Sulzbach(MS) – Es gab Zeiten, da dachte man, dass es Gerhard Schöffel zwei Mal gibt. Ob als Reporter für den Sulzbacher Anzeiger, Lehrer für die Mendelssohn-Bartholdy-Schule (MBS), Volkslauf-Aktivist oder Mitglied des Gemeindevorstands – Gerhard Schöffel war fast überall. Am Dienstag vergangener Woche ist er völlig überraschend im Alter von 84 Jahren verstorben.
Die extreme Hitze am letzten Juni-Wochenende und ein nicht mehr ganz gesundes Herz beendeten das Leben eines im positiven Sinne rastlosen Menschen, der sich allen seinen Aufgaben immer mit großem Engagement und großer Freude gewidmet hat.
Gerhard Schöffel konnte nicht still sitzen. Deswegen hat es ihn Anfang der 2000er-Jahre auch ziemlich getroffen, als er nach 40 Jahren im Schuldienst in den Ruhestand gehen sollte. Sein Mathematik-Unterricht erst an der Cretzschmar-Schule, dann an der MBS ist bis heute legendär. Es gibt Familien in Sulzbach, da hat Gerhard Schöffel nicht nur den Kindern den Satz des Pythagoras beigebracht, sondern auch den Eltern und Großeltern – so lange war er aktiv. Denn um nicht in der Untätigkeit zu versinken, arbeitete Gerhard Schöffel noch bis weit in seine 70er-Jahre hinein als Vertretungslehrer an der MBS weiter.
Daneben war er in den vergangenen Jahren vor allem als Freier Mitarbeiter für den Sulzbacher Anzeiger unterwegs. Es gab kaum eine Veranstaltung in der Gemeinde, bei der Gerhard Schöffel nicht mit seiner Kamera dabei war. Immer etwas hektisch und immer freundlich stellte er die Protagonisten zu Gruppenfotos zusammen. Konzerte, Feste und Theateraufführungen hielt er mit seinem guten Auge in unzähligen besonderen Fotos fest. Und das Verfassen der Artikel fiel ihm als Lehrer auch nicht schwer. So wurde „gs“ – wie sein Namenskürzel unter den Artikel lautete – zu einem der wichtigsten Chronisten der jüngeren Ortsgeschichte.
Nie berichtet hat er lediglich über die Kommunalpolitik. Denn da war Gerhard Schöffel selbst Akteur. Bis zu seinem Tod saß er 35 Jahre lang beinahe ununterbrochen erst für die GAL, später für die Grünen im Gemeindevorstand. Die Arbeit in der „Regierung“ der Gemeinde lag ihm mehr als das öffentliche Gerangel in der Gemeindevertretung. Dass er dafür zum Ehrenbeigeordneten ernannt worden ist und den Ehrenbrief des Landes Hessen erhalten hat, hielt Gerhard Schöffel nicht für erwähnenswert.
70 Jahre Turmbläser
Wenn er nicht für die MBS, den Sulzbacher Anzeiger oder die Gemeinde im Einsatz war, spielte er Tennis im TVST, engagierte sich für den Sulzbacher Volkslauf, organisierte das Folklorefest, half beim „Freundeskreis Jablonec“ mit oder sang in der Fastnacht bei den „Hanelbachlerchen“. Und wenn er dann immer noch Zeit hatte, holte er seine Trompete heraus und spielte im Posaunen-Chor Höchst. Unglaubliche 71 Jahre lang kletterte Gerhard Schöffel in der Adventszeit mit seinen Musikerkollegen zweimal pro Woche auf den Turm der Frankfurter Nicolaikirche und spielte von oben Weihnachtslieder für die Besucher des Weihnachtsmarktes. Gerhard Schöffel ist wirklich jemand, der eine große Lücke hinterlässt – ja eigentlich gleich mehrere.
Das gilt natürlich auch für seine Familie. Ehefrau Ruth musste zwar schon immer häufig auf ihren Gerhard verzichten, doch waren die beiden ein bewundernswert eingespieltes Team. Auch Tochter Kristina und die beiden schon erwachsenen Enkel werden ihren Vater und Opa schmerzlich vermissen.
Der einzige Trost ist, dass es wahrscheinlich Gerhard Schöffels Wunsch war, irgendwann einmal schnell und ohne langes Leiden aus dem Leben gerissen zu werden. Denn untätig als Pensionär oder gar als Pflegefall herumzusitzen, wäre für einen wie Gerhard Schöffel wohl der größte Albtraum gewesen.
