Schöne Damen, edle Herren, rüde Sitten

Trotz blutigem Gesicht, auf in die Schlacht mit Schwert und Schild. Ein Mittelalter-Krieger kennt keinen Schmerz. Und nach dem Schaukampf und dem Gruppenfoto wird heftig gemeinsam gefeyert. Foto: Streicher

Von Jürgen Streicher

Oberursel. Oh ja, sie können heftig „feyern“, die Männer und Frauen aus dem Mittelalter. Weltoffen wie sie sind, laden sie dazu auch das gemeine Volk aus der Neuzeit ein. In Massen strömt es zum Festgelände zwischen Alt- und Neustadt, die „11. Oberurseler Feyerey“ war ein Begegnungsfest zwischen den Welten für die Freunde einer lange vergangenen Epoche.

In welcher Zeit bewegen wir uns eigentlich hier? Das kann keiner so genau sagen, ist auch nicht so wichtig bei einer Zeitspanne von mehreren hundert Jahren. Das Mittelalter ist ein weites Feld in vergangenen Zeitläuften. Wenn es für ein Wochenende an einem kuschligen Ort auflebt, treffen sich Wikinger und Kelten, Stauffer, Ritter und Templer in prächtiger Tracht auf einem Lagerplatz. Leben in Menschen aus dem 21. Jahrhundert ihr Traumleben aus einer anderen Welt. Nicht am Computer, nein, vielfach barfuß im Wiesengrund zwischen den beiden Urselbächen. Am „Bachpfädchen“, dem Mühlengraben entlang der historischen Mahlmühlenroute, lässt sich gut vom Mittelalter träumen. Und es lässt sich wunderbar noch einmal mit Stromanschluss und Dixie-Klo lebendig inszenieren.

Perfekter Spielplatz

Die „Feyerey“ draußen vor der alten Stadtmauer hinter der Bleiche ist alljährlich ein Ereignis, das bei den Mittelalter-Freaks im weiten Umkreis im Kalender so rot markiert ist wie bei Genießern eines guten Rieslings das gleichzeitig stattfindende Rheingauer Weinfest auf dem Marktplatz. Das Bachpfädchen mit dem bewaldeten Wiesengrund vor der Kulisse der Kirche St. Ursula bietet den perfekten Spielplatz für Szenen aus dem Mittelalter. Verklärt zu einem Ort fröhlicher „Feyerey“ mit einem Leben in friedlicher Koexistenz. Edle Herren und schöne Damen lagern nicht weit entfernt vom Falkner, von Kriegern, Gauklern und den „Hübschlerinnen“, wie sich die Freudenmädchen einst nannten, die unter ihren „Benefizangeboten“ neben „Weiblichkeit“ auch „Bejubeln“ und wahlweise „Erniedrigen“ – natürlich rein im virtuellen Raum – auflisten und interessant geformte Seifenstangen am improvisierten Verkaufstresen anbieten. Jeder spielt hier seine Geschichte, sie kann irgendwo zwischen Schweden, Russland, Zypern und Damaskus zu irgendeiner Zeit stattgefunden haben und wird nun reloaded nachgezeichnet.

Kleine Schummeleien

Wie Anna von Rosenberg im Minnegewand im richtigen Leben heißt, das muss niemand wissen. Auf dem Zeltplatz leitet sie das Lager der vornehmen Cronberger Ritter und residiert mit Tochter im Mittelalterkleid in einem geräumigen zeitgemäßen Schlafzelt, wo sie sich in einem edlen Holzbett unter Felldecken und auf einer Strohmatratze zur Ruhe betten kann. Kleine Schummeleien, also bei der Matratze, sind natürlich erlaubt, die Mittelalter-Epigonen verfügen durchaus auch über Smartphones und kommen im Wohnmobil zum Teil aus weiter Ferne angereist.

Die mittelalterliche Spielwelt mit erwünschtem Publikum – die Feyerey ist ja auch ein Markt für altes Handwerk, für Händler und Hökerer und allerlei zwielichtige Scharlatane – führt die Freunde vergangener Welten seit einem Jahrzehnt alle Jahre wieder am ersten August-Wochenende bei der „Oberurseler Feyerey“ zusammen. Der örtliche Verein „Ursellis Historica“ – jetzt auch auf Instagram – übernimmt das Patronat. Ein Fest für tausende Besucher, die auf unterschiedlichen Levels die Faszination Mittelalter teilen. „Recken und Edelfrauen“ ab 16 Jahren zahlen sechs Taler Eintritt, „Maiden und Knappen“ vier Taler, das gilt auch für „gewandetes Volk“ im Mittelalter-Outfit. Gezahlt wird meist in Talern, der Einfachheit halber wird der Kurs mit dem Euro 1:1 umgerechnet.

Wikinger-Schach und Feuershow

Bezahlt wird sonst nur für den leiblichen Genuss, die Mittelalter-Show mit Falkenflug und Schwertkämpfen, Kinderbelustigung und Wasserguillotine, Tanz, Musik und Gaukler-Geplänkel auf der Bühne ist umsonst. Heftiges Handgeklapper und ein paar Spendermünzen in der Bratpfanne der schönen Tänzerin reichen den Protagonisten. Am Tresen der „Grafentaverne“ gibt es Metbier und Kirschmet, in der „Midgard Schänke“ wird auch am Nachmittag schon reichlich Whisky ausgeschenkt, auf dass die Aufführung an der beliebten Wasserguillotine noch mehr Spaß macht und die „Scharmützel der Kämpfer“ auf dem Turnierplatz mit Schwertern, Lanzen und Schildern zur Verteidigung noch echter wirken. In der „Blagen-Spielstätte“ hantieren die Kinder noch ganz analog mit Bauklötzen, beim Wikinger-Schach werfen gestandene barfüßige Männer im Leinenrock mit Holzstäben mit Zahlen markierte Hölzer. Ein Höhepunkt immer wieder das pöbelnde Gauklerpack der „Galgenbrüder“ auf der Hauptbühne und die Feuershow auf dem Turnierplatz, wenn die Abendsonne schon längst hinter St. Ursula untergegangen ist. Aber das letzte Horn voll Met noch lange nicht getrunken ist.

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