Maria Kraus – eine Frau, die weiß, wo sie hin will

Maria Kraus hängt eine Tafel mit dem Leitbild der Caritas an die Wand. Foto: Streicher

Von Jürgen Streicher

Oberursel. Ob Politiker oder Sportler, Künstler oder Engagierte in Vereinen, Verbänden und Institutionen: Es gibt viele interessante Köpfe in der Stadt, über die nicht so häufig berichtet wird. Ihnen wollen wir uns in dieser Serie widmen. Heute steht die Abteilungsleiterin Alten- und Gesundheitshilfe bei der Caritas Hochtaunus und Initiatorin des Hospizes St. Barbara, Maria Kraus, im Mittelpunkt.

„Ich wollte dahin.“ Ein Satz, den Maria Kraus mit voller Überzeugung über alle Stationen ihres Lebens sagen kann. Sie wollte raus in die Welt und jetzt will sie zurück in die Heimat. Ins beschauliche Mardorf im Marburger Land, ins 300 Jahre alte elterliche Fachwerkhaus mit großem Garten, mit Schwester und Bruder mit Familie in nächster Umgebung. Die Caritas im Hochtaunus war mehr als ihr halbes Leben ihre berufliche Heimat, im wörtlichen Sinn bestimmte sie ihr ganzes Leben bis zum heutigen Tag und soll das auch weiterhin tun. Das lateinische Wort Caritas steht vor allem für Nächstenliebe, aber auch für Hochachtung, Wertschätzung, Wohltätigkeit und göttliche Liebe. In diesem Sinne gibt es immer zu tun, auch wenn man sich aus dem Berufsleben zurückziehen mag mit knapp 66 Jahren Lebensalter. „Ist genug jetzt, reicht“, sagt Maria Kraus. „Ich will dahin“, heißt das auch, weiter meinen Weg gehen.

„Ich wollte dahin.“ Das wusste Maria Kraus schon vor fast 50 Jahren. Soziales Jahr im Kinderheim, dann Krankenschwester, Dienst in der Entwicklungshilfe. Ein Traum, nach Brasilien zu gehen, irgendwo in die Weiten des riesigen Amazonas-Gebiets. Die katholische Kirche, in deren Glauben sie tief verankert ist, bot ihr diesen Weg. Über den Orden der Spiritaner, Missionsgesellschaft vom Heiligen Geist, führte der Weg nach Südamerika, 23 Jahre jung war sie da, mit einem Leben voller Liebe im Kopf und im Herzen. Vier Jahre blieb sie dort, bis 1980, als „MAZ“, wie sie damals genannt wurden, „Missionar auf Zeit“. Das prägt, das hinterlässt auch Zerrissenheit und Schmerz beim Abschied, wenn der Weg an anderen Orten weitergehen muss.

Eine auf dem Heimweg im Zug zufällig gelesene Notiz über ein Projekt „Therapie statt Knast“ führte sie an den Bodensee. Wo die Moskitos „fast so schlimm wie in Brasilien waren“. Das Projekt war noch nicht ausgereift, Maria Kraus aber blieb, machte in Reichenau Zwischenstation als Krankenschwester in der Psychiatrie, danach als Fachkrankenpflegerin für Gemeindepflege in Koblenz. Längst hat sie sich an „Schwester Maria“ gewöhnt, ihr Leben verläuft im Rahmen klarer Konturen. „Was mir immer wichtig war“, das sagt sie öfter im Gespräch: „Die Verankerung im christlichen Glauben.“

Wegweisende Modelle

Oberursel macht Maria Kraus für mehr als die Hälfte ihres Lebens sesshaft. Schwester Maria übernimmt 1986 die Leitung der Caritas Sozialstation am Hollerberg, im heutigen Haus der Musikschule. Der Ortsteil Stierstadt wird ihre neue Wohnheimat, seit einigen Jahren in Blickweite zum Haus des Bürgermeisters. Rund 33 Jahre Oberursel, das reicht für eine „Einbürgerung“ und im Fall von Maria Kraus zu einem festen und bekannten Platz in der Stadtgesellschaft. Wertschätzung im Sinne der Caritas wird auch ihr entgegengebracht, Stadt und Kirche haben wohl registriert, dass sie hier „einiges mit auf den Weg gebracht hat“, wie sie es selbst bescheiden ausdrückt. Noch ohne andere Pflegedienste im Umfeld hat die Sozialstation Ende der 70er-Jahre mit sechs Leuten angefangen, heute sind über 30 mit kleinen weißen Flitzern im Stadtgebiet unterwegs. „Ich kenne alle Patienten“, das konnte Schwester Maria während all der Jahre stets behaupten. Immer ist sie auch selbst auf Tour gewesen. „Pflegevisite“ nennt sie die Besuche am Wochenende, bei denen auch mal ein Moment Zeit zum Reden war. „Das war mir immer wichtig.“

