Mit Fingerspitzengefühl und Geduld

Steinbach (stw). Im vergangenen Jahr bot die Inzeressengemeinschaft (IG) „Barrierefrei“ Schülern beim Sensibilisierungsparkour im Rahmen des Projekts „Soziales Schuljahr“, einem Kooperationsprojekt der Sozialen Stadt, zum ersten Mal an, selbst in Blindenschrift zu schreiben.

Nach einer kleinen einführenden Erklärung bekamen die Schüler eine Punktschrifttafel, den Griffel dazu sowie ein Braille-Alphabet und fingen gleich an, Punktschrift zu schreiben. Schnell hatten sie das Prinzip verstanden. Einige schrieben innerhalb kurzer Zeit einen ganzen Satz auf die Tafel. Die Helfer der IG „Barrierefrei“, die an anderen Stationen des Sensibilisierungsparkours beschäftigt waren, bekamen mit, wie viel Spaß „die Brailleschreiber“ hatten, konnten aber nur kurz mal über die Schulter schauen, was dort geschah. Sie wünschten sich, auch einmal Blindenschrift schreiben zu dürfen. „Außerdem wäre es ja auch schön, wenn es für Traute Salzmann eine Vertretung geben könnte, für den Fall, dass sie verhindert wäre, wenn mal wieder Sensibilisierung ansteht“, findet Bärbel Andresen. Es wurde beschlossen, auch anlässlich des 200. Geburtstages der Brailleschrift, einen Kurs für Sehende anzubieten. So lud die IG „Barrierefrei“ dazu ein. Innerhalb von Stunden war der erste Kurs ausgebucht. Kurzentschlossenen wurde ein zweiter Termin angeboten, der ebenfalls schnell ausgebucht war. So viele Anmeldungen hatte die Gruppe nicht erwartet. Insgesamt waren es 15 Teilnehmer. Zuerst wurde das System der Brailleschrift erklärt, die als Schwarzschriftbraille und Punktschriftbraille mit den Fingern und den Augen gelesen wird. Dann durften die Teilnehmer mit Hilfe des Braille-Alphabetes auf einem Übungsblatt, mit vorgedruckten Feldern für die Punkte, mit Bleistift die ersten Buchstaben schreiben. Danach ging es ans Tafelschreiben mit Griffel. Es wurde erklärt, das hier Spiegelschrift geschrieben werden muss und rechts begonnen wird, damit die erhabenen Punkte der Buchstaben auf der Oberseite in der richtigen Reihenfolge lesbar sind. Es wurde auch ein Kinderbuch gezeigt, dass alle Texte sowohl in Schwarzschrift als auch Punktschrift enthält und das gedruckte sowie taktil erfassbare Bilder hat. So kann es von blinden und sehenden Menschen gemeinsam gelesen und angeschaut oder ertastet werden. Ebenfalls wurde ein reines Punktschriftbuch vorgestellt.

Dann kam die Frage auf, wie kann ein blinder Mensch geheim und selbstständig wählen, geht das? Ja, es geht. Mit Hilfe einer Wahlschablone, die ebenfalls gezeigt und erklärt wurde. Am Ende des eineinhalbstündigen Kurses haben die Teilnehmer mit der Punktschrifttafel einen Dankeschön-Text geschrieben. Darüber haben sich die Organisatoren besonders gefreut. Und einige haben sich gleich für einen weiteren Kurs auf die Warteliste setzen lassen. Inzwischen gibt es eine Warteliste von weiteren Interessierten. „Wir freuen uns sehr über so viel Interesse für eine nicht alltägliche Kommunikationsform und planen einen weiteren Kurs anzubieten, der voraussichtlich im Herbst stattfinden wird. Jeder kann schon mal überlegen, ob er daran teilnehmen möchte. Der Termin wird wie üblich durch Aushänge bekannt gegeben. „Wer es nicht abwarten kann, darf sich schon heute auf die Warteliste setzen“, berichtet Quartiersmanagerin Bärbel Andresen. Eine Kontaktaufnahme ist per E-Mail an ig-barrierefrei[at]stadt-steinbach[dot]de möglich.

Konzentriert sitzen die Teilnehmer des Blindenschriftkurses über der Brailleschrift. Noch unsicher ertasten sie erste Worte und Sätze und versuchen anschließend eigene Worte zu Papier zu bringen. Foto: Bärbel Andresen



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