Zwei Bühnen-Legenden auf der Bühne

Schwalbach (cl). Mit einem Drei-Personen-Stück und großen Namen hat die Kulturkreis GmbH zum Abschluss der Theatersaison am vergangenen Freitag noch einmal einen Volltreffer gelandet.

Abgesehen davon, dass es fürs Zuschauen durchaus angenehm ist, wenn jeder Schauspieler und jede Schauspielerin nur eine Rolle spielt, hatte das Schwalbacher Publikum auch noch das große Vergnügen, mit Doris Kunstmann und Ron Williams in den beiden Titelrollen zwei wahre Legenden auf der Bürgerhaus-Bühne erleben zu dürfen.

Doris Kunstmann, die Grand Dame unter den deutschen Schauspielerinnen, hat erst vor anderthalb Jahren in der NDR-Talkshow ihr wahres Alter enthüllt: Tatsächlich ist sie im Oktober 1941 geboren und nicht – wie sie bis dahin angegeben hatte – Jahrgang 1944.

In dem Theaterstück, das vor ziemlich genau 29 Jahren in New York Premiere hatte, ist Miss Daisy anfangs 72 Jahre alt. Man schreibt das Jahr 1948. Daisy Werthan, eine wohlhabende, ziemlich eigenwillige jüdische Witwe, lebt in Atlanta, der Hauptstadt Georgias, wo es in den 40er-Jahren selbst für US-Verhältnisse ganz besonders rassistisch zugeht. Und auch die gebildete, pensionierte Lehrerin äußert sich durchaus voller Vorurteile gegenüber Angehörigen der schwarzen Bevölkerung.

Doch weil die alte Dame nach mehreren Blechschäden nun zum wiederholten Mal einen bedenklichen Unfall verursacht hat, schaut sich ihr Sohn Boolie „unter den Schwarzen der Stadt“ nach einem geeigneten Chauffeur um. Sehr zum Missfallen der Frau Mama, die sich keinesfalls das Steuer aus der Hand nehmen lassen will und aus Protest zunächst nur Bus fährt. Hans Machowiak spielt den geduldigen und leidgeprüften Sohn, der weiß, wie er mit der ziemlich sturen und uneinsichtigen Mutter umzugehen hat, ganz großartig.

Autor und Pulitzer-Preis-Träger Alfred Uhry gelingen wunderbare Dialoge, sehr gut übersetzt von Ursula Lyn. Der Schlagaustausch zwischen allen drei Figuren ist ausgesprochen amüsant. Aber dann bleibt dem Publikum doch das Lachen im Halse stecken, etwa, wenn der inzwischen durchaus akzeptierte schwarze Chauffeur Hoke Coleburn während einer längeren Autofahrt anhalten und austreten möchte. Chefin Daisy will das aus Zeitgründen nicht erlauben, denn sie hat es eilig. Warum er nicht beim Tanken auf die Toilette gegangen sei, raunzt sie ihn vorwurfsvoll an. Sie wisse doch, dass das den Schwarzen nicht erlaubt sei, antwortet Hoke wütend.

Miss Daisy macht während der Jahre 1948 bis 1973, deren Ereignisse das Stück erzählt, eine politische Entwicklung durch und wird schließlich zu einer Unterstützerin von Martin Luther King. Dramatiker Alfred Uhry orientiert sich in seiner Geschichte an wahren Begebenheiten dieser Jahrzehnte.

Auch der Chauffeur Hoke ist nicht mehr jung, bei seiner Einstellung immerhin schon 60, am Ende der Handlung 85 Jahre alt. Gespielt wird er von dem gebürtigen Kalifornier Ron Williams, Jahrgang 1942. Als Soldat nach Deutschland gekommen, wurde er hier bald durch zahllose Hörfunk- und Fernsehauftritte bekannt.

Nach der Schwalbacher Vorstellung, die mit tosendem, langanhaltendem Applaus belohnt wurde, hielt Ron Williams eine kleine Ansprache, erzählte, wie es ihm selbst ergangen ist, als er im Herbst 1960 als junger Soldat zur weiteren Ausbildung nach Georgia kam und dort nicht aus demselben Wasserspender wie die Weißen trinken durfte.

Ron Williams hat in der flotten Inszenierung von Frank Matthus mit der gelungenen Ausstattung von Monika Maria Cleres selbst entschieden, dass er als Hoke an mehreren Stellen singt. Nicht nur, weil er es sehr gut kann, sondern auch, weil er meint, dass dies zu den unterdrückten Schwarzen einfach dazugehört. Das Publikum goutierte das. Und Ron William setzte noch eine Zugabe drauf und sang als Abschluss einer rundum gelungenen Aufführung „Georgia On My Mind“ von Ray Charles. Mit der wundervollen Doris Kunstmann und dem vielseitigen Ron Williams haben zwei Urgestalten von Bühne, Film und Fernsehen beeindruckend gezeigt, dass man auch mit Mitte 80 noch einen Theaterabend bestreiten kann.

Und als dann am Ausgang noch die blauen Kärtchen mit den Stücken, die für die kommende Theatersaison ab Herbst auf den Spielplan stehen, verteilt wurden, freuten sich viele Schwalbacherinnen und Schwalbacher bestimmt schon auf die neue Saison.

Auch mit Mitte 80 begeisterten Doris Kunstmann und Ron Williams beim jüngsten Theaterabend im Bürgerhaus. Foto: Dettmann



X