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Von Spekulationsblasen „likes“ und „followern“

Professor Vincent Hendricks aus Kopenhagen sprach bei den Campus Kronberg Gesprächen über das Thema „The Trouble with Bubbles“. Foto: Frank Pichler/accenture

Kronberg (pf) –- Da SPD-Vizekanzler Sigmar Gabriel bereits zum zweiten Mal eine Einladung von Accenture, FAZ und American Chamber of Commerce zum Campus Kronberg Gespräch absagen musste, hatte Frank Riemensperger, Vorsitzender der Accenture Geschäftsführung, am Dienstagabend der vergangenen Woche den dänischen Professor Vincent Hendricks von der Universität Kopenhagen eingeladen. Der Wissenschaftler, der gleich zwei Doktortitel in Philosophie hat, ist Direktor des „Center for Information and Bubble Studies“ (CIBS) und referierte in englischer Sprache über das Thema „The Trouble with Bubbles“.

Wobei mit „Bubbles“ nicht etwa das gleichnamige beliebte Computerspiel gemeint war. Ihm ging es vielmehr um zerstörerische „Blasen“, Spekulationsblasen wie die Immobilienblase, die 2007 in den USA platzte und eine weltweite Finanzkrise auslöste. Derartige Blasen entstehen in vielen Bereichen, im Finanzsektor ebenso wie in Wissenschaft, Religion und Politik. Obwohl sie, wie Professor Hendricks erläuterte, wie ein weißer Hai sind, den man nicht kommen sieht, der urplötzlich auftauchen, tödlich werden kann und ebenso schnell wieder verschwindet, kommen sie nicht aus dem Nichts. Man muss nur lernen, ihre Anzeichen zu erkennen und richtig zu deuten, denn sie können, wie der Referent warnte, nicht nur Finanzmärkte, sondern auch Demokratien zerstören.

Die erste überlieferte Spekulationsblase platzte Anfang des 17. Jahrhunderts in den Niederlanden. Damals spekulierten viele Menschen mit Tulpenzwiebeln, denn eine einzige kostete das Zehnfache des Jahreseinkommens eines Arbeiters. Nachdem in den 1630er-Jahren die Preise für Tulpenzwiebeln auf ein extrem hohes Niveau gestiegen waren, brach zu Beginn des Februars 1637 der Preis abrupt ein und riss viele Spekulanten ins Verderben. Viele verloren damals ihr gesamtes Vermögen und ihre Existenz.

Im Zeitalter der Sozialen Netzwerke wachsen Blasen ganz anderer Art. In Dänemark beispielsweise, so berichtete Professor Hendricks, ist der 16-jährige Benjamin Lasnier der Mensch mit den meisten „followers“ bei Instagram – nur weil er Justin Bieber ähnlich sieht und immer wieder neue Fotos von sich ins Netz stellt. Das hat ihm inzwischen nicht nur Werbeverträge, sondern sogar einen Plattenvertrag eingebracht, obwohl er bei Weitem nicht so gut singen kann wie sein berühmtes Vorbild. „Er war smart, macht Geld und hat Erfolg, nur weil er Justin Bieber ähnlich sieht“, so der Professor.

In der Politik versucht derzeit der Milliardär Donald Trump in ähnlicher Weise über die sozialen Netzwerke Stimmen für seine Präsidentschaftskandidatur zu gewinnen, indem er im Internet polarisiert, Emotionen weckt und Gefühle schürt. Und „likes“ kann man inzwischen sogar kaufen. „Dabei hat Trump kein politisches Programm und weiß gar nicht, was Politik ist“, merkte Hendricks zum Vergnügen seiner Zuhörerschaft an.

Seinem gebannt lauschenden Publikum stellte der temperamentvolle und eloquente Professor ein Diagramm vor, das er an seinem Institut entwickelte und das sichtbar macht, wie Spekulationsblasen sich typischerweise entwickeln, ehe sie wieder in sich zusammenfallen. Es beginnt immer damit, dass jemand glaubt, dass andere das Richtige tun und es ihnen nachmacht. Das wiederum veranlasst die Nächsten beispielsweise zum Kauf von Aktien oder anderen Spekulationsobjekten, sodass die Kurve steil nach oben geht. Nach einem ersten Einbruch, folgt üblicherweise eine kurze Phase der Erholung, ehe die Kurve fast senkrecht abfällt bis tief unter das Anfangsniveau, ehe sie sich wieder dorthin zurück begibt. Auf die Frage, ob es denn inzwischen ein Frühwarnsystem gibt, damit man nicht auf eine Spekulationsblase hereinfällt, antwortete der Professor, noch nicht, aber er arbeite derzeit mit seinen Studenten daran.

In welcher rasenden Geschwindigkeit die Finanzmärkte heutzutage global auf Vorkommnisse reagieren, machte Hendricks an der Falschmeldung über Bombenexplosionen im Weißen Haus deutlich, bei denen Präsident Obama angeblich verletzt worden sei. Innerhalb weniger Minuten fiel der Dow-Jones-Index um 146 Punkte, rutschte damit in die Verlustzone und sorgte für einen Verlust von 200 Milliarden Dollar. Doch es dauerte ebenfalls nur Minuten, bis erkannt wurde, dass Hacker die Falschmeldung lanciert hatten und der Dow-Jones-Index wieder auf seine ursprünglich Höhe zurück schnellte.

Bei den Spekulationsblasen ist es wie mit den Lemmingen: Einer folgt dem anderen bis alle ins Verderben stürzen. Dabei ist viel Psychologie und Manipulation im Spiel. Wer das Buch kauft, das die Bestsellerliste anführt, kauft mit Sicherheit nicht gleichzeitig das beste Buch, so der Professor. Und Versicherungen werden vor allem gekauft, um sich sicher zu fühlen, nicht weil man sie wirklich braucht. Clevere Verkäufer schaffen es mit geschickter Argumentation immer wieder, Produkte an den Mann oder die Frau zu bringen, die diese weder haben wollen noch brauchen, beispielsweise indem sie ihnen zusätzliche Dinge gratis dazu packen, die sie ebenso wenig brauchen.

Auch wenn Einzelpersonen noch so rational sind, können sie gemeinsam dennoch extrem dumm sein, warnte Hendricks und forderte sein Publikum dazu auf, Signale jeweils sorgfältig zu prüfen und zu interpretieren, um nicht gemeinsam mit anderen in die falsche Richtung zu laufen. Meinungen sind Investitionen: „Seien Sie vorsichtig mit Ihren ,likes‘!“

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