Ernte bis zu 30 Prozent niedriger als sonst

In der Erntezeit wird die Kanzel des Mähdreschers zum Wohnzimmer von Ulrich Stamm, der mit dem 180-PS-Monstrum für eine ganze Reihe landwirtschaftlicher Betriebe im Einsatz ist – hier oberhalb des Römerwegs. Foto: HB

Von Hans-Jürgen Biedermann

Steinbach. Es ist vollbracht! Die Getreidefelder rund um die Stadt sind abgeerntet, Stoppeläcker prägen das Bild in der Gemarkung. Im September ist der Mais an der Reihe, und noch etwas später werden die Rüben ausgegraben. Danach ziehen die vier landwirtschaftlichen Betriebe Bilanz, und sie planen bereits jetzt wegen der Trockenheit mit einem bis zu 30 Prozent geringeren Ertrag.

In den vergangenen Wochen gab es für Ulrich Stamm kaum Pausen. Der 55-Jährige saß häufig hoch oben in der Glaskanzel hinter dem Lenkrad, vor sich den gut vier Meter breiten Ausleger seines Mähdreschers, mit dem er pro Stunde einen Hektar abgeerntet hat. Das Domizil des Landwirts liegt am Nordrand der Stadt, und von dort hat er die Ernteoffensive begonnen. Die Erntemaschine, angetrieben von einem 180-PS-Motor, hoppelte über die Felder und schüttete die Körner noch an Ort und Stelle in die Hänger der Kundschaft. Gottfried Windecker gehört dazu. Ansonsten bedient Stamm Betriebe aus der Umgebung. Ebenso die Landbau-Kooperative, aber nicht den Fohlenhof, der den Mähdrescher bei einem Freund der Familie ordert. Den Stammhof gibt es da draußen seit 1969. Bis dahin war er Nachbar des Quellenhofs in der Kirchgasse. Das Gehöft ist heute eine Ruine.

Ulrich Stamm lebt seit dem Tod seiner Mutter allein auf dem Hof. In den Hallen stapelt sich Heu und Stroh für die 16 Pferde eines Westernvereins, dessen Mitglieder man vergangenen Sonntag beim gemeinsamen Ausreiten beobachten konnte. Die 30 Milchkühe stehen im benachbarten Oberhöchstadt. Vier Traktoren, der Mähdrescher und die Maschine, die Heu und Stroh in handliche Rechtecke presst, benötigen reichlich Platz. Zum Hof gehören um die 70 Hektar, davon die Hälfte auf Steinbacher Gemarkung. In normalen Zeiten erntet Stamm bis zu zehn Tonnen Weizen pro Hek-tar. Die chronische Trockenheit drückt den Ertrag. Bis zu 20 Prozent weniger sei geerntet worden, sagt Stamm. Er hat die Feldfrucht eingelagert und will sie erst Ende des Jahres an die Genossenschaft verkaufen. Er hofft dann auf einen guten Preis.

In seinem Hof an der Eschborner Straße sitzt Gottfried Windecker auf historischem Boden. In Kirchenbüchern steht, dass an diesem Ort bereits seit dem Dreißigjährigen Krieg gewirtschaftet wird. Der 78-Jährige liebt die Scholle und denkt über den Ruhestand nicht richtig nach. Er lebt hier mehr als ein halbes Leben, kann sich über einen florierenden Hofladen freuen, mit dem er vor 30 Jahren angefangen hat und in dem Sohn Michael als Metzger und Bäcker arbeitet. Die Selbstvermarktung hat bei den Windeckers Tradition, denn schon Gottfrieds Urgroßvater fuhr mit dem Milchwagen nach Frankfurt und verkaufte an der Haustür.

„Wir haben alles reingeholt,“ sagt Gottfried Windecker zufrieden und meint, Roggen und Weizen seien trocken geerntet worden. Das Korn wird in der hauseigenen Mühle für die Familienbäckerei gemahlen. Mais und Kartoffeln stehen noch auf den insgesamt 15 Hektar großen Flächen. Der Landwirt schätzt den Ernteausfall wegen der lange Zeit ausgebliebenen Regenfälle auf 30 Prozent. Die Andenfrucht Quinoa, auch „Weizen der Inkas“ genannt, war ein Totalsufall, obwohl man große Hoffnungen in deren Genügsamkeit gesetzt hatte. Ob die Sorte wieder ausgesät wird, ist zumindest ungewiss. Aus dem Münsterland werden ganz andere Erfahrungen gemeldet. Dort liegt das mit zwölf Hektar größte bundesdeutsche Anbaugebiet, auf dem im fünften Jahr hintereinander eine respktable Ernte erzielt wurde. Quinoa reift ganz .ohne Pflanzenschutzmittel. Gottfried Windecker hat sich auch nach klimaresistenten Weizensorten aus einer Versuchsanstalt in Ober-Erlenbach erkundigt und will davon eine Sorte testen.

Mit 90 Hektar ist der Fohlenhof oberhalb der Steinbachaue der größte landwirtschaftliche Betrieb in der Stadt. Martina und Andreas Jäger geben 60 Pferden Kost und Logis. Hafer, Gerste und Mais aus eigener Produktion werden zu Kraftfutter für die Tiere verarbeitet. Die stehen auch bei Wind und Wetter in den Koppeln, die allesamt einen Wasseranschluss haben. Pferde trinken bei Hitze bis zu 70 Liter am Tag. In der Corona-Krise sind auf dem Hof Spaziergänger ein und aus gegangen. Unangemeldet und ohne Zustimmung der Hausherren. „Wir wollen mal nach den Pferden gucken“, erfuhren die Jägers. „Die Leute haben einfach keinen Respekt.“ Obwohl überall Verbotsschilder stünden, erwische man Passanten immer wieder beim Pferdefüttern. Roggen und Weizen, die mehr als die Hälfte der Anbaufläche ausmachen, werden an eine Mühle in Ober-Erlenbach verkauft, Maiskulturen landen in der Biogasanlage in der Wetterau.

Die reine Lehre des ökologischen Anbaus predigt eine landwirtschaftliche Kooperative, die in Steinbach zehn Hektar bewirtschaftet und hierzulande 60 Mitglieder hat. Dinkel, Mais und Roggen, die gerade gerntet wurden, haben Bioqualität. Wähend zu normalen Zeiten 4,5 Tonnen pro Hektar zu erwarten sind, waren es in diesem Jahr nicht viel mehr als 3,5 Tonnen. Die Kooperative ist nach dem Genossenschaftsprinzip organisiert, der kleinste Anteil für 200 Euro zu haben. Genossen haben das Privileg, Warenkörbe zu kaufen, die im einstigen Laden des Quellenhofs bereit stehen. Wenn sie könnte, würde die Gnossenschaft Grünland in Steinbach erwerben. Doch derzeit gibt es kein Angebot.

Das Klima zwischen den Betrieben, so versichert Kooperativen-Sprecher Christoph Graul, sei gut. Ulrich Stamm helfe beim Ernten und Kollege Jäger beim Aussäen.

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