(S)TÜRMisches

Warum kehren Menschen der Stadt mit ihrem Lärm, der Hektik, der schlechten Luft den Rücken und ziehen auf’s Land? Gute Luft – wenn die Bauern nicht zu viel der Gülle auf ihre Felder schleudern – Wälder und Wiesen, so weit das Auge reicht, Entschleunigung und nicht zuletzt mehr Platz für weniger Geld!

Dazu gehören auch, vor allem im Bayerischen, glückliche Kühe, die eben nicht ihr angebundenes Dasein in engen Ställen ohne Hoffnung auf grünes Gras und frische Luft fristen, sondern den ganzen Sommer über draußen in aller Ruhe dem Geschäft des Widerkäuens nachgehen können.

Was für die meisten Menschen nach Idylle pur klingt, bedeutet für ein Ehepaar, das sich am Rande des kleinen Weilers Erlkam in einem aufwendig hergerichteten Haus niedergelassen hat, eine Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität. Die Nachtruhe sei gestört, der Güllegestank stoße ihnen übel auf und natürlich auch die damit verbundenen Fliegen stellten eine unzumutbare Belästigung dar, so der Unternehmer, der mit hochpreisigen Autos handelt und selbst eins fährt.

Das Oberlandesgericht München konnte sich dieser Auffassung nicht anschließen und wird der Bäuerin auch diesen Sommer, in dritter Instanz, wieder gestatten ihre sechs (!!) Kälber nebst Glocke auf die Weide zu stellen. „Wenn’s dann so weit ist“, so die Landwirtin, „dann entschuldige ich mich bei denen.“ Mit „denen“ ist im Übrigen nicht das klagende Ehepaar gemeint, sondern die Kälbchen, „weil ich sie zu diesen Leuten stelle…!“

Und dabei hatte sich die Bäuerin 2015 immerhin auf einen Vergleich eingelassen, demzufolge sie die Kühe nicht in unmittelbarer Nähe zu dem Nachbarhaus grasen lassen durfte, sondern erst ab einer gewissen Distanz.

Aber selbst das genügte den Klägern nicht und so wird dieser sogenannte Holzkirchener Kuhglockenstreit, der mittlerweile zu einem Medienspektakel geworden ist, wohl bald den Bundesgerichtshof beschäftigen, der natürlich nichts Wichtigeres zu tun hat...

Im Grunde ist dies ein Kampf zwischen Zugezogenen und Eingesessenen. Es geht um Brauchtum und Tradition gegen irrige Vorstellungen von lärmgestörten Städtern. Natürlich muss eine Kuh auf der grünen Wiese in der Tiefebene keine Glocke tragen, damit der Bauer sie wiederfindet, so wie in den Bergen. Aber es gehört halt irgendwie dazu und das bereits seit Jahrtausenden auf der ganzen Welt. Auch der absurde Versuch, ausgerechnet das Glockentragen und nicht etwa die Massentierhaltung als Tierquälerei zu disqualifizieren, konnte wissenschaftlich nicht untermauert werden. Natürlich könnte man Kühe auch mit GPS-Sendern ausstatten – das hatte der Kläger der Bäuerin ebenfalls angeboten – aber wo kämen wir denn da hin?

Auf ins Grüne, aber bitte nicht zu viel Natur. Frösche, Hähne, Gänse und Kühe haben nur dann Laut zu geben, wenn es gerade mal ins Bild passt, sonst sollen sie bitteschön als stumme Kulisse dienen für eine Utopie der Idylle zugezogener Ignoranten, findet

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