jürgen Friedrich

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