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Schuberts Winterreise, einfühlsam interpretiert

Der Sänger Ernst-Georg Heß und sein Pianist Hanno Lotz nahmen ihre Zuhörer auf eine unvergleichliche „Winterreise“ mit. Foto: Krüger

Königstein (sk) – Der Förderverein Haus der Begegnung Königstein präsentierte am vergangenen Sonntag im Haus der Begegnung den Königsteiner Bassbariton Ernst-Georg Heß und den Pianisten Hanno Lotz, die den Liederzyklus „Winterreise“ von Franz Schubert auf beeindruckend einfühlsame Weise interpretierten. Ernst-Georg Heß war Schüler bei der Wiener Opernsängerin Elfriede Ameri in Bad Homburg. Sein breites Repertoire der klassischen Opernliteratur stellt Ernst-Georg Heß gerne in den Dienst sozialer und kirchlicher Engagements. Begleitet wird er dabei seit Jahren von dem Pianisten und Musikpädagogen Hanno Lotz, der sich durch zahlreiche Klavier- und Kammermusikabende als eindrucksvoller Lied- und Chorbegleiter ausgezeichnet hat.

Franz Schubert komponierte den Liederzyklus „Winterreise“ im Jahr 1827, etwa ein Jahr vor seinem Tod. Der Satz besteht aus 24 Liedern für Singstimme und Klavier. Ausgangspunkt waren die Gedichte von Wilhelm Müller (1794-1827), ein Zeitgenosse von Franz Schubert, der bereits 1823 den ersten Teil seiner Gedichte unter dem Titel „Wanderlieder von Wilhelm Müller. Die Winterreise. In zwölf Liedern“ und im Jahr darauf den zweiten Teil veröffentlichte. Vermutlich war Schubert deshalb so sehr von der Trauer, der Zerrissenheit und Hoffnungslosigkeit in den Gedichten von Wilhelm Müller ergriffen, weil er sich selbst zur Zeit seiner Komposition in einer ähnlich depressiven Verstimmung befand. Deshalb wohl gelang es ihm auch auf bisher ungekannte Art und Weise, Klänge zu entwickeln, die die Wehmut und tiefe Ausweglosigkeit des lyrischen Protagonisten musikalisch vertonten.

Schuberts Werk gilt sowohl technisch als auch interpretatorisch als große Herausforderung für Sänger und Pianisten. Dabei geht es vordergründig um die Darstellung einer unglücklichen Liebe zwischen zwei jungen Menschen. Er, ein Wandergesell, verlässt aus enttäuschter Liebe sein Mädchen und begibt sich auf eine Reise ins Nirgendwo. Erstarrt vor Sehnsucht und unterdrückter Emotionen bekämpft er seine immer wieder aufflammende Liebe mit der klirrenden Kälte seiner Realität.

Sein gequältes Herz kommt einfach nicht zur Ruhe. Verlockende Träume suchen ihn heim und leiten ihn in die Irre. Bald verfolgt ihn Todessehnsucht. Mit letzter Kraft wandert er weiter, bis er schließlich in einem alten Leiermann seinen musikalischen Weggefährten erkennt.

Hintergründig enthüllt sich Schuberts Winterreise als vielschichtiges Werk, das im Lichte der Zeitgeschichte und der Biographie ihrer Schöpfer zu betrachten ist. Die Winterreise gilt als eine geradezu kafkaeske Diagnose einer unmenschlichen Zeit und eines kaum erträglichen Spannungsfeldes zwischen einem freien kreativen Geist und der zwischenmenschlichen Wüste seines Lebensraumes. Dahinter steht das ungelöste Fragezeichen des ewigen Wohin und die Konfrontation mit der Sehnsucht nach Freiheit. Schuberts Musik zeigt deutlich, dass jeder selbst dafür verantwortlich ist, eine eigene, ganz persönliche Antwort darauf zu finden.

Es ist ein unglaubliches Hörerlebnis, das von seinen Interpreten eine gehörige Kraftanstrengung verlangt. So war es denn auch verständlich, dass Ernst-Georg Heß nach der Darbietung aller 24 Lieder ohne Unterbrechung um Verständnis bei den Zuhörern warb, dass auf eine Zugabe nach einer solchen Winterreise verzichtet werden müsse. Er bedankte sich bei seinem Publikum für die bewundernswerte Ruhe im Konzertsaal: „Sie waren das perfekte Publikum. Sie waren mucksmäuschenstill. Besser kann man es sich nicht wünschen“. Sicher lag das auch an der ergreifenden Stimmung, die die Winterreise bei den Zuhörern hinterließ.

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