Ambulant vor stationär ist eine Devise, die bei der Arbeit der Sozialstationen im Caritasverband für den Bezirk Hochtaunus oberste Prämisse ist. „Es geht darum, die Pflege in Heimen so weit wie möglich hinauszuschieben“, formulierte Maria Kraus einst als Ziel für die verstärkten mobilen Dienste der Caritas. Da war sie schon Abteilungsleiterin Alten- und Gesundheitshilfe bei der Caritas Hochtaunus. So steht es auch auf ihrer aktuellen Visitenkarte, die sie nun am Monatsende abgeben wird. Ausgebildete Haushaltsassistenten, qualifiziert und vermittelt von der Sozialstation der Caritas, sollten die „Versorgungslücke“ wahrnehmen und älteren und behinderten Menschen Hilfe im Alltag bieten. Auch so etwas, das Maria Kraus mit auf den Weg gebracht hat. Und natürlich das Projekt „Oberursel bewegt sich – auf dem Weg zu einer demenzfreundlichen Kommune“ in Kooperation mit städtischen Einrichtungen, der Seniorenbeauftragten und dem Demenznetzwerk „Lichtblicke“. Um Multiplikatoren bei der Beschäftigung mit der Volkskrankheit der Zukunft in einer alternden Gesellschaft ging es da.

Die Kleeblatt-Philosophie

Ihr letztes großes Projekt, auch das passt in die Lebensphilosophie von Maria Kraus, in der „auch das Sterben zum Leben gehört“, war die Etablierung ambulanter Hospizdienste und der Bau eines stationären Hospizes in Oberursel. Da war Gerd Krämer noch Bürgermeister, der Christdemokrat ein guter Hilfsmotor bei der Ausarbeitung des Traums, obwohl er in dessen Amtszeit noch nicht verwirklicht werden konnte. Auf den Ortsteil Bommersheim waren die Pläne lange fokussiert, doch Kirche, Caritas, Stadt und Grundstücksbesitzer kamen nicht final zusammen. Ihre schöne Idee vom Kleeblatt musste Maria Kraus verwerfen. Wie die vier Blätter eines besonderen Kleeblatts sollten sich ein Hospiz, ein Haus für demenziell Erkrankte, ein Heim für junge Pflegebedürftige und ein Wohnhaus für ältere behinderte Menschen um eine zentrale Verwaltung in der Mitte scharen. Der Vorstand der Diözese Limburg legte das Projekt, das zusammen mit dem Gemeinnützigen Siedlungswerk Frankfurt gebaut werden sollte, schließlich zu den Akten. Die Caritas sei mit einem eigenen Heim in Oberursel nicht wettbewerbsfähig, hieß es damals in einem unabhängigen Gutachten.

Gebaut wurde das erste stationäre Hospiz im Vordertaunus schließlich direkt neben dem Traute-und-Hans-Matthöfer-Haus der Arbeiterwohlfahrt am Rand des geschützten Naherholungsgebiets Atzelhöhl. Die Stadt hat das Grundstück zur Verfügung gestellt, der Kostenplan von 2,2 Millionen Euro für das Haus mit zwölf Betten ist laut Maria Kraus eingehalten worden. Oberursel und Bad Homburg stellten Fördermittel zur Verfügung, die Fernsehlotterie war dabei, über „Fundraising“ wurden viele Spenden eingesammelt. Das Haus wurde 2013 fertiggestellt und wird seitdem gut angenommen, im ersten Jahr hat Maria Kraus selbst die Leitung übernommen. Auch Sterben gehört zum Leben, an diesem Ort ist es täglich präsent.

Der christliche Glauben stärkt alle, die hier arbeiten, Maria Kraus erinnert gern daran, dass die Ruheplätze auf Pilgerwegen auch Hospize genannt werden. „Der Tod ist nicht das Ende, er ist ein Übergang.“ In der alten Heimat Mardorf warten noch viele Aufgaben auf Schwester Maria. Mal abgesehen von Haus und Garten etwa der Bürgerverein „Leben und alt werden in Mardorf“, in dem sie sich schon lange engagiert. Zurück zu den Wurzeln, da will sie nun hin.

Weitere Artikelbilder:



X