„Ich will zur Schule laufen – das ist viel cooler!“

Der Werbe-Laufbus mit den Kindern und Vertretern des Projektes am „Feier Platz“Foto: sis

Steinbach (sis) ­– „Alleine laufen ist langweilig.“ Annabell weiß ziemlich genau, warum sie lieber gemeinsam mit anderen Kindern zur Schule geht. Unterwegs könne man schließlich schon mal besprechen, was man am Wochenende zusammen machen will. Oder sich Geschichten erzählen. Anina trifft Freunde und kann quatschen, Leonie freut sich auf ihre Freundinnen und Lukas aus der 2b verabredet sich gleich an der Haltestelle. So einfach kann Verkehrspolitik manchmal sein. Und vielleicht liegt genau darin die größte Chance des neuen Steinbacher Laufbusses. Er hat keinen Motor, keine Räder und keinen Fahrer. Dafür neun Haltestellen – und hoffentlich bald jede Menge Fahrgäste, die keinen einzigen Meter fahren. Sie laufen. Gemeinsam, zunächst noch begleitet von Eltern und später möglichst selbstständig.

Am Donnerstagvormittag, 27. August, wurde die Laufbushaltestelle am „Freier Platz“ offiziell eingeweiht. Bürgermeister Steffen Bonk, Vertreter der Geschwister-Scholl-Schule und der beteiligten Initiativen sowie die Klassensprecher waren gekommen, um dem noch jungen Projekt einen weiteren Schub zu geben.

Denn was an diesem Vormittag mit einem neuen Haltestellenpunkt sichtbar wurde, soll möglichst bald ganz selbstverständlich zum Steinbacher Schulalltag gehören. Was sympathisch und ein bisschen spielerisch daherkommt, hat allerdings einen ernsten Hintergrund. Rund um die Geschwister-Scholl-Schule herrscht morgens ein Verkehrsaufkommen, das Schulleiterin Christine Sturm seit langem große Sorgen bereitet. 470 Schüler besuchen derzeit die Geschwister-Scholl-Schule, „eine der größten Grundschulen Hessens“, ergänzt Bürgermeister Steffen Bonk. Hinzu kommen drei Kitas in unmittelbarer Nähe. Rund 800 Kinder werden damit morgens in dieses Gebiet gebracht – viele von ihnen mit dem Auto. Dazu kommen Baustellenfahrzeuge, Essensanlieferungen und weitere Lieferfahrzeuge, die notwendig sind, um den Schulbetrieb am Laufen zu halten. „Abhilfe muss her“, sagt Schulleiterin Christine Sturm.

Ein Schlüsselerlebnis um 7 Uhr morgens

Bengt Köstlich wollte selbst sehen, was morgens vor der Schule passiert. Seit 30 Jahren lebt er in Steinbach, engagiert sich beim ADFC und ist Mitinitiator des Laufbusses. Nachdem Eltern ihn auf die Situation aufmerksam gemacht hatten, stellte er sich morgens um 7 Uhr an die Schule. Was er dort sah, wurde für ihn zum Schlüsselerlebnis. Kinder würden auf der Straße aus Autos gelassen, andere Fahrzeuge überholten die haltenden Wagen, selbst der Zebrastreifen werde von Autofahrern immer wieder ignoriert. Köstlich beschreibt die Situation als „ausgesprochen chaotisch und gefährlich für die Kinder“. Auch Christine Sturm liegen die Beinahe-Unfälle vor ihrer Schule „schwer im Magen“. Den Tag, an dem tatsächlich etwas passiere, wolle sie nicht erleben. „Dann ist das Geschrei groß“, sagt die Schulleiterin. Auch am Donnerstagmorgen war das Ordnungsamt wieder vor Ort. Die Situation trifft sogar diejenigen, die eigentlich längst im Schulgebäude sein müssten. Lehrer würden im morgendlichen Verkehrschaos angepöbelt und müssten dennoch pünktlich ihren Arbeitsplatz erreichen, um ihrer Aufsichtspflicht nachzukommen und anschließend zu unterrichten. Bei nahezu jedem Elternabend werde Sturm gefragt, was die Schule gegen das Verkehrsproblem unternehme. Nun gibt es einen weiteren Baustein der Antwort.

