Demenz nimmt Erinnerungen – nicht die Würde

Lebendiger Austausch beim Runden TischFoto: sis

Er vergisst einen Namen. Dann einen Termin. Vielleicht irgendwann den Weg nach Hause. Ein vertrauter Mensch verändert sich, reagiert anders, wird für die eigene Familie manchmal sogar zum Fremden. Demenz nimmt viel. Eines aber darf sie niemals nehmen: die Würde eines Menschen. In Steinbach wollen Stadt, Kirchen, Fachstellen und Ehrenamtliche deshalb nicht länger nur einzelne Hilfen anbieten. Sie wollen daraus ein Netz knüpfen, das trägt – Betroffene genauso wie ihre Familien.

Steinbach (sis) - Manchmal ist es ein Ball, der durch einen Raum fliegt. Manchmal ein Besuch an der Haustür. Manchmal ein Lied, dessen Text plötzlich wieder da ist, obwohl vieles andere längst verschwunden scheint. Und manchmal sind es Menschen, die an einem Tisch sitzen und überlegen, wie eine Stadt lernen kann, besser mit Demenz zu leben. Genau darum ging es beim Runden Tisch „Demenzfreundliches Steinbach“. Bürgermeister Steffen Bonk, auf dessen Einladung die Beteiligten zusammenkamen, konnte krankheitsbedingt nicht teilnehmen und ließ über Nicole Gruber, die die Gäste in seinem Namen begrüßte, herzliche Grüße ausrichten.

Wie wichtig ihm das gemeinsame Vorgehen ist, hatte Bonk bereits anlässlich der Vorstellung des Runden Tisches deutlich gemacht: „Wir haben in Steinbach bereits viele gute Angebote und engagierte Menschen, die sich des Themas annehmen.“ Entscheidend sei, „dass wir nicht nebeneinander arbeiten, sondern unsere Kräfte bündeln und gemeinsam Lösungen entwickeln“. Ein Miteinander sei dabei „nicht nur unser Ziel, sondern auch der Weg, den wir gehen wollen, um die Lebenssituation von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen in Steinbach weiter zu verbessern“. Federführend begleitet Bärbel Andresen vom Stadtteilbüro Soziale Stadt Steinbach das Projekt. Demenz stehe schon seit geraumer Zeit im Fokus. Vieles gibt es längst: seit 2024 einen monatlichen Gesprächskreis für Angehörige, dazu eine kostenlose Sprechstunde, die von der Stadt Steinbach finanziert wird. Die IG Senioren organisierte bereits Seniorenmessen, aus Begegnungen dort entstanden wiederum neue Ideen und Kooperationen.

Der Runde Tisch selbst traf sich erstmals am 1. Juni im Rathaus. Andresen spricht von einer „Buntheit aller Beteiligten“, aber auch von einem „Flickenteppich der Akteure“. Unterschiedliche Institutionen haben unterschiedliche Angebote. Genau darin liegt die Chance – wenn es gelingt, sie zusammenzubringen. Der Runde Tisch soll deshalb nicht einfach einen weiteren Flicken hinzufügen. Er soll die vorhandenen zusammennähen. Und das soll kein einmaliges Treffen bleiben. Zweimal im Jahr wollen die Beteiligten zusammenkommen, neue Ideen entwickeln und vor allem dafür sorgen, dass Hilfen nicht nur vorhanden sind, sondern auch gefunden werden. Ende Oktober trifft sich die Runde erneut im Rathaus. Aus vielen einzelnen Angeboten soll so nach und nach genau das werden, was Betroffene und Angehörige brauchen: ein verlässliches Netz.

Wenn ein Lied plötzlich wieder da ist

Wie konkret Hilfe aussehen kann, zeigt „MOMENT!“. Seit 2025 gibt es das ganzheitliche Bewegungsprogramm zur körperlichen und geistigen Aktivierung donnerstags von 15.30 bis 16.30 Uhr im Evangelischen Gemeindehaus. Anja Schreher, seit 16 Jahren für die Diakonie in Steinbach und Kronberg tätig, kennt die Arbeit mit Menschen mit Demenz auch aus der häuslichen Betreuung. Dort werden Erkrankte von fachlich geschulten Ehrenamtlichen begleitet. „Bewegung ist vom Kindesalter bis ins hohe Alter absolut wichtig“, sagt Schreher. Das Konzept sei gerade in der Gruppe ausgesprochen förderlich. Fortschritte seien bei den Teilnehmern regelmäßig sichtbar. Bälle werden zugeworfen, Tücher kommen zum Einsatz, es wird sich gedehnt, Muskeln und Gelenke werden trainiert. Muskelaufbau ist gerade mit Blick auf die Sturzprophylaxe wichtig. Bei sogenannten „Dual Tasks“ muss beispielsweise ein Ball weitergegeben und gleichzeitig ein Name im Gedächtnis behalten werden. Körper und Kopf arbeiten gemeinsam.

