Was wäre, wenn auf einmal alles anders ist...

Steinbach (rosa). Theater in Steinbach? Immer wieder eine feine Sache und ein gesellschaftliches Ereignis. Die Theaterreihe des Tourneetheaters Thespiskarren erweist sich auch diesmal, wie schon so oft, als Erfolgsgeschichte mit anspruchsvollen Stücken zum Weinen und zum Lachen, zum Nachdenken und zum Hinterfragen. Vor Kurzem im Steinbacher Bürgerhaus lautete die Frage: „Was würden Menschen tun, wenn sie wüssten, sie hätten nur noch einen Tag zu leben?“ Erdacht von Bestseller-Autor Sebastian Fritzek, der sich eigentlich dem Thrillergenre verschrieben hat, der jedoch für diesen Plot „Der erste letzte Tag“ in das Fach Tragikomödie gewechselt ist.

Die Story funktionierte über immer wieder auftauchende Rückblicke, die dem Zuschauer die Hintergründe der Handlung erklären sollten. Die Theaterbesucher erfuhren erst peu á peu, was eigentlich wirklich im Leben des spießigen Lehrers Livius (Thomas Jansen) und der flippigen Journalistin Lea (Carolin Freund) bisher passiert war und warum diese beiden Charaktere, die unterschiedlicher nicht hätten sein können, in einer eisigen Winternacht aufeinander prallten.

Denn: In München geht nichts mehr, alle Flüge gestrichen wegen eines Schneesturms. Livius und Lea haben dasselbe Ziel: Berlin. Livius hat ein Buch geschrieben, muss zu einem Termin mit dem Verleger, Lea möchte eine Gruppe interviewen, die den Leitgedanken leben: Was wäre, wenn heute mein erster letzter Tag wäre?

Denkwürdigste Autofahrt des Lebens

Die beiden Gestrandeten tun sich zusammen und brechen gemeinsam im letzten verfügbaren Mietwagen auf, durch Schnee, Eis und Sturm, um schnellstmöglich nach Berlin zu gelangen. Livius seufzt während des Erzählens dieser immer skuriler werdenden Geschichte: „Diese denkwürdigste Autofahrt meines Leben begann wie meine Ehe – mit einer Erpressung.“ Der Zuschauer erfährt in erneutem Rückblick, dass Livius den Reizen seiner Freundin nicht widerstehen konnte, sie aber vor dem ersten Sex geheiratet werden wollte. Lea hingegen hat mit Charme und „Frechheit siegt“ das Auto organisiert. Livius war darauf angewiesen gewesen, mit ihr zu fahren.

Der gemeinsame Trip der Beiden sollte allerdings zum Meilenstein in beider Leben werden, zum Wendepunkt und Neuanfang. Zur lockerer werdenden Persönlichkeit des einen und zu mehr Vetrauen in einen Menschen fassen können der anderen. Doch zunächst gibt es sowie für Livius als auch für Lea einige von Lea angezettelte Abenteuer zu bestehen. Livius lässt sich auf das Experiment „Lass uns heute einfach mal so leben, als wäre es unser erster letzter Tag“ ein. „Natürlich nur, um für mein Interview in Berlin zu üben“, gibt Lea vor. Was das Publikum zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Lea hat tatsächlich nicht mehr lange zu leben, denn sie ist totkrank.

Und so verschaffen sich die beiden Zutritt zu einem Altersheim und machen eine Omi glücklich. Sie befreien dem (Schlacht-) tod- geweihte Schweine aus einem Laster, und sie sorgen mit einer List dafür, dass Obdachlose in ein Nobelhotel zu Kost sowie Logie eingeladen werden.

Wahrheit ist schlimmer, als gedacht

Inzwischen hat Livius die quirlige, umtriebige, unkonventionelle junge Journalistin, die immer wieder ein wenig flunkert, um ihr Ziel zu erreichen, fast lieb gewonnen und auch Lea scheint den Roadtrip mit dem braven, sich an Regeln und Konventionen haltenden Sympathen zu genießen. Die beiden werden tatsächlich so etwas wie Verbündete, ja Freunde. Das ändert sich auch nicht, als Livius die ganze Wahrheit erfährt, nämlich dass Lea eigentlich von ihrem Vater, einem renomierten Chirurgen, operiert werden soll, um den Verlauf ihrer tödlichen Krankheit vielleicht ein wenig aufhalten zu können. Die beiden Freunde halten zusammen wie Pech und Schwefel bis zum Schluss. Haben sie doch eine aufregende, aufreibende Zeit miteinander verbracht, die beider Vita verändert und bereichert hat. Eine kurze Episode, die sie nicht mehr missen und nie vergessen wollen. Die zwei Hauptfiguren lernen vor den Augen des Publikums: Sich einlassen auf einen unbekannten Weg, an der nächsten Kreuzung einfach in eine andere, nicht geplante Richtung abbiegen und schon eröffnet sich einem ein neuer Blick auf das große Ganze, eine unerwartete Perspektive.

Eine interessante Weisheit, einen ungeahnten Eindruck nehmen die Steinbacher mit, angetan und beeindruckt von diesem Stück, in dem jeder Schauspieler, besonders in der zweiten Hälfte nach der Pause, auf seine Art brillierte. „Die Steinbacher Theaterreihe ist einfach immer wieder ein Garant für gute und anspruchsvolle Unterhaltung“, war von einer Besucherin beim Hinausgehen aus dem Bürgerhaus in die Realität der dunklen, kalten Steinbacher Nacht zu hören.

Gar nicht so einfach, zwei Menschen unterschiedlichster Couleur unter einen Hut zu bringen. Doch Lea und Livius raufen sich zusammen (v. l. vorne). Auch wenn andere (hinten) versuchen, ihre spektakulären Ideen zu vereiteln.Foto: Tourneetheater Thespiskarren



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