Neun Haltestellen, aber kein Bus

Seit Beginn des neuen Schuljahres gibt es in Steinbach neun Laufbushaltestellen. Der Schulwegeplan zeigt, welche Route am besten zum eigenen Zuhause passt. Feste Zeiten und Tiersymbole helfen den Kindern zusätzlich bei der Orientierung. Demnächst sollen die Treffpunkte auch optisch kaum noch zu übersehen sein: An jeder Laufbushaltestelle wird ein eigenes Haltestellenschild angebracht – ähnlich dem bekannten „H“ einer Bushaltestelle. Als beim Termin am „Freier Platz“ der entsprechende Button mit dem „H“ in die Höhe gehalten wurde, hatte Bürgermeister Steffen Bonk sofort die mögliche Verwechslungsgefahr vor Augen: Der Busfahrer müsse künftig nur aufpassen, dass er das richtige „H“ anfahre – nämlich das für den Schulbus und nicht das des Laufbusses. Die Kinder lachten. Denn an ihrem „H“ wird tatsächlich niemals ein Bus halten. Die Kinder treffen sich dort und gehen gemeinsam los. Anfangs können Eltern mitlaufen, später sollen die Kinder den Weg zunehmend selbstständig miteinander bewältigen. Köstlich sieht gerade in der Gruppe einen Vorteil. Allein ließen sich Kinder leichter ablenken, gemeinsam achteten sie stärker aufeinander und könnten schwierige Situationen besser meistern. Wer weiter entfernt wohnt, muss deshalb nicht bis vor das Schultor fahren. Dafür gibt es in Steinbach drei sogenannte Kiss-and-Drop-Zonen: in der Untergasse, der Stettiner Straße und am Saint-Avertin-Platz. Dort können Eltern ihre Kinder aussteigen lassen. Von dort geht es zu Fuß weiter – im besten Fall bis zur nächsten Laufbushaltestelle, wo Freunde warten und der gemeinsame Schulweg beginnt. Dass die Idee funktionieren kann, zeigt die Strecke von der Kronberger Straße. Sieben Kinder waren dort zunächst dabei, inzwischen laufen zehn gemeinsam zur Schule. Warum sie das tun? Die Kinder haben darauf ziemlich überzeugende Antworten.

Anina ist acht Jahre alt, geht in die dritte Klasse und hat den Laufbus bereits ungefähr fünfmal ausprobiert. Sie findet ihn „klasse“, weil sie Freunde trifft und unterwegs quatschen kann. Leonie, sieben Jahre und in der zweiten Klasse, läuft ebenfalls gerne, weil sie dabei ihre Freundinnen trifft. Lukas aus der 2b freut sich auf seine Freunde und kann sich gleich an der Haltestelle mit ihnen verabreden. Und Annabell findet Alleinlaufen eben einfach langweilig. Nur Lisa aus der vierten Klasse muss der Laufbus noch überzeugen. Die Zehnjährige fährt morgens lieber mit dem Auto. Sie sei um diese Uhrzeit einfach noch so müde – und die laute Musik, die ihre Mutter im Auto höre, mache sie wenigstens wach. Ein Argument, gegen das selbst neun Laufbushaltestellen erst einmal ankommen müssen.

„Erziehen Sie Ihr Kind zur Selbstständigkeit“

Für Christine Sturm geht es bei dem Projekt um weit mehr als weniger Autos vor dem Schultor. Mit dem Laufbus sei ein Wunsch Wirklichkeit geworden, der schon seit Jahrzehnten in ihr schlummere und ihr am Herzen liege: ein sicherer Schulweg für Steinbachs Kinder. Deshalb wirbt sie mit Nachdruck dafür – und hofft auf Eltern, die ihren Kindern diesen Weg auch zutrauen. Denn oftmals seien es gar nicht die Kinder, die ins Auto steigen wollen. Viele würden viel lieber laufen. „Erziehen Sie Ihr Kind zur Selbstständigkeit“, appellieren Sturm und ihre Kollegen regelmäßig an die Eltern. Das heißt für die Schulleiterin keineswegs, Kinder einfach sich selbst zu überlassen. Eltern könnten Regeln vereinbaren: Wann gehst du los? Welchen Weg nimmst du? Wann musst du wieder zu Hause sein? Es gehe darum, Kindern altersgerechte Freiräume zu geben und ihnen zuzutrauen, Verantwortung zu übernehmen. Dazu gehört für Sturm bereits etwas so Alltägliches wie der Schulranzen. Ihn selbst zu tragen, den eigenen Weg zu bewältigen und auf seine Sachen zu achten, seien kleine Schritte auf dem Weg zu mehr Selbstständigkeit.