Auch Klänge können motivieren

Und damit ist man schnell bei Pfarrer Herbert Lüdtke. Seit 1989 prägt er die Evangelische Sankt Georgsgemeinde. Menschen mit Demenz begegnet er in seiner Gemeinde, bei der Seelsorge und bei Andachten in Pflegeeinrichtungen, darunter im Avendi-Haus in Steinbach und im Matthöfer-Haus in Oberursel. „Inzwischen sind meine Andachten überwiegend demenzsensibilisiert, weil sie allen guttun“, sagt Lüdtke. Musik ist sein Steckenpferd. Vertraute Lieder, Gebete und Texte können Halt geben. Psalm 23, „Der Herr ist mein Hirte“, ist für ihn ein Beispiel dafür. Lüdtke hat erlebt, dass Menschen tagelang kaum gesprochen haben – und sich etwas verändert, sobald Musik erklingt. Eine Regung, eine Reaktion, im besten Fall sogar ein Mitsingen. Vertraute Texte können erstaunlich lange präsent bleiben. Lüdtke weiß dabei nicht nur aus seiner Arbeit, wovon er spricht. Seine eigene Mutter ist 99 Jahre alt und dement.

Bei „MOMENT!“ sind die Teilnehmer zwischen 78 und 89 Jahre alt, in Kronberg nimmt sogar ein 90-Jähriger teil. Sechs bis sieben Menschen gehören derzeit zur Steinbacher Gruppe, maximal zehn können teilnehmen. Gerade solche Angebote seien wichtig, weil Menschen mit Demenz klassische Therapie- und Rehaangebote aufgrund ihrer Einschränkungen oftmals nicht mehr ohne Weiteres wahrnehmen können.

„Das Leben ist verdammt schwer, wenn man Demenz hat“

Demenz verändert nicht nur den Erkrankten. Sie verändert Beziehungen. Angehörige kämen oft nur schwer damit zurecht, wenn ein Mensch plötzlich ein anderes Gesicht zeige, sagt Lüdtke. Verhaltensweisen tauchen auf, die man von Partner, Mutter oder Vater nicht kennt. Daraus können Probleme innerhalb einer Familie entstehen, die es vorher nie gab. Lüdtkes Appell ist deshalb ebenso schlicht wie grundsätzlich: Die Menschenwürde muss erhalten bleiben. Man dürfe sich für Demenz nicht schämen. Die Erkrankung sei noch immer ein Tabuthema, und gerade deshalb müsse die Würde immer wieder ins Bewusstsein gerufen und das christlich-jüdisch geprägte Menschenbild bewahrt werden.

Wie schwer sich ein Leben anfühlen kann, wenn Selbstverständliches plötzlich nicht mehr selbstverständlich ist, hat Christine Lenz von der IG Senioren zumindest für kurze Zeit selbst ausprobiert. In Workshops sollen Übungen einen Eindruck davon vermitteln, welche Herausforderungen Demenz mit sich bringen kann. Aufgaben müssen beispielsweise spiegelverkehrt bewältigt werden. Lenz absolvierte alle 13 Übungen. Ihr Fazit danach: „Das Leben ist verdammt schwer, wenn man Demenz hat.“

Die IG Senioren beschäftigt sich seit rund sechs Jahren intensiv mit den Bedürfnissen älterer Menschen in Steinbach. Rund 2.500 Senioren leben in der Stadt. Um herauszufinden, was ihnen fehlt, wurden die über 60-Jährigen angeschrieben und um die Beantwortung von 30 Fragen gebeten. Mehr als 40 Prozent beteiligten sich. Für Lenz, selbst Marketingexpertin, ein außergewöhnlich guter Rücklauf. Die Ergebnisse schufen eine Grundlage für neue Angebote. Dazu gehören die Sprechstunden und der monatliche Gesprächskreis für Angehörige. Seine besondere Stärke: Hier sind Angehörige unter sich. Niemand muss lange erklären, wie sich Überforderung anfühlt. Menschen mit ähnlichen Erfahrungen können sich austauschen und gegenseitig Kraft geben.

