Sulzbach (mas) – Alleine durch den Heinrich-Kleber-Park sollte den Anwohnern der Name des ersten Nachkriegsbürgermeisters der Gemeinde bekannt sein. Heinrich Kleber, geboren 1897 im damals noch selbstständigen Liederbach, wurde am 9. Oktober 1945 formal zum Bürgermeister ernannt und hielt sein Amt bis 1963. Was sein Leben und seine Amtszeit als Bürgermeister so besonders machte, darüber berichtete am vergangenen Mittwoch der Vorsitzende des Geschichtsvereins Reichsdorf 1979, Joachim Siebenhaar.
Etwa 50 Gäste nahmen auf Einladung des Geschichtsvereins und der Gemeinde im Schultheißensaal des Bürgerzentrums Platz. Der Vortrag wurde thematisch in zwei Abschnitte unterteilt: Begonnen wurde mit der Lebensgeschichte Klebers und den damaligen Umständen vor, während und nach den beiden Weltkriegen; nach dem Amtsantritt wechselte der Fokus auf die Veränderungen innerhalb der Gemeinde, die während der Amtszeit als Bürgermeister zustande kamen. Zur Stärkung für das ältere Publikum gab es Kaffee, Tee und Gebäck.
Somit konnte sich zurückgelehnt und der ausführliche, über eine Stunde lange Vortrag gehört werden.
Bis zum Amt als Bürgermeister
Heinrich Kleber, das jüngste Kind von Georg Franz Jakob und Elisabeth Schlapp, wurde am 12. Juli 1897 in Unterliederbach geboren. Nachdem seine Mutter bereits im Juli 1903, also als Kleber gerade einmal sechs Jahre alt war, und sein Vater 1908 starben, zog er zu seinem 16 Jahre älteren Bruder August nach Niederrad. Nach seiner achtjährigen Schulzeit in der Salzmann-Schule begann er am 10. April 1911 eine dreijährige Lehrzeit als Dreher in der Motorenfabrik Otto Oelzen in Unterliederbach. Seine Ausbildung beendete er schließlich im Mai 1914 mit einer Gesellenprüfung und arbeitete daraufhin bis 1920 bei der Maschinen- und Armaturenfabrik Breuer und Co. in Höchst am Main. Zwischendurch wurde diese Arbeit jedoch unterbrochen, da Kleber von 1916 bis 1919 am Ersten Weltkrieg teilnahm. Im Mai 1920 wechselt er zu den Farbwerken Höchst, wo er als Dreher arbeitete. Im selben Jahr trat Kleber bereits der SPD bei. Drei Jahre später heiratete er Barbara Juliane Pfeiffer. Ein weiteres Jahr später, 1924, wurde Kleber Mitglied im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, zudem erfolgte zu dieser Zeit seine Meisterprüfung. 1928 wechselte Kleber zur SPD-eigenen Union-Druckerei- und Verlagsanstalt GmbH als Leiter des Zweiggeschäfts des Unternehmens in Höchst.
Als im März 1933 das Ermächtigungsgesetz verabschiedet wurde, folgte das Verbot der wirtschaftlichen Aktivitäten der SPD durch die NS-Regierung. Somit verlor auch Kleber seine Arbeit. Glücklicherweise war seine Frau Barbara seit Januar 2024 Leiterin der Lohnbuchhaltung in der Schuhfabrik Richard und Wilhelm Nathan, wodurch das Ehepaar weiterhin Geld zur Verfügung hatte. Noch dazu erbaute Klebers Schwiegervater Philip Pfeiffer ab 1931 in der Bahnstraße in Sulzbach ein Doppelhaus, wodurch Kleber schließlich nach Sulzbach kam. Drei Jahre lang blieb er arbeitslos, bis er wieder ab September 1936 bei den Farbwerken Höchst als Dreher arbeitete. Dann begann der Zweite Weltkrieg, der für Sulzbach mit dem Einmarsch der US-Soldaten am 29. März 1945 endete. Um nach dem Krieg Sulzbachs Verwaltung neu zu organisieren, bat der seit 1919 amtierende Bürgermeister Wilhelm Saarholz, Sulzbacher Bürger von ihrer Arbeit freizustellen und weiterhin zu bezahlen. Diese Bitte erreichte unter anderem die IG Farbenindustrie, zu der auch seit 1925 die Farbwerke Höchst gehörte, bei der Kleber angestellt war. Am 17. April 1945 tagte ein von der Militärregierung einberufener Kreisrat in Hofheim. Dieser sollte die US-Dienststellen bei der Neugestaltung der Verwaltung beraten. Zeitgleich entstand ein Gemeinderat in Sulzbach, der den neuen Bürgermeister unterstützen sollte. Nach einer Verhandlung zwischen dem Kreisrat und dem Gemeinderat wurde Kleber zum kommissarischen Bürgermeister vorgeschlagen. Er selbst berichtete, dass außer ihm noch Lorenz Schnepf als Vertreter der KPD zur Debatte um das Amt des Bürgermeisters stand. Da sich jedoch Kleber nicht vorstellen konnte, dass die Mehrheit der Sulzbacher Bürger Anhänger der KPD war, erklärte er sich dazu bereit, von der Militärregierung als Bürgermeister eingesetzt zu werden. Der derzeitige Bürgermeister Saarholz wurde aufgrund seiner NSDAP-Mitgliedschaft seines Amtes enthoben, und Kleber wurde bereits auf seinem am 22. Juli 1945 ausgestellten vorläufigen Ausweis als Bürgermeister betitelt. Schließlich wurde Heinrich Kleber am 9. Oktober desselben Jahres formal zum Bürgermeister ernannt.
Mehr als nurtrockene Informationen
Der Vortrag Siebenhaars überzeugte vor allem durch seine vielen Informationen und Authentizität. So beließ der Vorsitzende es nicht nur dabei, einfache Informationen aus dem Leben Heinrich Klebers aufzuzählen, sondern verband diese mit dem Zeitgeschehen und führte kurze Exkursionen durch, etwa über die Unternehmen, bei denen Kleber angestellt war. Dazu wurden kurze Anekdoten erzählt: So soll etwa Kleber, nachdem SA-Aktivisten das Schaufenster einer Buchhandlung zerstörten und den Schriftzug „Alles Schund“ hinterließen, die ausgestellten Bücher mit Adolf Hitlers „Mein Kampf“ ausgewechselt haben. Und als es während des Vortrages zu kleineren technischen Schwierigkeiten kam, wurden diese mit lockeren Scherzen abgetan, die gut bei den Gästen ankamen und den Vortrag lebendig hielten.
Siebenhaar präsentiert die Geschichte des ersten Nachkriegsbürgermeisters erneut am Dienstag, 30. September, um 20 Uhr im Gewölbekeller des Bürgerzentrums „Frankfurter Hof“, Cretzschmarstraße 6 (siehe S. 4 unter „Informationen aus dem Rathaus“). Ebenfalls erscheint in KW 40 im Sulzbacher Anzeiger die restliche Geschichte von Heinrich Kleber.
Zudem rief der Vorsitzende Siebenhaar dazu auf, die Arbeit des Geschichtsvereins zu unterstützen. Per E-Mail an GRS1979[at]gmx[dot]de können an den Geschichtsverein jedmögliche Informationen und Hinweise zugesendet werden. Darüber hinaus freuen sich die Mitglieder über Materialien wie Bilder oder Gegenstände. Diese können entweder an den Verein übergeben oder auch nur ausgeliehen werden. Beides hilft dabei, die Geschichte der Gemeinde vor dem Vergessen zu bewahren und so detailreich wie möglich zu erhalten.