Bärbel Andresen vom Stadtteilbüro „Soziale Stadt“, zuständig für Quartiersmanagement und Gemeinwesenarbeit, formuliert es noch grundsätzlicher: „Freiheit ist etwas Wertvolles.“ Auch der gemeinsame Weg mit anderen Kindern und die dabei gewonnene Selbstständigkeit seien wichtige Aspekte des Laufbusses. Und dann ist da noch etwas, das eigentlich keiner großen Erklärung bedarf: Wer läuft, bewegt sich. Statt morgens auf dem Rücksitz zu sitzen, starten die Kinder zu Fuß in den Tag – mit frischer Luft, Bewegung und im besten Fall einem Freund an ihrer Seite. Dass beim Laufbus trotzdem noch reichlich Luft nach oben ist, zeigen die Zahlen. Von den 470 Schülern der Geschwister-Scholl-Schule kommt nach Angaben der Schulleitung derzeit nur rund ein Drittel zu Fuß. Bei den Klassensprechern, die am Donnerstag um 9.45 Uhr am Freien Platz zusammengekommen waren, sah das ganz anders aus: Rund 85 Prozent von ihnen laufen bereits allein oder mit Freunden zur Schule. Genau sie sollen nun zu Botschaftern werden.

Beste Botschafter im Klassenzimmer

Die Klassensprecher sollen ihren Mitschülern vom Laufbus erzählen und sie fürs gemeinsame Laufen begeistern. Drittklässler sind zudem Paten der Erstklässler und können auch dort die Idee weitertragen. Über die sogenannte Ranzenpost erhalten die Schüler ebenfalls Informationen zum Projekt. Die Schule will regelmäßig nachfragen, wie viele Kinder tatsächlich zu Fuß kommen. Ein Jahr lang wurde vorbereitet, ausprobiert und vor allem geworben. Bei Veranstaltungen in Steinbach tauchte der Laufbus immer wieder auf, große Poster machten auf das Projekt aufmerksam. Mit im Boot sind die Stadt, die Geschwister-Scholl-Schule, der ADFC, das Stadtteilbüro Soziale Stadt, die IG Familie, der Schulelternbeirat und engagierte Eltern. „Die Familien sind auf uns zugekommen“, berichtet Ursula Kitzinger von der IG Familie. Die Initiative habe die Planungen deshalb wesentlich mit vorangetrieben und begrüße alles, was dazu beitrage, Kinder wieder häufiger zu Fuß statt mit dem Auto zur Schule zu bringen. Und dann gibt es da noch den Laufbus selbst. Das auffällige Stoffgefährt, mit dem im vergangenen Jahr bei Veranstaltungen für das Projekt geworben wurde, fährt natürlich nicht jeden Morgen mit. Es ist Symbol und Hingucker für eine Idee, die eigentlich ganz ohne Hilfsmittel auskommt. Bonk dankte ausdrücklich allen Beteiligten, die das Projekt gemeinsam auf den Weg gebracht haben. Neben mehr Sicherheit und Bewegung sieht er auch die Entlastung der Eltern als Vorteil. Nicht jedes Kind müsse morgens bis unmittelbar vor die Schule gebracht werden.

Erster Stadtrat Knobloch setzt noch auf einen ganz anderen Effekt. Kinder seien stolz darauf, den Schulweg irgendwann gemeinsam mit ihren Freunden selbst zu meistern. Und als Vater wisse er auch: Irgendwann werde es eher peinlich, wenn die Eltern noch mit bis zur Schule laufen. Gerade in einer kleinen Stadt wie Steinbach könne das gemeinsame Laufen gut funktionieren. Es müsse, so Knobloch, wieder zum Selbstverständnis werden, dass Kinder zur Schule laufen. Am Ende entscheidet sich der Erfolg des Laufbusses vermutlich nicht an neun Haltestellen und auch nicht an neuen Schildern. Sondern daran, ob aus einem Schulweg wieder ein Stück Kinderalltag wird. Eines, auf dem geredet, gelacht, gewartet und manchmal getrödelt werden darf. Und auf dem Kinder irgendwann feststellen: Ich kann das alleine. Mit meinen Freunden sowieso. Vielleicht ist genau das am Ende viel cooler, als gefahren zu werden.

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