Alexandra Rauf, Demenzverantwortliche der Fachstelle für den Hochtaunuskreis und Bad Homburg, unterstrich die Bedeutung solcher Netzwerke. Die Zusammenarbeit mit der IG Senioren sei hervorragend, es gebe viele Synergieeffekte. Sie sei dankbar für den Runden Tisch und offen dafür, neue Entwicklungen auszuprobieren. Beim Hochtaunuskreis treffe das Thema Demenz auf „sehr fruchtbaren Boden“. Rauf kann sich sogar vorstellen, den Steinbacher Ansatz in andere Städte zu tragen. Und sie räumt mit einem verbreiteten Bild auf: „Demenz kennt kein Alter.“ Diagnostik und Aufmerksamkeit seien heute deutlich besser als früher. Deshalb müsse auch an Menschen gedacht werden, die bereits vor ihrem 60. Lebensjahr erkranken. Auch sie brauchen passende Angebote. Die Fachstelle berät Angehörige im gesamten Hochtaunuskreis – unabhängig davon, ob diese direkt in der Nähe oder weiter entfernt leben. Gerade weil Familien heute häufig nicht mehr am selben Ort wohnen, gewinnen sogenannte „Long Distance Angehörige“ an Bedeutung. Zusätzlich bietet die Fachstelle Schulungen rund um das Thema Demenz an.

50.000 Euro – aus Zahngold

An Ideen mangelt es in Steinbach jedenfalls nicht. Und an einer Stelle wird die Geschichte ziemlich ungewöhnlich. Denn ausgerechnet Zahngold hilft dabei, die Demenzarbeit auszubauen. Zahnärzte spendeten der Evangelischen Sankt Georgsgemeinde gesammeltes Zahngold – ausdrücklich für die Gemeinde in Steinbach. Dann schoss der Goldpreis in die Höhe. Am Ende stand ein Gegenwert von rund 50.000 Euro. Lüdtke möchte, dass dieses Geld nachhaltig für Demenzprojekte eingesetzt wird. Auch über seine eigene Zeit hinaus: In etwa einem Jahr geht der Pfarrer in den Ruhestand. Geld für Projekte ist vorhanden, Räume hat die Gemeinde ebenfalls, und mit dem Hochtaunuskreis weiß sie einen Partner an ihrer Seite. Die 50.000 Euro sollen deshalb nicht einfach auf einem Konto liegen. Sie sollen Kooperationen stärken, neue Projekte ermöglichen und dafür sorgen, dass die Demenzarbeit in Steinbach weiterwächst – auch dann noch, wenn Lüdtke längst im Ruhestand ist. Ein Teil des Geldes bekommt nun eine sehr konkrete Aufgabe: Die Gemeinde hat einen Demenz-Parcours angeschafft, der in Kürze geliefert werden soll und künftig auch ausgeliehen werden kann. Wer ihn absolviert, soll selbst erfahren können, wie schwierig vermeintlich einfache Alltagssituationen werden können. Aus Zahngold wird so Aufklärung.

Sensibilisierung im jungen Alter

Denn das Thema müsse raus aus der Nische und „in die Gemeinschaft getragen“ werden, sagt Andresen. Ängste sollen abgebaut werden. Und damit beginnt Steinbach erstaunlich früh. Im sozial-ökologischen Schuljahr werden Neuntklässler sensibilisiert, bevor sie erkrankten oder pflegebedürftigen Menschen begegnen und unter anderem auch Menschen im Hospiz besuchen. Zehn Termine eines Sensibilisierungsworkshops absolvieren die Jugendlichen zuvor, begleitet von der IG Barrierefrei. Andresen formuliert das Ziel bemerkenswert unverblümt: Junge Menschen sollen „mit dem Leben konfrontiert“ werden. Sie sollen ein Gefühl dafür bekommen, wie es ist, wenn Menschen auf Verständnis, Unterstützung und Hilfe angewiesen sind. Genau diese Sensibilisierung über Generationen hinweg gehört zu den erklärten Zielen des Runden Tisches. Demenz soll stärker in der Mitte der Stadtgesellschaft ankommen und Menschen sollen für die Bedürfnisse von Betroffenen und Angehörigen sensibilisiert werden.

Manchmal ist das Wertvollste einfach Zeit

Dass Unterstützung nicht immer ein großes Projekt braucht, zeigen die Besuchsdienste der beiden Kirchengemeinden. Livia Sold vom Besuchsdienst der katholischen Sankt Bonifatius Gemeinde berichtete von einem kleinen Team, das ältere Menschen zu Hause besucht – gerade auch an Geburtstagen. Nur etwa 1 Prozent lehne einen solchen Besuch ab. Die Menschen schätzten die gemeinsame Zeit und den Austausch sehr. Die Nachfrage ist inzwischen so groß, dass weitere Ehrenamtliche über 60 gesucht werden. Denn auf Dauer könne es nicht die Lösung sein, dass zu viele Menschen über 70 diejenigen besuchen, die über 80 sind. Für die Ehrenamtlichen selbst sei die Arbeit ebenfalls eine sinnstiftende Aufgabe.

Auch die Evangelische Sankt Georgsgemeinde ist mit einem Besuchsdienst anwesend. Renate Schade berichtete von einem Team aus zehn Personen. Bei den Besuchen haben die Ehrenamtlichen immer einen Brief von Pfarrer Lüdtke dabei. Manchmal ist das Wertvollste, was jemand an einer Haustür abgeben kann, eben kein Geschenk. Sondern Zeit.

Zum Kreis der Kooperationspartner gehört auch die Caritas Taunus mit der zukünftig Verantwortlichen Mona Schmitter, die beim Treffen die Arbeit und Angebote der Caritas vorstellte.

Wie bunt dieses Netz inzwischen ist, zeigt ein Blick in die Runde: Neben Stadt und IG Senioren sitzen die Evangelische Sankt Georgsgemeinde und die Katholische Sankt Bonifatiusgemeinde mit am Tisch, die Ökumenische Diakoniestation Kronberg-Steinbach, die Fachstelle Demenz des Hochtaunuskreises, das Stadtteilbüro Soziale Stadt Steinbach, avendi Leben & Wohnen An der Wiesenau, die Tagespflege St. Katharina, die Pflegedienste Sam und Domicura sowie die Caritas Pflege und Betreuung. Den Vorsitz hat Bürgermeister Steffen Bonk.

Menschenskinder!

Und dann ist da noch dieses eine Wort. Menschenskinder. Andreas Mehner von der Evangelischen Sankt Georgsgemeinde erzählte, dass lange nach dem richtigen Namen gesucht worden sei. Denn wie oft sagt man „Menschenskinder!“? Liebevoll, erstaunt, genervt, manchmal auch verzweifelt. Der Begriff sei nicht aggressiv und lasse viele Interpretationen zu. Gerade Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen sollen Gefühle ausdrücken dürfen. „Menschenskinder“ soll deshalb mehr werden als der Name eines Cafés. Der Begriff steht für das Café, einen Gottesdienst, künftig den Demenz-Parcours, Workshops – und letztlich für die Idee eines demenzfreundlichen Steinbachs. Jeden dritten Mittwoch im Monat öffnet das Menschenskinder-Café im Evangelischen Gemeindehaus. Kaffee und Kuchen gibt es kostenlos.

Betroffene, Angehörige, Interessierte und Engagierte können zusammenkommen und miteinander ins Gespräch kommen. Und eines, darauf besteht Lüdtke, darf nicht fehlen: das Singen. Am Sonntag, 18. Oktober, um 10 Uhr findet in der Evangelischen Sankt Georgskirche zudem der Themengottesdienst „Menschenskinder – Demenzarbeit in Steinbach“ statt. Pfarrer Herbert Lüdtke leitet ihn, Albrecht Weller spielt die Orgel. Die Kollekte ist für die Demenzarbeit bestimmt. Das nächste Menschenskinder-Café ist am Mittwoch, 18. November, um 15 Uhr im Evangelischen Gemeindehaus, Untergasse 29.

„Demenz geht uns alle an“

So lautet der Slogan von „Menschenskinder“. Vielleicht steckt darin am Ende die wichtigste Erkenntnis dieses Runden Tisches. Eine demenzfreundliche Stadt entsteht nicht dadurch, dass Fachleute an einem Tisch sitzen. Sie entsteht draußen. Wenn jemand nicht die Augen verdreht, weil eine Frage zum fünften Mal gestellt wird. Wenn Angehörige sagen dürfen, dass sie nicht mehr können. Wenn Jugendliche lernen, warum ein Mensch sich plötzlich anders verhält. Wenn jemand an einer Haustür klingelt. Wenn ein Ball durch einen Raum fliegt. Wenn ein längst vertrautes Lied angestimmt wird – und plötzlich jemand mitsingt. Ein Mensch kann vieles vergessen. Wir dürfen nur eines nicht vergessen: den Menschen – und seine Würde.

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